Zeitung Heute : Hauptstadt der Henker

Zwischen Seen, Wäldern und Pferdekoppeln: Nirgendwo auf der Welt wird so oft die Todesstrafe vollstreckt wie in Huntsville, Texas

Malte Lehming[Huntsville]

Da liegen sie nun, dicht an dicht. Das Gras ist frisch gemäht. Langsam gewinnt die Sonne an diesem Dezembermorgen ihren Kampf gegen den Raureif. Auf der anderen Straßenseite liegt eine Autowaschanlage. Doch auf dieser Seite ist kein Mensch zu sehen. Dabei sind das Stadtzentrum und die Universität nur wenige hundert Meter entfernt. „Peckerwood Hill“, wie der Friedhof vom Volksmund genannt wird, ist ein verlassener Ort, von guten wie von bösen Geistern. Ein einziges der rund 2000 Gräber ist geschmückt.

Offiziell heißt der Friedhof „Captain Joe Byrd Cemetery“. Joe Byrd gehört zur Geschichte von Huntsville. Eine Legende. Er hat den elektrischen Stuhl bedient, auf dem bis zum Jahre 1964 die zum Tode Verurteilten hingerichtet wurden. Byrd legte den Hebel um.

Byrd war ein williger Vollstrecker. Aber ihm lag auch am Herzen, dass die Getöteten würdevoll beerdigt werden. Er pflegte den Friedhof, der zwischenzeitlich zu verrotten drohte. Auf „Peckerwood Hill“ wurden all jene bestattet, die in der Haft starben und für die sich kein Angehöriger fand, der die Begräbniskosten übernehmen wollte. Jahrzehntelang erhielten die Toten ein schlichtes weißes Steinkreuz, auf dem nur Zahlen standen – die Häftlingsnummer und das Todesdatum. Lag im Grab ein Hingerichteter, wurde das durch ein zusätzliches X vermerkt. Inzwischen wurde das Steinkreuz durch eine Tafel ersetzt, außerdem wird der Name vermerkt. Es ist ein großer Friedhof. Hier liegen Mörder. Sie wurden vom Staat getötet, der damit zeigen wollte, dass Töten abscheulich ist.

Huntsville ist Amerikas Hinrichtungshauptstadt. Nirgendwo werden mehr Menschen exekutiert als hier. Es ist ein idyllischer Ort, umgeben von Wäldern, Seen und Pferdekoppeln. Genau 35078 Menschen leben dort, mitten in Texas, rund 120 Kilometer nördlich von Houston. Die Methoden wechselten. Bis 1924 wurde der Strick benutzt, die Delinquenten knüpfte man dort auf, wo sie verurteilt worden waren. Ab 1924 übernahm der Bundesstaat die Verantwortung. Seitdem finden alle Hinrichtungen in Texas in Huntsville statt. Der elektrische Stuhl indes, der den Strick ablöste, hat ausgedient. Seit 1976, dem Jahr der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA, wird das Urteil ausschließlich mit Hilfe von Injektionen vollstreckt.

Texas hält Amerikas Hinrichtungsrekorde. Hier fanden seit 1976 mehr als ein Drittel aller Exekutionen statt – auf den Tag genau sind es 335 von 943. Und alle davon in Huntsville. Die Stadt lebt von ihren Gefängnissen. Sie sind der größte Arbeitgeber. Rund um Huntsville gibt es sieben Zuchthäuser mit rund 13000 Insassen. Das älteste und berühmteste liegt mitten im Zentrum. Offiziell heißt es „Huntsville Unit“, aber jeder nennt es „The Walls“. Der rote Backsteinbau ist mehr als 150 Jahre alt, an den Ecken ragen Wachtürme empor. Innen sind die Todeszellen und die Hinrichtungskammer. Gegenüber liegt eine Imbissbude. Die Spezialität ist der „Killer Burger“ – mit einer Extraportion Pfeffer.

In Huntsville wird ein unverkrampftes Verhältnis zur Todesstrafe gepflegt. Man schämt sich nicht. Man zeigt sogar, was man tut. Eine Attraktion ist das „Texas Prison Museum“. Dort wird die Geschichte des texanischen Justizwesens, einschließlich der Todesstrafe, anschaulich gemacht. Für drei Dollar kann sich der Besucher in Häftlingskleidung in einer Zelle fotografieren lassen. In einer abgedunkelten Extrakammer steht „Ol’ Sparky“, der elektrische Stuhl. Er wurde von einem Insassen aus dem Todestrakt gebaut, der später begnadigt wurde. Wann immer ein Mensch auf „Ol’ Sparky“ exekutiert wurde, hätten die Lichter in der Stadt geflimmert, sagt man.

