Harald Martenstein : Heuchelei

Wer von den Menschen etwas verlangt, was sie nicht geben können - wie den Zölibat - der zwingt sie auf Abwege. Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern, bleibt es so, wie es schon immer war.

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Katholische Priester sollen, zugunsten ihres Glaubens und ihres Berufes, auf sexuelle Beziehungen verzichten, lebenslänglich. Manche kommen damit zurecht, andere nicht. Es hat Jahrhunderte gedauert, diese Vorschrift durchzusetzen, der Widerstand war erheblich. Erst 1139 ist der Zölibat verpflichtend geworden, zunächst nur als Ehelosigkeit. Immerhin bis 1545 wurden von der Kirche Konkubinen geduldet, also Freundinnen, sogar bei Bischöfen. Der Zölibat hängt einerseits mit der Idee zusammen, dass Sex „unrein“ ist, aber er war keineswegs nur aus diesem Grund der Kirche wichtig. Geistliche sollten keine Kinder haben, zumindest keine ehelichen. Sie sollten nichts vererben können, ihr weltlicher Besitz sollte nach ihrem Tod der Kirche zufallen und sonst niemandem.

Kein Sex. Keine Kinder. In dem Verbrechen „Kindesmissbrauch“ fallen die beiden katholischen Tabus zusammen, und ausgerechnet dieses Verbrechen ist ja in den letzten Jahren häufig enthüllt worden, nicht nur am Berliner Canisius-Kolleg, sondern auch in den USA, in Irland, in England, in anderen deutschen Schulen. Natürlich bilden die Sexualtäter in der katholischen Priesterschaft eine kleine Minderheit, aber Einzelfälle sind es nicht, und es gibt da nur zwei Möglichkeiten: unter den Teppich zu kehren oder über Ursachen zu sprechen.

Anonyme Umfragen haben ergeben, dass etwa die Hälfte der katholischen Priester in ihrem Leben mindestens eine heimliche sexuelle Beziehung unterhalten, zu einer Frau oder einem Mann, nahezu ein Drittel hat angeblich mindestens ein Kind gezeugt. De facto gibt es den Zölibat nicht, stattdessen Heuchelei. Vielleicht sind es gerade diejenigen, die zu solchem Pragmatismus nicht imstande sind, die besonders Gesetzestreuen, die nach langem Kampf gegen sich selbst im Verbrechen enden. Das Befummeln von Kindern, sagen sie sich vielleicht, ist doch irgendwie kein richtiger, unreiner, ganz und gar böser Sex, davor hat man Angst, nein, es ist etwas anderes. Vielleicht ist aber auch die Kirche, mit ihrem verkrampften Verhältnis zu diesen Dingen, ein besonders attraktiver Arbeitgeber für Männer mit einer beschädigten Sexualität.

Als die Kirche noch die Kraft hatte, Scheidungen zu verbieten, als jede Ehe lebenslang sein musste, wie der Zölibat, wählten nicht wenige den Ausweg des Gattenmordes, davon erzählt der Film „Scheidung auf italienisch“. Auch der Zölibat wäre eine schöne spirituelle Idee, wenn man ihn beenden dürfte, ohne deswegen aus seinem Beruf, den man liebt, verstoßen zu werden. Wer von den Menschen etwas verlangt, was sie nicht geben können, der zwingt sie auf Abwege, immer wieder. Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern, wird alles so bleiben, wie es ist.

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