Zeitung Heute : Hasch – groß wie eine Frikadelle

Drogen in der Chicken Street: Scharen von Hippies bevölkerten einst Kabul. Sie sind längst wieder weg – geblieben ist die Verklärung

Peter Ahrens[Kabul]

Der 11. September war ein guter Tag. Als Ulrich Scholz sich auf den Weg zur afghanischen Grenze machte, war das Wetter schön, und der Himmel war groß und weit. Die Welt war offen. „Eine Zeit, die ich so genossen habe“, sagt Scholz. Seine Reise ist fast 40 Jahre her. Es war der 11. September 1968, als der junge Deutsche, der heute als Professor für Geografie an der Universität Gießen lehrt, nach Afghanistan kam. Tausende von westlichen Reisenden sollten ihm in den kommenden zehn Jahren folgen.

Der Landweg nach Indien und weiter ins nepalesische Kathmandu, der „Hippie Trail“ – in den 60er und 70er Jahren führte er junge Leute aus Europa, Australien und den USA in Scharen nach Afghanistan, in die Hauptstadt Kabul. In ein Land, das in der Vorstellung der jungen zivilisationssatten Westler wie ein Paradies erschien. Ein Paradies, das sich in den kommenden 30 Jahren allerdings in die Hölle verwandeln sollte: sowjetische Invasion, Bürgerkrieg, religiöser Fundamentalismus, Terror, Unterdrückung, Armut – afghanische Geschichte im Zeitraffer bis zum 11. September 2001. Dann kamen die Amerikaner, der nächste Krieg.

Erst ganz langsam kommt Kabul zur Ruhe, man sieht wieder Westler durch die Straßen laufen, und nach der Entmachtung der Taliban haben erste Gastwirte angefangen, die Hotels und Restaurants von früher wieder zu eröffnen. Kabul hat das Fenster zur Welt wieder geöffnet, einen Spalt breit.

Scholz war noch aufgebrochen, weil er die Welt kennen lernen wollte. Die nach ihm kamen, hatten zumeist ein anderes Motiv. Kabul, Afghanistan – das war der Garten Eden für die Generation Haschisch. „Wir kamen natürlich vor allem wegen der Drogen“, sagt Hans Kinz. Hans Kinz ist bis heute ein Hippie geblieben. Einen richtigen Beruf hat er auch mit 59 Jahren noch nicht, jahrelang hatte er einen Flohmarktstand am Wiener Naschmarkt. Ansonsten fährt er oft als Straßenmusiker durch Europa. 26 Jahre alt war er, als er sich 1972 von Wien aus mit dem Bus aufmachte.

Istanbul, das Hotel Yeni Metap und der Pudding Shop, dann das Amir Kabir in Teheran, alles nur Durchgangsstationen. „Im Iran waren wir Hippies nicht beliebt, Rauchen war verpönt, deswegen ging es gleich weiter nach Afghanistan“, sagt Kinz. „Da war so ein Gasthaus, ein paar Kilometer hinter der Grenze, da wurden wir gleich in den Keller gelockt, wo die Wasserpfeifen standen.“ Scholz notierte nach seiner Ankunft in Kabul in seinem Tagebuch lakonisch und erstaunt: „Fast alle rauchen Haschisch oder Marihuana (,Gras’). Probiere auch mal. Nichts Besonderes zu spüren.“

Der Stoff war preiswert, „für zwei Dollar bekam man ein Stück Hasch, groß wie eine Frikadelle“, sagt Kinz. Die Hippies mieteten sich in billigen Gasthäusern ein, sie zogen ihre europäische Kleidung aus und ließen sich aus afghanischen Stoffen etwas schneidern. Die Chicken Street im zentralen Stadtviertel Schar-e-Naw war ihr Revier. Hier reihte sich in den 70ern Lokal an Lokal, nachmittags ging man ins „Sigis“, einer von einem Deutschen betriebenen Bar, abends in den „25 Hours Club“ oder zum Essen ins „Marco Polo“ und ins „Khyber-Restaurant“. Dessen Slogan hat Scholz auch ins Tagebuch geschrieben: „Khyber-Restaurant – das einzige Steak zwischen Bangkok und Istanbul.“

Im „Sigis“ wurde gekifft von morgens bis abends, „das war ein wunderschöner Innenhof, wo wir in Ruhe sitzen konnten“, sagt Kinz. Man spielte Schach und las Hermann Hesse.

„Ich hab mich immer gefragt, warum diese Leute eine fremde Kultur kennen lernen wollten, ohne sich zu bemühen, sich auch im Rahmen dieser Kultur zu benehmen“, sagt Tyler Jenner. Sie kam auch aus dem Westen, sie war in den 70ern auch in Afghanistan, aber als Freiwillige des Peace Corps, das ist ein US-amerikanisches Netzwerk, das junge Leute – Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer oder Architekten – als Helfer in die Welt schickt. Die Peace-Corps-Freiwilligen waren adrette junge Leute, die Haare kurz, das Anti-Blumenkinder-Programm. Jenner arbeitete als Schwester im Krankenhaus, und ihr Kontakt mit den Hippies beschränkte sich darauf, sie als Patienten zu behandeln, wenn sie sich eine Überdosis gesetzt hatten. „Ich hatte das Gefühl, dass diese sorglosen Reisenden unseren Ruf als Menschen aus dem Westen ruinierten.“

Man mied sich. Die Peace-Corps-Helfer machten einen Bogen um die schäbigen Absteigen der Hippies in der Chicken Street, sie wohnten besser, im Spinzar, dem Plaza oder dem Park Hotel, und quartierten ihre Bekannten bei Besuchen lieber im gerade eröffneten Intercontinental Hotel im Westen der Stadt ein. Das Interconti hatte für Hippies ein Zutrittsverbot erlassen. Die Hippies ihrerseits „haben die Peace Corpers verachtet mit ihrem Missionsdrang, die westliche Denkungsart in solche Länder wie Afghanistan bringen zu wollen“, sagt Kinz. Ob es allerdings unbedingt sein musste, dass einige der Hippie-Mädchen sich im Bikini im öffentlichen Schwimmbad Kabuls räkelten, „das haben wir auch schon diskutiert“.

Das „Sigis“ ist heute eine Tankstelle, vor der sich ein paar Schuhputzer herumdrücken, im „Khyber“ hat sich das Finanzministerium einquartiert, mit bewaffneten Soldaten vor der Tür, der „25 Hours Club“ ist Sitz einer Hilfsorganisation. In der Chicken Street warten nur noch ein paar Teppichhändler meist vergeblich auf Touristen, und ein paar Kinder darauf, dass Westler ihnen Kugelschreiber oder ein paar Afghanis zustecken. Die einstige Avenue der Hippies ist heute eine unansehnliche Straße. Wenn es regnet, verwandelt sie sich in Schlamm.

Nachdem es ein, zwei Anschläge in der Chicken Street gab, wird die Straße von den meisten Zugereisten wieder gemieden. Die Restaurants, die nach 2001 unter den alten Namen eröffnet wurden, sind mittlerweile fast alle wieder geschlossen.

Aber man trifft auch noch Leute wie Daud Ali. Er steht hinter dem Tresen in seinem kleinen Laden an der Chicken Street und sagt: „Die 70er Jahre – das war die beste Zeit, die Kabul je gehabt hat.“ Es war die Zeit, als in Afghanistan der König regierte und später dessen abtrünniger Cousin. „Es herrschte ein Klima von Freiheit, und das haben wir auch den Europäern zu verdanken gehabt.“

Wenn man Daud Ali sieht, vorzeitig gealtert wie so viele in der Stadt, glaubt man es nicht, aber „wir sind damals als junge Leute selbst mit langen Haaren herumgezogen, viele von uns haben sich europäisch angezogen, und ein paar haben auch die europäischen Mädchen angemacht“. Dau Ali ist der einzige Ladenbesitzer in der Chicken Street, der seit damals durchgehalten hat. Direkt gegenüber hatte sich damals der größte Dealer der Stadt einquartiert, „allen hier auf der Straße wurde Hasch angeboten“. Die 60er und 70er Jahre waren gute Zeiten, um Geschäfte zu machen: „Wer ein Business hatte, für den waren die Westler Gold wert.“

Damals war sein Vater noch der Chef, und Daud Ali hatte Zeit, sich ins Leben zu stürzen. „Auch für uns musste es die Lee-Jeans sein“, es gab Partys, Clubs, „in denen wir Cola getrunken haben“. Die ersten Mädchen trauten sich mit Minirock auf die Straße. Wenn er sich daran erinnert, muss Daud Ali lächeln. Afghaninnen im Minirock. Heute prägt die blaue Burka wieder das Straßenbild Kabuls, Entmachtung der Taliban hin oder her.