Was ist noch zu sehen? Die Entwicklung der Häftlingskleidung – inzwischen hat sie, aus Sicherheitsgründen, keine Gürtel, Knöpfe, Taschen oder Reißverschlüsse mehr. Ein Strick aus frühen Zeiten. Von Insassen heimlich gebastelte Waffen. Eine Galerie der ermordeten Wächter – als letzten erwischte es Stanley Wiley, dem am 29. Januar 2003 die Kehle durchgeschnitten worden war. Gefangenenkunst, ein selbst gebasteltes Spiel namens „Prisonopoly“. Berühmte und berüchtigte Insassen. Berühmt war der Sänger und Gitarrist David Crosby – zunächst bei den „Byrds“, dann bei „Crosby, Stills, Nash&Young“. Wegen Drogendelikten kam Crosby 1986 für fünf Monate in Huntsville hinter Gitter. Er läuterte sich, wurde abstinent, gründete eine Familie.

Jim Willett ist der Direktor des Museums, ein freundlicher, grauhaariger Mann, leger gekleidet. 30 Jahre lang hat er in texanischen Gefängnissen gearbeitet, davon 16 innerhalb der „Walls“, davon wiederum die letzten drei Jahre als Aufseher in der Hinrichtungskammer. Von 1989 bis 2001 hat er 89 Exekutionen geleitet, mehr als jeder andere lebende Amerikaner. Allein im Jahr 2000 seien es 40 gewesen. Damals waren in nur 16 Tagen sieben Häftlinge getötet worden. „Das war anstrengend“, sagt er.

Über seine Gefühle spricht Willett weder gern noch viel. Der 55-jährige Familienvater ist früh in Rente gegangen. Ja, das habe mit der Arbeit zu tun gehabt. Nun sitzt Willett in seinem kleinen Büro im Todesstrafenmuseum, der Besucher hat gegenüber auf einem kleinen Sofa Platz genommen. Links steht ein Regal mit Ordnern. In Augenhöhe sind, gewiss zufällig, die Unterlagen über die Exekutionen abgeheftet, sortiert nach Jahreszahl und Alphabet.

Beworben habe er sich nicht um den Job als Aufseher in der Todeskammer, sagt Willett. Er sei gebeten worden, habe erst abgelehnt, sich die Sache neu überlegt und schließlich zugestimmt. „Einer muss es ja machen.“ Der Ablauf der Hinrichtungen ist immer gleich. Am frühen Nachmittag wird der Todeskandidat in den Exekutionstrakt überführt. Dann bekommt er die Henkersmahlzeit. Er darf sich wünschen, was er will, aber serviert wird nur das, was die Küche hat. Wer Austern bestellt, bekommt Fischfilet.

Im Museumsshop wird auch ein Kochbuch verkauft. Es heißt „Meals To Die For“ und enthält Rezepte für die beliebtesten Henkersmahlzeiten. Die heißen „Gas Chamber Chicken“, „Last Wish Fish“, „Last Lasagne“ oder „Guillotine Goulash“. Verfasst wurde es von Brian Price, der als Inhaftierter zehn Jahre lang in den „Walls“ als Koch gearbeitet hat. Vor knapp einem Jahr wurde er entlassen. Seitdem betreibt er mit seiner Frau Nita einen christlichen Radiosender. Über Willet erzählt Price, der habe nach Hinrichtungen manchmal Tränen in den Augen gehabt. Der Aufseher sei ein „guter, gottesfürchtiger Mann, integer und mitfühlend“.

Einige Geschichten erzählt Willett oft. Zum Beispiel die von seiner Brille. Von seinem Vorgänger hatte Willett einen Brauch übernommen: Das Absetzen der Brille war das geheime Signal an den unsichtbaren Henker, mit den Injektionen zu beginnen. „Eines Tages saß ich mit einem Todeskandidaten zusammen, wir unterhielten uns über den Ablauf der Hinrichtung. Ich wusste ja nie genau, wann der Verurteilte seine letzten Worte gesprochen hatte. Also fragte ich ihn, woran ich das Ende erkennen könne. Und er antwortete: ,Dann sage ich einfach: Aufseher, Sie können jetzt Ihre Brille absetzen.’“ Das geheime Signal war nicht mehr geheim. Seit dem Tag drückte Willett auf einen kleinen Lichtknopf, um den Beginn der Exekution einzuleiten.

