Zeitung Heute : Hat mit dem "Deichgraf" das Jammern ein Ende?

MICHAEL MARA

Mit Matthias Platzeck zieht erstmals seit Jahrzehnten ein Oberbürgermeister ins Rathaus ein, der gebürtiger Potsdamer ist.Das ist insofern von Bedeutung, als Platzeck - in einer bürgerlichen Arztfamilie aufgewachsen - ein inniges und sensibles Verhältnis zu seiner Geburtsstadt und ihren Schätzen hat.Potsdam ist in die Krise geraten, weil es der alten, nach der Wende eher zufällig in Amt und Würden gekommenen Stadtspitze an Sensibilität, Weitblick, kulturhistorischem Verständnis mangelte.Diese Gefahr besteht mit Platzeck nicht.

Allerdings kann auch er keine Wunder vollbringen: Zwar hat der populäre Umweltminister beim Oderhochwasser bewiesen, daß er schwierige Situationen meistern kann.Doch besitzt er keinen Zauberstab, um zum Beispiel den architektonischen Fremdkörper namens Potsdam-Center verschwinden zu lassen oder die vom Ramsch beherrschte Brandenburger Straße in eine attraktive Einkaufsmeile zu verwandeln.Er kann auch kein Geld regnen lassen.Platzeck hat es deshalb im Wahlkampf bewußt vermieden, Versprechungen zu machen.Dennoch ist der Erwartungsdruck enorm.Aber mit schnellen Veränderungen ist nicht zu rechnen.Soll Potsdam wirklich vorankommen, muß sich Platzeck zunächst darauf konzentrieren, die miefige Stadtverwaltung zu reformieren, deren Kreativität sich weitgehend im Reglementieren erschöpft.Und er muß die Potsdamer, die einer miesepetrigen Grundstimmung nachhängen, motivieren, mitanzupacken und sich mit ihrer Stadt und dem preußischen Erbe zu versöhnen.Daß Postdam noch nicht weiter ist, liegt nicht zuletzt an der verbreiteten Gleichgültigkeit und Resignation.

So ist Platzecks schwierigste Aufgabe die, ein grundsätzliches Umdenken in der "ostdeutschen Jammerhauptstadt" (Der Spiegel) zu bewirken.Sein Erfolg wird vor allem davon abhängen, wie es ihm gelingt, die Mißstimmung durch eine Aufbruchstimmung abzulösen.Viel Zeit bleibt ihm nicht: Zur BUGA im Jahr 2001 müssen die dringendsten Probleme der Stadt gelöst sein.Keine Mühe wird es dem "Deichgrafen" hingegen bereiten, die Außendarstellung der Stadt zu verbessern.Wie kein anderer Minister hat es Platzeck verstanden, die Öffentlichkeit für sich einzunehmen und seine Projekte wirksam "zu verkaufen".Von dieser Gabe wird Potsdam, dessen Image kaum schlechter sein kann, bald profitieren.

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