Hauptstadt-Design : Die Berliner Art

Entwerfen hiesige Designer andere Möbel? Ja klar. Stühle werden gequetscht, Betten zu Skulpturen, Lampen kriegen Stulpen. Drei Studiobesuche.

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Ania Bauer und Jacob Brinck mit ihrer Stricklampe.
Ania Bauer und Jacob Brinck mit ihrer Stricklampe.Kitty Kleist-Heinrich

Friedrich Schinkel fehlte noch eine Eckverbindung. Eine kluge Verschränkung von Vorderhaus und Seitenflügel, von Seitenflügel und Hinterhaus. So entstand das lange „Berliner Zimmer“, das Fenster nur in der kleinen Ecke zum Hof. „Das Berliner Zimmer“ ermöglichte es, um den Hof herum zu bauen. Um den Hof dessen, was erst jetzt Gründerzeitpalast heißt und Jahrzehnte Mietskaserne geschimpft wurde.

Das stumpfe Rechteck mit schräger Ecke wurde zur architektonischen Besonderheit. Schinkels Nachfolger konnten mit dessen Grundriss im schnell wachsenden Berlin dicht bauen. Das düstere Durchgangszimmer wurde ein Wesensmerkmal der Stadt, viel Platz und wenig Licht, geräumig, aber fast immer dämmrig. Schwer zu möblieren. Eine Zumutung, sagten die Zeitgenossen. Eine charmante architektonische Schrulle, sagt man heute.

Zur Helsinki Design Week bestücken 14 Designer aus der Hauptstadt ein nachempfundenes „Berliner Zimmer“ mit ihren Entwürfen. Beim Versuch, alles individuell und anders zu machen, brauchen ja auch Berliner in ihren Zimmern ein Bett, einen Stuhl und eine Lampe.

DIE LAMPE

Es war der vernachlässigte Deckenauslass in den Stuckrosetten, der Ania Bauer im Berliner Zimmer störte. „Oft gucken da nur die Kabel raus mit einer Lüsterklemme, weil keiner weiß, was da für eine Lampe hin soll. Meist braucht man gerade dort überhaupt kein Licht.“

„Ach, man bräuchte eine Lampe, die man aus der Mitte überallhin schwenken kann.“

„Aber dann wird das Kabel so lang, das hässliche.“

„Was aber, wenn das Kabel schon schön wäre? Schon Teil der Lampe? Teil des Entwurfs?“, fragte Jacob Brinck. „Was, wenn man das Kabel zum Beispiel umstricken würde?“

So spielten sie sich Ideen zu, drei Produktdesigner und ein Tischler, die nun das Design-Kollektiv „Ilot Ilov“ gegründet haben, nachdem ihre Stricklampe „Matt“ 2009 so ein Erfolg geworden war.

Immerhin haben sie ein Problem gelöst, das Schinkel geschaffen hatte. Das musste reichen, um sich selbstständig zu machen. Vier Produktdesigner und ein Tischler arbeiten nun in einem Neuköllner Hinterhof hinter einem türkischen Gemüsehändler. Sie sind zu Produzenten geworden, weil sie alles selbst in der Hand behalten wollen: Verpackung, Materialien, Produktionsort, Vertrieb. Sie lernten also, wie man eine TÜV-Prüfung vorbereitet, mit Lieferanten verhandelt, Absprachen einfordert und Bedienungsanleitungen textet. Einer ihrer zuverlässigsten Mitarbeiter wurde der Teufel im Detail: Er hatte seine Finger im Strickprogramm, in den Garnfarben und in der Produkthaftpflicht. All das führte sie weg vom Entwerfen selbst, aber hin zu einem wirtschaftlichen Erfolg.

In ihrer Lampe entdecken sie mehrere wesenhafte Elemente Berlins: Überraschung, enttäuschte Erwartung, das „Provisorium als Dauerlösung“ und die Tatsache, dass man selbst seinen Käufern noch Kreativität abverlangt. „Viele kriegen das Paket mit der Lampe und denken, das sah aber im Prospekt besser aus,“ sagt Jacob Brinck. Einen Aufhänger für das Schlingkabel muss jeder selber finden. Berliner Lösungen dürfen nicht zu professionell aussehen. Sie müssen spontan wirken. Und diese Lampe sieht nie statisch aus, nie fertig. Sie ist immer eine Aufforderung. Überraschend reicht die Wolle bis direkt an die Glühbirne, was nur mit einer Energiesparleuchte funktionieren kann, die nicht heiß wird. – Und als ein Hotel in Kopenhagen unlängst 900 Lampen orderte, das Modell „Ray“ mit seinem umstrickten Lampenkäfig, Sondergröße, eigene Farbe, da mussten sie auch die Frage beantworten: Können wir auch professionell? In Nachtschichten nähten Studenten bei Keksen und Musik in Neukölln die Lampen zusammen.

Jörg Höltje mit Stuhl
Jörg Höltje mit StuhlDAVIDS

DER STUHL
„Was aber ist Erfolg?“, fragt Jörg Höltje, 31 Jahre, Berlin. Sind es die Stückzahlen? Der Umsatz? Ist es die eigene Bekanntheit? Was ist die Währung? „In Berlin ist Erfolg eben oft, das machen zu können, was man will.“ Erfolg ist, dass er hier dieses kleine Büro hat mit dem Schaufenster neben der Buchhandlung, aus dem heraus er auf den Bürgersteig der Warschauer Straße klettern kann. Berlin ist, dass man nicht nach einem Monat ruiniert ist, wenn sich eine Idee nicht sofort „rechnet“. Dass sich einige Ideen niemals rechnen müssen und trotzdem ein Gewinn sind.

„Das hier wird nie italienischer Luxus – das könnte ich sowieso nicht“, sagt Höltje. „Hier ist man stärker dabei, eine Attitüde in seine Entwürfe zu bringen. Vielleicht ist das Berlin.“

Höltje zeigt in Helsinki das, was einer seiner Freunde einen „Feierabendentwurf“ nennt, weil er so beiläufig aussieht: Metallrohre, pulverbeschichtet und gequetscht, damit sie sich umeinander zu einem Stuhl winden können. Die Sitzfläche aus geflochtenen Gurten. Der Stuhl sollte bequem sein, auch noch stapelbar. Es gibt eine Reihe von Prototypen und ein Präzisionswerkzeug für die Quetschungen. Und doch behält der Entwurf die Spontaneität, sieht aus wie mal eben hingeworfen.

„Design sollte man nicht mit Styling verwechseln“, sagt Höltje. Oder mit Geschmack. Seine Neuerung liegt nicht nur im Aussehen, sondern in der Herstellung, in den Materialien, in den Prozessen. Die Idee bei dem Stuhl: Material, das ohnehin produziert wird, intelligent kombinieren. Material, das vielleicht gar nicht für die Fertigung von Möbeln gedacht war.

Höltje hat mit einem Kompagnon das „Studio Hausen“ gegründet, er hat eine Hängelampe entworfen, die Ligne Roset produziert, er hat an der UdK gelehrt, er findet, dass Design auch gesellschaftliche Abläufe gestalten sollte und nicht nur die Optik eines Produkts. Nicht immer muss man etwas kaufen, um etwas zu erneuern.

Es gehe, wie überall zur Zeit, „um das Aufbrechen von Monopolen“. Auch von Geschmacks- und Designmonopolen. Nationen, Institutionen, Schulen, Verlage verlieren Macht. Immer mehr Leute veröffentlichen ihre eigene Meinung im Netz, produzieren ihre eigene Umgebung, finden Nationen überflüssig, verweigern Geschmacksvorschriften. Es gibt Gegenöffentlichkeit. Es gibt Gegendesign. Es gibt Gegenalles. „Entwickler verstehen die Stadt falsch, wenn sie glauben, die Leute wollen etwas Fertiges“, sagt Höltje. Berliner? Sie wollen keine visuelle Eindeutigkeit, sondern eher ein Lebens- und Arbeitsgefühl von Freiheit. Das sei der Erfolg von Berlin: Freiheit für sich selbst.

Nicola Jungsberger auf ihrem Bett aus Buche, Schnur und Tusche.
Nicola Jungsberger auf ihrem Bett aus Buche, Schnur und Tusche.Foto: Georg Moritz

DAS BETT

Und in dieser Hinsicht liefert das Berliner Zimmer die größte Freiheit, findet Nicola Jungsberger. Das Berliner Zimmer ist ein Frei-Raum. Anders als die repräsentativen Zimmer nach vorne raus weist es nach innen, es ist ein geborgener Rückzugsort, groß und doch weitgehend uneinsehbar, „man muss sich mit sich selbst beschäftigen, weil es kein Außen gibt.“ Eine Situation, die jahrzehntelang die Situation ganz Berlins mit seiner Mauer spiegelte. In den Mauern seines Mietshauses öffnet sich der Mensch, er kommt hier zu sich selbst. Die Fantasie treibt Blüten. Vieles ist möglich.

Als Jungsberger aus Freiburg nach Berlin kam, hatte sie den Eindruck, es gebe hier mehr Lebensmodelle, mehr Paarkonstellationen, auch mehr Geschlechter als anderswo. Sie wollte für diese verschiedenen Lebensformen entwerfen. „Es ist angenehm, wenn es da, wo man wohnt, etwas gibt, zu dem man eine besondere Beziehung haben kann ... Im Idealfall sind das Menschen ... Möbel zum Beispiel sind da am zuverlässigsten“, schreibt sie lakonisch.

Aber was brauchen Paare? Wonach dürsten Singles? Welche Bedürfnisse, psychologisch, emotional, kann ein Möbelstück befriedigen?

In Helsinki zeigt sie das Bett: Buche, Schnur, Tusche. Aus Buche-Dübelstangen und Band verknotet. Es gibt einen leichten Widerstand. Längs der Faser gebogen hat jede Stange Spannkraft. Leicht ächzt es. Man wird gehalten. Man kann es tagsüber einfach als Skulptur an die Wand lehnen, mit der Unterseite nach vorne. Es hat kaum Gewicht.

Auch sie glaubt nicht, dass der Wert eines Entwurfs nur im Aussehen liegt. Er entpuppt sich erst in der Benutzung. Die Möbel und der Körper passen sich ja einander an. Wir drapieren ja harte Gegenstände, Stühle und Betten, um unsere Körper zur Unterbrechung des aufrechten Gangs.

Jungsberger bringt auch einen Stuhl nach Helsinki. Das Modell „Miss Rambo“ könnte zum Beispiel Singles die Illusion verschaffen, auf einem Schoß zu sitzen: ein Sitzerlebnis, das sonst kein Stuhl bietet. Geborgen sitzt man, fest, aber rastlos bleibt keiner lange in einer Position. Und die Verdickungen an den Beinen fühlen sich an, als lege man jemandem seine Hand aufs Knie.

Die „Helsinki Design Week“ zeigt die Ausstellung „Berliner Zimmer“ vom 12.-16. September.

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