Wie ist das? Zu wissen, dass man an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit umgebracht wird? Die meisten Verurteilten seien gefasst gewesen, sagt Willett. Als Regel galt: Je älter einer ist und je länger er in der Todeszelle saß, umso ruhiger ist er. Die meisten hätten auch Reue gezeigt und sich bei der Familie ihrer Opfer entschuldigt. Das habe zwiespältige Gefühle in ihm ausgelöst. „Zum einen wusste ich, dass sie wirklich schuldig waren, zum anderen hatten sie die Strafe nicht mehr richtig verdient.“ Haben ihn Albträume nach Hinrichtungen geplagt? „Niemals. Ich habe nie davon geträumt. Ich schlafe tief und fest.“

Die Zahl der in Amerika zum Tode Verurteilten ist im Jahr 2003 auf einen historischen Tiefstand gesunken. Es mutet seltsam an: Seit George W. Bush im Weißen Haus sitzt, der als Gouverneur von Texas mehr Hinrichtungsbefehle unterzeichnete als jeder andere, ist der Trend rückläufig. In der Amtszeit von Bill Clinton waren es durchschnittlich knapp 300 neu Verurteilte pro Jahr, seitdem sind es weniger als 150. Doch nicht wegen, sondern trotz Bush wächst das nationale Unbehagen an der Todesstrafe. Die Zahl der Befürworter ist von rund 80 auf rund 60 Prozent gesunken. Der Supreme Court hat zwei Grundsatzurteile gefällt. Erstens dürfen geistig Behinderte nicht mehr hingerichtet werden. Zweitens dürfen ausschließlich Geschworene, nicht aber Richter über das Strafmaß befinden. In Maryland und Illinois wurden Moratorien verhängt. Mehr als 100 mutmaßliche Delinquenten konnten die „Death Row“ nach neuen DNA-Tests, die ihre Unschuld bewiesen, wieder verlassen. All das hat die Stimmung gewendet.

Selbst die Injektion scheint – im Vergleich zu Strick, Gaskammer und elektrischem Stuhl – nicht so effizient und schnell zu sein, wie bisher angenommen worden war. Neue Autopsiebefunde legen den Verdacht nahe, dass die erste Spritze den Delinquenten nicht etwa bewusstlos macht, sondern manchmal nur lähmt. Das heißt, er empfindet sehr wohl Schmerzen, kann diese aber nicht mehr zum Ausdruck bringen. Einige Anwälte behaupten, ihr Mandant sei auf diese Weise zu Tode gefoltert worden.

Warum dann überhaupt? Wer im texanischen Huntsville mit Befürwortern der Todesstrafe spricht, stößt selten auf rachedurstige Eiferer. Das Abschreckungs- und Kostenargument trägt kaum einer vor. Stattdessen geht es um ein allgemeines Gerechtigkeitsgefühl. Man stehe auf Seiten der Angehörigen der Opfer. Ein Täter, der lebenslang im Gefängnis sitze, könne durchaus noch Freude oder gar Glück empfinden, heißt es. Dieses Bewusstsein verstärke den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen des Opfers.

Die „Sam Houston State University“ liegt ebenfalls im Stadtzentrum von Huntsville. Sie ist nur wenige hundert Meter vom Friedhof „Peckerwood Hill“ und der Todeskammer in der „Walls Unit“ entfernt. Dort sprach am Donnerstagabend Schwester Helen Prejean, die 1993 das Buch „Dead Man Walking“ veröffentlicht hatte, das später, mit Sean Penn und Susan Sarandon in den Hauptrollen, verfilmt wurde. Schwester Prejean hatte als Geistliche im US-Bundesstaat Louisiana viele zum Tode Verurteilte betreut und begleitet. Buch und Film zählen zu den Klassikern der Todesstrafengegner.

Kurz zuvor war in letzter Minute von Gouverneur Rick Perry die Hinrichtung von Frances Newton verschoben worden. Die 39-Jährige sitzt seit 16 Jahren in der Todeszelle und wäre die erste schwarze Frau seit dem Bürgerkrieg gewesen, die man in Texas exekutiert. Sie soll im April 1987 ihren Mann und ihre beiden Kinder umgebracht haben. Jetzt sind Zweifel an ihrer Schuld aufgekommen. Der Aufschub ist auf 120 Tage begrenzt. In der Zeit müssen ihre Verteidiger neue entlastende Beweise vorlegen. Vorerst durfte Frances Newton die „Walls Unit“ verlassen. Selbst in Huntsville kehren ab und zu Einsicht und Vorsicht ein. Nur Nachsicht – sprich Gnade – bleibt ein Fremdwort.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben