Zeitung Heute : Hartnäckigkeit hat eine Chance

Umschulungen werden immer seltener bewilligt. Gute Vorbereitung ist entscheidend

Susanne Herrmann

Es gibt viele Gründe auf dem Arbeitsmarkt nicht zum Zuge zu kommen: Sei es ein fehlender Abschluss, eine angeschlagene Gesundheit oder die Masse an Mitbewerbern. Kann jemand seinen Beruf – beispielsweise wegen einer Allergie – nicht mehr ausüben, kann eine Umschulung mit staatlich anerkanntem Abschluss eine Lösung sein. Die ist jedoch teuer und die Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit immer schwieriger zu bekommen. Die Arbeitsagentur unterstützt inzwischen vor allem kürzere Maßnahmen, die dem Allergiker oder Ausbildungsabbrecher wenig nützen.

Wer sein Umschulungsziel gut begründen kann, hat aber nach wie vor die Chance, einen so genannten „Bildungsgutschein“ der Arbeitsagentur zu bekommen. „Die Vergabe ist davon abhängig, ob später eine Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt wahrscheinlich wird“, sagt Olaf Möller, Pressesprecher der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit Berlin-Brandenburg. Die Berater der Arbeitsagentur richten sich dabei nach dem Bildungszielplan ihrer jeweiligen Region. 2005 ist für Berlin in der Umschulung nur die Förderung eines anerkannten Berufsabschlusses vorgesehen: Altenpfleger/in. Die übrigen Maßnahmen sind Fortbildungen von maximal sieben Monaten Dauer.

Trotzdem kann prinzipiell auch eine Umschulung für einen anderen Beruf bewilligt werden – entschieden wird im Einzelfall. Eine Chance haben vor allem Arbeitslose unter 35 Jahren, die noch keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. „Wer älter ist, kann meist nur bei gesundheitlichen Gründen über Rehabilitationsmaßnahmen eine Umschulung von den Rentenversicherern finanziert bekommen“, sagt Beatrix Boldt von der Berliner Weiterbildungseinrichtung Forum Berufsbildung. „Hartnäckigkeit ist oberstes Gebot. Das musste auch Marcel Rüdiger aus Berlin-Neukölln erfahren. Der 29-Jährige hatte bereits zwei Ausbildungen zum Bäcker und Koch abgebrochen. Ein Arbeitsberater wollte ihm zunächst eine Computer-Fortbildung anbieten. „Was hätte mir das gebracht? Dann hätte ich immer noch keinen Abschluss gehabt“, sagt Rüdiger.

Er entschied sich für die Umschulung zum Kaufmann für Bürokommunikation und bekam auch eine erste Zusage. Nachdem er sich ein passendes Angebot mit Abschluss bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ausgesucht hatte, wollte er es seinem Arbeitsberater vorstellen. Sein Ansprechpartner hatte sich durch die Umstrukturierung der Agentur jedoch geändert und der Neue wollte die Umschulung nicht bewilligen. Sein Vorschlag: Eine Umschulung im Gastronomiebereich. „Aber so etwas ähnliches kannte ich doch schon und wollte nicht wieder in die Branche“, sagt Rüdiger. Der Neuköllner wandte sich an den Teamleiter, der die Wunsch-Umschulung aber ebenfalls ablehnte. Erst nachdem er ein konkretes Stellenangebot für den Fall eines erfolgreichen Abschlusses vorweisen konnte und erneuter Nachfrage beim Teamleiter wird ihm seit Anfang Oktober die Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation finanziert.

Offiziell ist ein solches Angebot nicht nötig, um einen Bildungsgutschein zu erhalten. „Solche Garantien kann ein Arbeitgeber gar nicht geben“, sagt Jürgen Bielert, Leiter des Operativen Bereichs der Arbeitsagentur Berlin-Süd. Es handele sich um Einzelfälle. „Die Bewerber müssen heute ganz schön kämpfen, wenn sie einen Bildungsgutschein haben möchten“, sagt hingegen Silvia Beyer, Leiterin einer Berliner Geschäftsstelle des Bildungsinstituts Dr. Weiss und Partner, das Weiterbildungen und Umschulungen im Gesundheitsbereich anbietet. „Sie müssen oft nachweisen, dass sie nach den zwei Jahren Umschulung einen festen Arbeitsplatz in Aussicht haben.“

Ein Bewerber muss in jedem Fall darstellen können, warum er nach der Umschulung auf dem Arbeitsmarkt besser vermittelbar ist – zum Beispiel indem er passende Stellenanzeigen und Ablehnungen auf Bewerbungen sammelt. „Durch Zitate von der IHK oder der Arbeitsagentur selbst – aus der Presse, aus dem Internet – kann man darstellen, dass der Markt in dem Sektor schlecht oder eben auch gut ist“, rät Beatrix Boldt. Dem Arbeitsberater sollten konkrete Umschulungsangebote und Anbieter genannt werden. Wichtig ist: Die eigene Biografie darf mit dem Wunschberuf nicht im Gegensatz stehen. „Ein Couch-Potatoe wird wenig Erfolg haben eine Umschulung zum Sport- und Fitnesskaufmann zu erhalten“, sagt Boldt. Bekommt der zielstrebige Arbeitssuchende einen Bildungsgutschein, aber die gewünschte Umschulung läuft bereits, ist in der Regel ein späterer Einstieg möglich. Anderenfalls hilft bei der Suche nach einem neuen Angebot, für die man drei Monate Zeit hat, manchmal auch der Bildungsanbieter selbst.

Außerdem ist zu bemerken: Die Branche organisiert sich, denn durch den massiven Rückgang der Maßnahmen geht es ihr entsprechend schlecht. Da es keine Bewilligung für Gruppenumschulungen mehr gibt, haben die einzelnen Einrichtungen häufig zu wenig Teilnehmer, um wirtschaftlich arbeiten zu können. „Deshalb haben wir die Kooperation ,BildungsFAIRbund‘ gebildet. Das ist eine Art Tauschbörse für Bildungsgutscheine“, erklärt Roger Schlag-Schöffel, Geschäftsführer der Gesellschaft für Personalentwicklung und Bildung (GPB). Über das Netzwerk sprechen die GPB, das Forum Berufsbildung, Campus and More und Concept Berlin ihre Kurse ab, so dass bei wenigen Interessenten zumindest bei einem Anbieter ein Kurs starten kann.

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