Zemaray Hakimi hat damals von den Europäern gelernt, dass man mit Frauen durchaus gemeinsam an einem Tisch sitzen kann. Hakimi ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat eine Europäerin geheiratet, eine Hippie-Frau aus der Schweiz. „In Liebesbeziehungen mit europäischen Frauen rutschte man damals irgendwie herein“, sagt Hakimi. Er hat Afghanistan für die Frau verlassen, als er in die Schweiz kam, habe seine Schwiegermutter ihn erstmal in die Badewanne gesetzt. Während er badete, habe sie seine afghanischen Klamotten erst durchsucht und dann verbrannt. „Die war sicher, dass ich Drogen bei mir versteckt hatte.“ Heute lacht er drüber. Damals, sagt Hakimi, war er tödlich beleidigt.

30 Jahre hat Hakimi in Europa gelebt. Nach dem Fall der Taliban ist er nach Afghanistan zurückgekehrt, um als Unternehmer „dem Land wieder auf die Beine zu helfen“, wie er sagt. Und Geschäfte zu machen. Welche Geschäfte das sind, deutet er nur an. Das Flughafen-Restaurant von Kabul hat er gekauft, afghanische Münzen lässt er in Liechtenstein prägen, in der Zeit des Bürgerkrieges habe er afghanische Kunstschätze nach Europa geschafft, und irgendwie hat er auch als Vermittler zwischen den westlichen Soldaten und den örtlichen Behörden noch seine Finger im Spiel.

Hakimi ist ein Pendler zwischen zwei Kulturen, redet mit schweizerischem Akzent Deutsch, um im nächsten Moment in Dari, der Landessprache, in sein ewig klingelndes Handy zu brüllen. Es gibt viele von ihnen in Kabul, zurückgekehrt nach Jahrzehnten aus den USA oder Europa. Was sie sehen, hat viele von ihnen schockiert. „Ich mag mein Kabul nicht mehr“, sagt Hakimi. Er erkennt es nicht wieder. Heute sieht Hakimi nur noch Dreck und Staub, die Stadt ist überfüllt, der Verkehr höllisch, die Korruption überall.

In den 70ern war das alles anders. Kabul war schön, man war jung, zu leben war leicht. „Wir sind durch den Park gelaufen, überall konnte man spazieren gehen, Fußball spielen, überall waren Bäume“, sagt Hakimi. „Und die Hippies haben uns damals die Öffnung gebracht.“ Die Begegnung mit ihnen habe bei vielen seiner Generation das Interesse an fremden Ländern, an anderen Sprachen erst geweckt. Er erzählt, wie er einmal mit den Westlern im „Sigis“ gesessen hat. Neben ihm habe einer auf der Gitarre gespielt. Angesprochen darauf, dass er das aber ziemlich gut könne, habe der Mann zu Hakimi gesagt, er sei ja auch Bob Dylan. Worauf Hakimi mit den Achseln zuckte. Bob Dylan – den Namen hatte er damals noch nie gehört. Wenn er sich das Afghanistan von heute anschaue, die Geldmacherei einiger weniger, die Armut der Masse, die Gewalt, den Fundamentalismus, dann, so sagt Hakimi, „bin ich überzeugt: Wir brauchen eine neue Hippie-Generation.“

In der Erinnerung verklärt sich manches. Hans Kinz, der Wiener, weiß dagegen noch gut, in welchem Elend einige der jungen Leute aus dem Westen in Kabul lebten, ohne Geld, „Junkies, die völlig am Ende waren“. Die zu viel mit Heroin herumexperimentiert hatten, zu viel gehabt hatten vom „Kabul Special“, einer Mischung aus Schwarzem Afghanen und Opium. Die erst Gelbsucht bekamen und dann krepiert sind. Auf dem europäischen Friedhof im nördlichen Zentrum von Kabul kann man sie noch besuchen.

20 Jahre alt gewordene Burschen, 21 Jahre alte Mädchen liegen hier begraben. Aus Frankreich, aus der Schweiz, aus Deutschland und Holland, aus Spanien und England. Eine Art Kriegsgräberstätte der Peaceniks. Manchmal kommen Angehörige, erzählt der alte Friedhofswärter. Sie bleiben kurz da, verharren vor den Gräbern, legen Blumen nieder und verschwinden wieder.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben