Zeitung Heute : Hausarzt in der Honorarfalle

HARTMUT WEWETZER

Wenn Medizinstudium und Arztpraxis jemals ein Freischein für eine finanziell sorgenfreie Zukunft war, so sind diese Zeiten vorbei.VON HARTMUT WEWETZERMeine blühende Praxis ist verloren", klagt ein namenloser Mediziner in Franz Kafkas Erzählung "Ein Landarzt".Der Landarzt opfert sich auf, er nimmt eine stürmische Fahrt durch Schneegestöber auf sich, um einem schwerkranken Patienten zu Hilfe zu eilen und um am Ende doch alles aufgeben zu müssen."Betrogen!" ruft er aus.Betrogen werden sich auch viele Mediziner vorkommen, die sich aus Anlaß des deutschen Hausärztetags heute in Dortmund versammeln.Immer mehr Praxen stehen vor der Pleite, heißt es in den Medien.Vom Ende des "klassischen Hausarztes" ist schon die Rede. Den meisten Ärger machen sich zur Zeit die niedergelassenen Ärzte untereinander.Ursache ist der innerärztliche Verteilungskampf um einen Anteil an der Gesamtvergütung.Sie wird von der kassenärztlichen Vereinigung mit den Krankenkassenverbänden ausgehandelt und danach an die Ärzte verteilt.Fundament der Abrechnung ist ein Punktesystem, der "Einheitliche Bewertungsmaßstab".Mit der Aufteilung des Honorarkuchens haben die Ärzte allerdings die größten Probleme. Wie in einem Hamsterrad sind die Vertragsärzte unentwegt in Bewegung, um Punkte zu sammeln - aber je mehr Punkte gescheffelt werden, umso weniger sind sie wert.Denn auch wenn die Punktezahl inflationiert - die Gesamtvergütung durch die Kassen ändert das nicht.Feste "Praxisbudgets" sollen vom 1.Juli an nun einer unsinnigen Leistungsexplosion Einhalt gebieten.Wer das Budget vor Quartalsende ausschöpft, arbeitet ohne Honorar.Die Hoffnung auf ein gerechtes Abrechnungssystem aber wird wohl Illusion bleiben.Verschärft wird die Situation durch die schwierige Lage der Krankenkassen, durch die Konkurrenz anderer Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt und durch den ärztlichen Nachwuchs. Allerdings ist ein Bild unvollständig, das nur die Schattenseiten zeigt.Eine Niederlassungssperre hat die Freiheit der Praxisgründung beendet und den bestehenden Praxen damit einen gewissen Schutz ermöglicht.Es ist auch eine Tatsache, daß die Krankenkassen das Budget ihrer Vertragsärzte mehr und mehr erhöht haben.1991 waren es 30 Milliarden Mark, 1995 bereits 38,5 Milliarden.1994 verdiente ein deutscher Kassenarzt 185 000 Mark vor Steuern.Bei dieser Durchschnitts-Zahl darf nicht vergessen werden, daß die Einkünfte je nach Region und Qualifikation auch deutlich niedriger liegen.In Berlin kann es durchaus sein, daß ein praktischer Arzt kaum mehr als die Hälfte dieser Summe verdient.Nach Angaben der Berliner kassenärztlichen Vereinigung gibt es aber keine Anzeichen dafür, daß eine Pleitewelle ins Haus steht. Wenn Medizinstudium und Arztpraxis jemals ein Freischein für eine finanziell sorgenfreie Zukunft war, so sind diese Zeiten vorbei.Auch den Ärzten weht der Wind rauher um die Nase.Von einer "Halbgötterdämmerung" kann aber noch nicht die Rede sein.Denn die Bedeutung der Medizin ist ebenso unstrittig wie die wichtige Rolle des Hausarztes.Jenseits allen finanziellen Hickhacks übernimmt er eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Rolle.Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner des Patienten, er ist ein Mensch, dem man vertraut, und er kennt die Familie des Kranken vielleicht schon seit Generationen.Er ist im Idealfall der Arzt, der das Ganze im Blick hat, für den der Patient mehr als ein krankes Organ oder eine Chipkarten-Nummer ist.Aber die Zeit bleibt nicht stehen: nicht nur neue Krankheiten, ein rapide wachsendes medizinisches Wissen und Kostendruck müssen bewältigt werden.Auch soziale Umwälzungen wie schwächer werdende soziale Bindungen, wachsende Einsamkeit, Armut und Entwurzelung in der Gesellschaft stellen die Mediziner vor neue Herausforderungen.Die Bedeutung des Hausarztes wird das eher noch steigern. Recht düster sieht es für den ärztlichen Nachwuchs aus.Bundesweit sollen mehr als 8000 Mediziner arbeitslos sein.Der Marburger Bund, eine Vereinigung der angestellten Ärzte, prognostiziert für das Jahr 2000 rund 60 000 arbeitslose Mediziner.Das mag überzogen sein.Aber die Situation ist trostlos: In den Krankenhäusern ist die Personalsituation "zementiert".Und die Arztpraxen sind besetzt.Kafkas trauriger Landarzt könnte bald ziemlich jugendliche Gesellschaft bekommen.

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