Zeitung Heute : Haus des Eigensinns

ULRICH AMLING

Ein Berliner Museum für die Opfer der "Euthanasie" geplantULRICH AMLINGEin Freundeskreis für das Museum "Haus des Eigensinns" hat sich am Montag abend in Berlin gegründet.Sein Ziel ist es, das geplante Museum als Gedenkstätte und Mahnmal für die Opfer der "Euthanasie" im nationalsozialistischen Deutschland zu errichten.Seinen Standort soll das "Haus des Eigensinns" an der historischen Stätte Tiergartenstraße 4 finden.Dort stand einst die Villa, in der die systematische Registrierung und Ermordung körperlich und geistig behinderter Menschen organisiert wurde, die sogenannte Aktion T4."Dies ist ein Ort und ein Begriff für Schreibtischtäter, wie die Topographie des Terrors und das Haus der Wannsee-Konferenz", sagte der Sprecher des Freundeskreises René Talbot.Eine enge Zusammenarbeit mit diesen Gedenkstätten werde angestrebt.Die Greueltaten der "Euthanasie" ab 1939 stellten immer noch ein Randthema dar, sagte der Direktor des Hauses der Wannsee-Konferenz, Norbert Kampe, auch in der aktuellen Diskussion um ein "Holocaust-Mahnmal". Neben einer Dokumentation der Aktion T4 sollen im "Haus des Eigensinns" Werke der Prinzhorn-Sammlung gezeigt werden.Diese weltweit einmalige Kollektion von Kunst seelisch Kranker wurde hauptsächlich zwischen 1919 und 1921 von dem Arzt Hans Prinzhorn an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg zusammengetragen.Die Nationalsozialisten mißbrauchten die Kunstwerke.In der Ausstellung "Entartete Kunst" sollten sie die Werke der verhaßten Moderne denunzieren.Einige Künstler der Prinzhorn-Sammlung fielen der "Euthanasie" zu Opfer.Deren wissenschaftlicher Motor, Carl Schneider, war Direktor der Heidelberger Psychiatrie und federführend an der Aktion T4 beteiligt.Noch heute sind die rund 5000 Arbeiten der Prinzhorn-Sammlung im Besitz der Universität Heidelberg, jahrelang lagen sie unzugänglich in Kellern.Der Plan eines Museums in einem alten Hörsaal scheiterte 1993, als das Land Baden-Württemberg aus der Finanzierung ausstieg.Jetzt soll ein neuer Anlauf genommen werden, bei dem der Berliner Freundeskreis ein Wort mitreden will."Sicher muß die Universität Heidelberg einen Teil ihrer Schuld abtragen, das ist längst überfällig.Ein exklusiver Anspruch auf die Prinzhorn-Sammlung ist aber abwegig", sagte Bischof Wolfgang Huber, Mitglied des Förderkreises.Die Sammlung habe das Potential für mehrere Standorte, eine Verknüpfung der Heidelberger Vorhaben mit dem "Haus des Eigensinns" in Berlin sei daher sinnvoll.Gespräche über den Verbleib der Sammlung sollen in den nächsten Tagen aufgenommen werden. Vom Berliner Senat fordert der Freundeskreis des Museums "Haus des Eigensinns" die Freigabe von Teilen des ehemaligen Grundstücks Tiergartenstraße 4.Direkt neben dem Eingang der Philharmonie, wo die BVG einen Warteplatz für Busse unterhält, soll der Museumsneubau nach Plänen des Architekten Andreas Hierholzer entstehen.Er sieht einen zweistöckigen Aluminiumreif von knapp 40 Metern Durchmesser vor.Sobald das Grundstück zur Verfügung steht und Teile der Prinzhorn-Sammlung nach Berlin kommen, stellt ein privater Spender, der ungenannt bleiben will, 1,75 Millionen Mark zur Errichtung des Museums zur Verfügung. 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar