Zeitung Heute : Hart an der Bahnsteigkante

Streik, Stau, Streitigkeiten: Ortstermin am Ostbahnhof

Constanze von Bullion

Früher Morgen, 6 Uhr 01, Regionalexpress 38166 nach Wittenberge. Falk Haustein hat für alle Fälle diesen kleinen Zettel mitgenommen, auf dem notiert ist, worum es geht. Er hat ihn gleich neben das Fahrtenbuch gelegt, und wenn er gefragt wird, warum seine Lok jetzt schon 13 Minuten vor der großen Bahnhofsuhr steht, linst er aufs Papier und liest vor, was die Gewerkschaft aufgeschrieben hat. „Zum Beispiel wollnse, dass wir 18 zusätzliche Schichten im Jahr fahren“, sagt Haustein. Schon jetzt werde 148 Prozent mehr gearbeitet. Er lässt den Zettel sinken, wirkt etwas matt zwischen all den starken Hebeln. Haustein weiß, dass nicht jeder begeistert ist vom großen Bahnstreik und von Verspätungen. Und er selbst, ist er begeistert vom Ausstand? Er seufzt. „Wennse meine ehrliche Meinung wissen wollen.“ Pause. „Sollen wir denn nur noch arbeiten gehen?“

Lokführer Haustein ist kein Freund großer Worte, so viel steht fest. Lautstarke Empörung überlässt er lieber den Kollegen, die unten auf Gleis 3 stehen und ein Transparent hochhalten. „Minus 200000 Arbeitsplätze, weniger Geld – es reicht“, steht da drauf. Die Gewerkschaft der Lokführer hat einen Warnstreik ausgerufen, seit sechs Uhr am Donnerstagmorgen stehen alle Räder still am Berliner Ostbahnhof, naja, fast alle, hinter dem ICE, der wie festgefroren am Nebengleis liegt, sieht man ein paar S-Bahnen rollen. Bis weit in den Nachmittag wird der Fahrplan durcheinander geraten im ganzen Land. Warum das sein muss, kann kaum einer richtig erklären.

Herr Kernchen zum Beispiel, Chef der Berliner Gewerkschaft der Lokführer, hat am Telefon gesagt, Lokführer und Zugbegleiter bräuchten einen eigenen Spartentarifvertrag. Damit die „Wertigkeit des Berufes“ gewürdigt werde und weil Lokführern die Wartezeiten nicht ausreichend vergütet würden. Alles Unfug, erklärte dagegen ein Herr von der Gewerkschaft Transnet, der von Extrawürsten für Lokführer nichts hören möchte. Fünf Prozent mehr Einkommen für alle und die sofortige Angleichung von Ost- und Westgehältern, nicht anderes wolle Transnet mit der Verkehrsgewerkschaft GDBA durchsetzen. „Völlig unangemessen“, fand das wiederum ein Sprecher der Deutschen Bahn AG. In den laufenden Tarifverhandlungen habe der Konzern einen Inflationsausgleich von 1,3 Prozent angeboten, mit den Warnstreiks werde nur der Kunde vergrault.

Von Falk Hausteins Arbeitsplatz aus gesehen, ist der Kunde natürlich etwas weiter weg, rein räumlich. Haustein steht zwei Meter überm Bahnsteig im Führerstand einer E114, er hat den Hebel des Bremsventils umgelegt und wartet. Genau 45 Minuten lang. Das reicht, um eine Stauwelle auszulösen, die durchs gesamtdeutsche Schienennetz rollen wird. Anders geht es nicht, sagt Haustein und zeigt auf den Dienstplan. Heute morgen ist er um 2 Uhr 45 in Cottbus aufgestanden, seine Frau wird er erst nach 18 Uhr wiedersehen. Oft ist er an die zwölf Stunden unterwegs, drei von vier Wochenenden hat er Dienst, Tendenz steigend. „Das war mal ein Traumjob“, sagt er. Früher.

Falk Haustein hat 1975 bei der DDR-Reichsbahn angefangen und ist dann schnurstracks hineingefahren in die neue Zeit. Die hat der Deutschen Bahn AG allein 2002 rund 500 Millionen Euro Verlust beschert. Im Regionalbereich jagen Privatunternehmen der DB die Aufträge ab, weil sie kostengünstiger arbeiten. Wäre es nicht klüger, in solchen Zeiten etwas weniger zu verdienen und dafür einen sicheren Job zu behalten? Darum geht es nicht, sagt Haustein und zuckt die Schultern. Bei der letzten Runde haben sie ihm bereits vier Prozent Zulage gestrichen. „Sicher“, sagt er, „ist bei der Bahn nur, dass nichts sicher ist.“

7 Uhr 02. Bahnhof Zoo, die Menschen stehen dicht an dicht. Alle Anzeigetafeln sind ausgefallen, dafür gibt es pausenlose Durchsagen. Professor Zhou Minkai versteht kein Wort, er ist nicht der einzige hier, aber das weiß er nicht. Zhou hat einen hüfthohen Jeanskoffer neben sich stehen und zwei Pappkisten. Punkt 5 Uhr 30 hat er sich ans Gleis 3 gestellt, aber es kam kein Zug. Zhou will um 18 Uhr 40 von Frankfurt nach Schanghai fliegen und glaubt nicht, dass er das noch schafft. „Ich kann ja verstehen, dass die Arbeiter streiken“, sagt Zhou, der zu politischen Studien in Deutschland war. Seine Ergebnisse sind eindeutig ausgefallen. „Die Regierung ist nicht gut, die Wirtschaft braucht Entwicklung.“ In China, sagt Zhou, gebe es ja schon lange keine Streiks mehr.

7 Uhr 35. Irmgard Koch will heim nach Süddeutschland. Sie ist nicht sauer auf die Lokführer, sondern auf die Konzernherren der Deutschen Bahn. „Das Management darf Fehler machen und zahlt sich dicke Abfindungen aus“, sagt sie. Sie aber bleibe auf der Strecke. Frau Koch wäre gern bei ihrer Schwester in Wittenberge ausgestiegen, notfalls hätte sie auch einen früheren Zug genommen. Aber keiner konnte ihr sagen, ob das geht mit dem neuen Fahrpreissystem. Nur diese Info-Hotline hat man ihr genannt, da war ewig besetzt. Nächstes Mal nimmt sie das Flugzeug. Naja, sagt ihr Begleiter, Streik muss schon sein. „Wenn es nicht weh tut, hilft es nicht.“

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