Zeitung Heute : Harte Arbeit am Akt

KATRIN BETTINA MÜLLER

Das Berliner Brücke-Museum zeigt Kirchner-NeuerwerbungenKATRIN BETTINA MÜLLER"Kirchner zeichnet, wie andere Menschen schreiben", beschrieb Ernst Ludwig Kirchner 1920 unter dem Pseudonym Louis de Marsalle die eigene Produktivität.Den französischen Kunstkritiker, der Kirchner-Katalogvorworte und -Kritiken lierferte, hatte der Maler erfunden, weil er den Kunsthistorikern nicht traute.Sein Konzept ging auf: Bis heute begeistert sich die Kirchner-Rezeption an der Unermüdlichkeit seines Schaffens, auch wenn der Motivkreis der Akte, Artisten, Bade- und Straßenszenen eng beschränkt blieb. Es ist nicht bekannt, über wie viele Zeichnungen von Kirchner seine Erben und Nachlaßverwalter noch verfügen.Doch daß das Brücke-Museum 1996 zwanzig davon für eine Million Mark, bereitgestellt von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie, erwerben konnte, sieht die Direktorin Magdalena Möller als großen Glücksfall.Ist doch an den Neuerwerbungen die Entwicklung Kirchners von einem flächigen Stil zu größerer Plastizität zwischen 1910 und 1914 zu verfolgen - bis in die haarfeinen Schraffuren hinein, die den Umrißlinien Schatten und Volumen verleihen. So sind die Konturen der Tuschfederzeichnung "Fränzi und Marcella" von 1910 noch nicht einmal durchgezogen, sondern nur die Spitzen der Bewegung geschwärzt, die übrigen Körperpartien setzt der Betrachter automatisch ein.In einem Gruppenakt von 1912, nach der Übersiedlung von Dresden nach Berlin entstanden, verschränken sich die Strichbündel der Haare, Fingerspitzen; Bewegungen wirken wie durchgestrichen und in mehreren Phasen gesehen.Die festgehaltene Situation gewinnt an Komplexität über den eigentlichen Augenblick hinaus. Unter den zweihundert Kirchner-Zeichnungen, über die das Museum als Eigenbesitz und in Leihgaben verfügt, fehlte bisher das Motiv der Artisten.Diese Lücke füllt nun die beiläufige Szene der "Drei Drahtseilartisten", die noch am Rande des Seils (und des Papiers) tändeln.Die Ungenauigkeit der Kohle-Striche und ihr Verwischen entsprechen dem Moment, bevor sich die Artisten mit Leib und Leben auf das Seil begeben. Wo Figuren kaum noch aufs Blatt passen, die Ränder krumm und flüchtig beschnitten scheinen, erhöht die kleine Sonderausstellung den Eindruck des spontanen zeichnerischen Reflexes auf die unmittelbare Gegenwart.Aber anders als etwa in den Skizzenbüchern von George Grosz, der im Getriebe der Straßen seine Typen sammelte, sind viele der Akte und Badezuber-Szenen Kirchners Inszenierungen aus dem Atelier, das dafür auch schon mal an das Ufer eines Sees verlegt wurde.Die Anmutung des Natürlichen war harte Arbeit: Damit erhielt das klassisch-akademische Motiv des Aktes eine gelebte Frische zurück, für die die Expressionisten bis heute geliebt werden. So nimmt uns auch die kleine Artistin Marcella, die sich unbefangen in einem Sessel fast wie die Katze neben ihr zusammenrollt, durch den Verzicht auf Koketterie für sich ein.Das 1995 erworbene Bild stellt das Museum jetzt, von irritierenden Flecken und nachgedunkelten Schichten gereinigt, vor: Unvermutet poppig leuchtet das Orange der nackten Arme und Beine aus dem grüngeringelten Hemd. Mit über 100 000 Besuchern im Jahresdurchschnitt beweist das kleine Landesmuseum die ungebrochene Attraktivität der Brücke-Maler.Mit einer Ausstellung über die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" im kommenden September hofft Magdalena Möller an die Besucherrekorde der Kandinsky-Ausstellung 1994 anknüpfen zu können. Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Mittwoch bis Montag 11-17 Uhr. 

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