Harald Martenstein : Gold für die SPD-Oldies

Harald Martenstein über die Olympischen Moralspiele

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Als das IOC beschlossen hat, „moralisch vorbildliches Verhalten“ als neue olympische Disziplin einzuführen, mit der Begründung, dass erstens auch „Kunst“ früher einmal olympisch war und dass zweitens moralisches Verhalten ebenso wünschenswert und förderungswürdig sei wie Sport, bin ich skeptisch gewesen. Im Nachhinein muss man sagen: Es waren spannende Wettkämpfe.

Die Katholiken waren voller Selbstbewusstsein und topfit angereist, alle Experten hatten sie für eine Medaille auf der Rechnung. Letztlich waren sie aber, in Anbetracht zahlreicher sexueller Patzer, mit dem siebten Platz, knapp vor den Chinesen, noch gut bedient. Auch für die vorab als stark eingeschätzten Protestanten (Platz sechs) reichte es bei der olympischen Premiere überraschenderweise nicht auf das Treppchen. Der schwere Sturz ihrer Frontfrau kostete bei der Jury kräftig Punkte. Sehr zufrieden mit Platz fünf konnten dagegen die Muslime sein, die als krasse Außenseiter angereist waren, aber ausgerechnet in den Disziplinen, in denen die Protestanten schwächelten, „maßvoller Alkoholgenuss“ und „Fasten“, kräftig punkteten. Erst durch tätliche Angriffe auf Karikaturisten brachte sich diese Mannschaft, die zweifellos Potential besitzt, um ihre Medaillenchance.

So konnte, von den Favoriten, letztlich nur das Judentum in den Kampf um Gold, Silber und Bronze eingreifen. Trotz einer auch künstlerisch ansprechenden Performance blieb den Juden jedoch nach einem nervenzerfetzenden Fotofinish nur der undankbare vierte Platz. Das jüdische Team machte einen zerstrittenen Eindruck, die Rabbiner ließen bei ihrem Kürlauf doch einiges an sexueller Tadellosigkeit zu wünschen übrig. Der dritte Platz der Konfessionslosen war eine echte Überraschung, ohne den misslungenen dreifachen Toeloop von Guido Westerwelle wäre vielleicht sogar noch mehr drin gewesen. Mit Silber für den Dalai Lama und seine Mönche können alle gut leben. Die eigentliche Sensation dieser Spiele war natürlich eine Goldmedaille, die trotz eines leichten Wacklers beim Drogenkonsum – Zigaretten! – einstimmig an das SPD-Traditionsteam aus Helmut Schmidt, Jochen Vogel und Erhard Eppler vergeben wurde.

Die Moralwettkämpfe haben die Spiele bereichert. Nach dieser gelungenen Premiere ist die Entscheidung des Olympischen Komitees, in vier Jahren die Moralsportler sogar in sieben Disziplinen antreten zu lassen – Langstrecke, Kurzstrecke, Reden, Handeln, Zweikampf mit der Moralkeule, Military und Freestyle –, zu begrüßen. Mit der Autofirma Maserati, die sich bekanntlich auch schon in der Berliner Treberhilfe stark engagiert, steht überdies ein überzeugender Sponsor zur Verfügung.

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