Zeitung Heute : Heiliger Bruch

MICHAEL PILZ

Das Joe Sachse Projekt und CUT, zwei Trios beim HofkonzertVON MICHAEL PILZAuch in der DDR pflegte der Jazz den Brauch des heiligen Verweises: Helmut Sachse verliehen sie den Künstlernamen Joe (Pass).Er selbst nannte eine Platte "Round About Mittweida" (Monk).Die Leute pilgerten in die Jugendklubs und raunten vom sächsischen Jimi (Hendrix).Und doch war er mitunter eigen, dieser DDR-Jazz und scheint es noch: Joe Sachse vertieft sich hier im Podewil ins Blattspiel.Die Linke flaniert über die Gitarrenbünde; die Rechte bewegt sich in akademischer Virtuosität zwischen Latin, Rock und Jazz.Seit zwanzig Jahren steht ihm Manfred Hering mit dem Altsaxophon zur Seite.Ihr Unisono ist makellos.Die Soli ergänzen und kommentieren einander.Hinter ihnen trommelt John Marshall, der Brite von Nucleus und Soft Machine.Sachse hebt die finsteren Brauen und das Trio sammelt sich zum Leitmotiv, daß sich nachhaltig einnistet im Kopf.So weit, so gediegen.So steht es in perfektem Kontrast zum ersten Trio dieses Hofkonzerts. CUT ist ähnlich besetzt mit Gitarre, Sax und Schlagzeug: Gregor Hotz, ein zierlicher Schweizer, klammert sich an ein mannshohes Saxophon und grundiert diesen Jazz mit einem tiefen Hupen.Der Amerikaner Jason Kahn schlägt einen Zweiertakt.Birger Löhl, ein Gitarrist aus Hannover, spielt Rockabilly dazu.Das Stück taumelt als sonderbare Polka dahin."Avanti Popolo", sagt Hotz den Titel an und lacht dabei.Ein unergründlicher Witz zwischen AgitProp, volkstümlicher und elitärer Musik.CUT hat durchaus Balladen im Programm, in denen sich Filzschlegel über die Toms tasten, die Gitarre Akkorde tupft, ein Sopransaxophon weihevoll bläst.Doch da sind dann diese Brüche, nach denen es lärmt und schrammelt: Schnitt, Volksmusik aus dem Sampler, Schnitt, Frank-Zappa-Gitarrensolo, Schnitt, nervtötendes Ostinato auf der Altklarinette.Jason Kahn hat dieses Trio initiiert.In Los Angeles schlug er sich beim Universal Congress of seine Schneisen in Rock und Avantgarde.In Berlin nimmt er nun mit CUT Platten auf, die "Songs for the Radio" heißen und beste Aussichten haben, vom Funk gemieden zu werden.Diese Stücke verdichten Krach und freie Musik und knappe Melodien.Kleine fixe Formeln sind der Rahmen, um die Improvisation zu bändigen und den Entwürfen ihre Form zu geben.Kahn klöppelt über Topfdeckel und Blechdosen.Löhl langt beherzt in die Saiten.Hotz verfehlt den Ton.Hier das Unfertige, ein wenig Understatement und Energie im Überschuß.Da, bei Joe Sachse, das Vollendete, das Schöne.Die Kunst.Und auch die war dem Jazz in der DDR heilig.

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