• Hartnäckigkeit zahlt sich aus Auf Umwegen kam Evelin Brandt zur Modebranche Ihre Kreationen sind jetzt weltweit gefragt

Zeitung Heute : Hartnäckigkeit zahlt sich aus Auf Umwegen kam Evelin Brandt zur Modebranche Ihre Kreationen sind jetzt weltweit gefragt

von

Während die Strickkleider und Wolljacken der kommenden Winterkollektionen das Atelier bestücken, füllen leichte Kleider und Jacken nach und nach die Geschäfte von Evelin Brandt. Die Modemacherin kleidet Frauen in der warmen Jahreszeit in weiche Stoffe aus Jersey oder leichten Maschen, mal durchscheinend, mal mit Struktur, gestreift, kariert und mit fließenden Farben. Braun und Türkis, Weiß und Rot geben den Ton an. „Der Trend ist feminin, er werden mehr Röcke als Hosen gekauft“, sagt die Designerin. Ihre Stücke sind dezent und zugleich überraschend: Hier gerafft und gewickelt, dort geschlitzt mit besonderen Knöpfen, Schnallen oder Bändern versehen. Brandt macht Mode für selbstbewusste, unabhängige Frauen.

Damit setzt sie jährlich zehn Millionen Euro um und beschäftigt 60 Mitarbeiter, drei Lehrlinge und sechs Praktikanten. Seit knapp zehn Jahren nutzt die Firma einen denkmalgeschützten Backsteinbau in Moabit. Nach Berlin kam Brandt, die aus dem niedersächsischen Bückeburg stammt, für ein Medizinstudium. Um dieses zu finanzieren, verkaufte sie ab 1983 in einem kleinen Laden selbst gestrickte Kleider.

Hinzu kamen Blusen, Accessoires und Stoffe, die sie von Reisen nach Indien, Sri Lanka und Indonesien mitbrachte. „Neben der Leidenschaft für die Schönheit der Farben, Muster und Stoffe bekam ich ein geschäftliches Gespür dafür, dass ich daraus mehr machen könnte.“ Sie ließ Kleidung in einer Änderungsschneiderei fertigen, fuhr mit ihrem Ehemann Peter Strehlau auf Modemessen und importierte weiter Stoffe.

Nach der Geburt ihres Sohnes eröffnete Brandt 1988 den Laden „hott & flott“ in der Charlottenburger Goethestraße. „Das Geschäft lief gut, trotzdem war zwischendurch immer mal wieder das Geld weg, ausgegeben für Stoffe, Schnitte und die Löhne der Leute, die für uns arbeiteten“, erzählt sie. Hartnäckig lief sie von einem Banker zum anderen, um mit Kleinkrediten weiterzumachen. Ein Jahr später zeigte sie mit Erfolg ihre erste Kollektion auf der Modemesse Igedo in Düsseldorf.

Das war der Startschuss für die Marke Evelin Brandt. Zugleich eröffnete sie einen Laden unter ihrem Namen am Savignyplatz und kurz darauf den zweiten in der Friedrichstraße. Probleme blieben nicht aus. „Anfang der 90er Jahre wären wir fast untergegangen“, sagt die Autodidaktin, die mit ihrem Mann die Firma leitet. Aber: „Wirtschaftlicher Misserfolg hat mich nie lahmgelegt, sondern angespornt.“ Sie verbesserte die Firmenstruktur, verkleinerte die Kollektion und konnte mit Krediten ganz neu investieren.

Heute entwirft Brandt jährlich vier Kollektionen, die 50 bis 250 Teile umfassen. Produziert wird in Deutschland, Italien und Polen. Präsentiert werden die Kreationen in vier eigenen Läden in Berlin sowie in Köln, Hamburg, Potsdam, Dresden, Belfast und Taipeh. Verkaufsorte gibt es weltweit. Neue Franchiseläden und Verkaufsstellen in den USA und Australien sollen folgen.

Von der Wirtschaftskrise ist wenig zu spüren. Ende 2008 gab es im Großhandel einen Umsatzrückgang von 20 Prozent, die Ladenkunden blieben treu. In diesem Jahr liegt das Umsatzplus bereits bei knapp 40 Prozent, Tendenz steigend. Aktuell wird das Verkaufsnetz um einen Online-Shop ergänzt und ein Geschäft im Flughafen BBI in Schönefeld geplant. Brandt will den Umsatz in fünf Jahren verdoppeln – und Berlin nicht mehr missen. „Die Stadt inspiriert mich, sie ist lebendig, weniger steril und genormt als andere Großstädte in Deutschland.“

Ideen bekommt die 57-Jährige vor allem auf Stoffmessen. Fühlt sie einen schönen Stoff zwischen den Fingern, sieht sie sofort ein Oberteil, einen Rock oder eine Hose vor Augen.

www.evelin-brandt.de

Ich will unseren Umsatz in fünf Jahren verdoppeln – und Berlin im Übrigen nicht mehr missen. Die Stadt inspiriert mich, sie ist lebendig, weniger steril und genormt als andere Großstädte in Deutschland.“

Evelin Brandt, Unternehmerin und Modemacherin

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar