Zeitung Heute : Heilsversprechen mit Nebenwirkungen

Überall wird Englisch gesprochen. Aus aller Welt hat Scientology seine Leute nach Berlin geholt. Heute eröffnet die neue Zentrale

Ralf Schönball,Stefan Tillmann

Sie tragen Schwarz. Die Männer Anzüge. Die Frauen Kostüme. Sie hasten über lange helle Flure. Rein in den Aufzug. Im dritten Stock öffnet sich die Tür. Ein Löwe auf tiefblauem Wappen an der Wand gegenüber. Hier ist das ideologische Zentrum von Scientology. Das Raubtier steht für die Unantastbarkeit der Lehre von L. Ron Hubbard. Der starb vor 20 Jahren, aber seine Lehre hat ihn überlebt. Heute, mitten in Berlin, erwarten seine Jünger 10 000 Besucher zur Eröffnung ihres neuen Zentrums.

Ausgerechnet ein bürgerliches Viertel hat die umstrittene Organisation als Sitz ihrer neuen Zentrale gewählt: In Charlottenburg, an der Otto-Suhr-Allee, steht der wuchtige Neubau aus Stahl und Glas. Die Anwohner sind beunruhigt. In einem Bericht des Bundesverfassungsschutzes heißt es, Scientology setze „wesentliche Grund- und Menschenrechte außer Kraft“. Sektenexperten warnen, die Organisation treibe ihre Mitglieder gezielt in die psychische und finanzielle Abhängigkeit. Und eine Arbeitsgruppe beim Hamburger Innensenator berichtet, dass das Berliner Zentrum zusammen mit ähnlich aufwändigen Häusern in Madrid und London der Ausgangspunkt der neuen „Eroberungsstrategie für Europa“ sei. Sie zielten direkt in die politischen Zentren.

Nach einem aggressiven Eroberer sieht der schlanke große Mann im Foyer nicht aus. Frank Busch trägt einen anthrazitfarbenen Anzug mit einem weinroten Binder. Busch ist Sprecher der Scientology Organisation: ein geduldiger Gesprächspartner, der bei kritischen Fragen enttäuscht schaut. Diese „Kirche“ ist auch zum Mittelpunkt seines Lebens geworden. Er hat die Beine übergeschlagen und sitzt am großen Tisch des Besprechungsraums im Foyer. Nebenan proben Mitarbeiter ihren Auftritt zur Eröffnung: „We are the champions“ singen sie. In einem internen Papier steht, in Berlin würden 120 Scientologen zusammengezogen: Die „champions“ unter ihnen sollen im neuen „powerhouse“ zu „Führungskräften“ ausgebildet werden.

Sprecher Busch zählt zu ihnen. Er will das seiner Ansicht nach falsche Bild von Scientology korrigieren. Einen langen Atem hat er. Busch war mal Leistungssportler in der Volleyball-Mannschaft vom Sportclub Moers, Niederrhein. Das war damals eine gute Adresse: Die Männer kämpften um den Titel in der ersten Bundesliga. Erst später stieg die Mannschaft ab und Busch aus – zunächst nur als Sportler. Der Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben folgte wenig später.

Damals war Busch für das Marketing der Damenmannschaft seines Klubs zuständig. Auf der Suche nach Sponsoren fand er – Scientology. „Einer unserer Geldgeber war Mitglied der Organisation“, sagt er. Der habe ihn eingeladen, das Zentrum in Hamburg zu besuchen. „Dort habe ich mir alles angesehen“, sagt Busch. Am Ende eines langen Tages sei nur eine Frage offen geblieben: „Funktioniert das – oder nicht?“, so Busch.

Seit Jahren belegt er Kurse und Seminare. Er hat die zweite Stufe auf dem Weg zur „Befreiung“ erklommen. Acht sind es insgesamt. Danach soll sich der Mensch angeblich in eine märchenhafte Luftgestalt verwandeln, deren sagenhafte Eigenschaften Scientology-Gründer Hubbard einmal so beschrieb: Der „operierende Thetan“ ist „nicht in einem Körper“, sondern kann frei „über Materie, Energie, Raum, Zeit und Denken“ walten, weil er deren „Ursache“ ist.

Es ist das Versprechen, schon in dieser Welt gottgleiche Fähigkeiten zu erlangen und befreit zu werden von den Mühen des Alltags. Es ist der Köder, den andere esoterische Lehren auch auslegen: Erzählungen handeln von erleuchteten Wesen, von schwebenden Yogis und angst- und schmerzlosen Meistern, die auch noch die größte Kränkung eines jeden Menschen besiegen, den Tod.

„Am Ende eines erfüllten Lebensabschnittes stecken manche Menschen in einer Sinnkrise, manchmal ist auch der Tod oder der Verlust eines geliebten Menschen die Ursache dafür, dass sie empfänglich werden für die Heilsversprechen von Scientology“, sagt Klaus Uwe Benneter. Der Berliner Rechtsanwalt, der heute als Justitiar der SPD-Fraktion im Bundestag sitzt, hat Ende der 90er Jahre Aussteiger betreut. Benneters Mandanten hatten ihre Lebenskrise überwunden und waren „erwacht“ – nur eben anders, als es sich die Organisation vorstellte. „Sie wollten das viele Geld zurück, das sie für Bücher, Seminare und Anhörungen bezahlt hatten“, sagt Benneter, und er half ihnen dabei – 20 000 Euro und mehr waren es, mancher hatte sich dafür tief verschuldet.

Die Mitarbeiter des Zentrums sprechen Passanten vor dem Gebäude und Besucher im Foyer an und laden sie oft dazu ein, einen langen Fragebogen auszufüllen. Diese sogenannte „Oxford-Kapazitäts-Analyse“ stammt nicht von der renommierten britischen Hochschule, sondern von Scientology-Gründer Hubbard. Sie umfasst 200 Fragen. Die Antworten bieten Einblicke in die Seelenlage des künftigen Mitglieds, und alles wird notiert. Es sind die ersten Seiten einer Biografie der Psyche. Zahlreiche Kapitel kommen in den dann folgenden Anhörungen dazu. Am Ende steht eine schonungslose Enthüllung der tiefsten Gedanken.

Der Test ist außerdem Grundlage für ein maßgeschneidertes „Ausbildungsprogramm“ zur Verinnerlichung der scientologischen Wahrheiten. Und für das alles muss der Scientologe bezahlen: Zwölf scientologische Sitzungen kosten für Anfänger um die 400 Euro. Später steigt der Preis drastisch.

„Die Gewinnerzielung ist eine Hauptaufgabe und -tätigkeit der „Kirchen“ oder „Missionen“ in Deutschland“, schreibt der Bundesverfassungsschutz über Scientology. Ingo Heinemann, Sprecher vom Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung, einem Verbund von 16 Anlaufstellen für Betroffene, findet daran besonders perfide, dass „sie ein Produkt verkaufen, das nicht die versprochene Wirksamkeit hat, sondern vor allem die Nebenwirkungen: finanzielle und psychische Abhängigkeit“. Denn die teuren Seminare und Schulungen seien außerhalb von Scientology wertlos. Nur die Organisation profitiere: Sie binde die Mitglieder und kassiere Millionen.

Das wichtigste Instrument der Mitgliederbindung ist die scientologische Therapie, das „Auditing.“ Das findet im fünften Stock des Berliner Zentrums statt. 19 Räume stehen zur Verfügung. Vor einem Raum steht auf einem grau leuchtenden Display „Nicht in Sitzung“. Hinter der Tür: zehn Quadratmeter, eine Topfpflanze, ein roter Sessel für den „Patienten“ und ein schwarzer Stuhl für den „Therapeuten“. Auf dem Tisch dazwischen steht der „Elektropsychometer“. Zwei Leitungen verbinden ein schuhkartongroßes Gehäuse mit handtellergroßen Kolben aus Chrom.

Die Kolben hält der „Patient“ bei den Sitzungen in seinen Händen, während der „Therapeut“ an den Ausschlägen eines Zeigers Emotionen erkennen und das Gespräch auf verborgene Gedanken und Ängste lenken kann. Einen „Lügendetektor“ nennen Kritiker das Gerät, das die Hautspannung messen soll. Für die Scientologen dagegen ist es ein Hilfsmittel zur „Reinigung der Seele“. Denn nach Hubbards Auffassung ist die Menschheit 60 Billionen Jahre alt. In dieser Zeit sollen die ursprünglich reinen Seelen viel Ballast aufgenommen haben: Verletzungen, Kränkungen, Traumata. Wer sich davon befreit, findet in seinen ursprünglichen Zustand zurück: körperlos und frei.

Aber warum sollte man körperlos sein wollen, Herr Busch? Macht denn nicht das Körperliche am meisten Spaß? Essen? Sex? Gespräche mit dem Scientology-Sprecher sind, als versuche man, einen Fisch mit der Hand zu fangen. Gegen körperliche Freuden sei ja nichts einzuwenden, sagt Busch. Aber der Mensch sei ja doch „ein geistiges Wesen“, und der Verstand könne lernen, den Körper zu kontrollieren. „Praktische Religion“, das ist eines seiner Lieblingsworte. Aber „Thetane“, Herr Busch, die körperlos Raum und Zeit überwinden? Klingt das nicht eher nach Science Fiction denn nach vernunftbasierter, praktischer Lehre? Busch murmelt etwas von „Wurzeln in ostasiatischen Religionen“; Fragen, die auf seine eigene Meinung abzielen, sind ihm unangenehm. Am liebsten verweist er auf Hubbards Bücher. Da stehe alles drin.

Zu der „Reinigung“ gehört auch die Verinnerlichung der sieben Millionen Worte, die Scientology-Gründer L. Ron Hubbard seinen Anhängern zufolge zu Lebzeiten schrieb. Sie gelten als unantastbar und heilig. Gegner sehen in der Methode eine „Gehirnwäsche“. Scientology nennt ihre Arbeit „Clearing“ und die Methode „Dianetic“. Das Buch dazu ist ein Bestseller: in 52 Sprachen übersetzt und 20 Millionen mal gedruckt. Die grellen Farben der Paperbackausgabe leuchten in den Regalen des Berliner Zentrums. Auch davor steht ein Bildschirm. Die Augen von Scientology-Sprecher Busch glänzen, als er die großen Knöpfe drückt. Der Film über die Scientologische Therapie startet. Der Sprecher verstummt gebannt vor dem Schirm.

„Scientology will das Monopol für die psychische Beratung, weltweit“, sagt Sektenexperte Heinemann. Das verberge sich auch hinter der Forderung nach Abschaffung der Psychiatrie, die auf einem Plakat an der Wand des Berliner Foyers prangt. Und dabei breche die Organisation geltendes Recht: „Das Auditing ist eine Psychotherapie, die eigentlich nur speziell ausgebildete Personen oder Ärzte durchführen dürfen“, sagt Heinemann. Doch für die Scientologen gebe es nur eine Ausbildung: So wie Gründer Hubbard sie vor einem halben Jahrhundert ersann.

Aber nicht nur die Seele, sondern auch der Körper muss gereinigt werden, glaubt Hubbard. Im sechsten Stock des Berliner Zentrums werden deshalb Laufprogramme und Saunagänge angeboten. Daneben finden sich die Bibliothek und die „Qualifikationsabteilung“. In besonderen Fällen ergänzt die Einnahme spezieller Präparate die Therapie, „Vitamine“ nennt sie Sprecher Busch; natürlich kosten auch sie das Mitglied Geld. Am Ende stehen Wunderheilungen, versichert die Organisation: Ein Feuerwehrmann, der am 11. September 2001 den asbestverseuchten Rauch an New Yorks „Ground Zero“ eingeatmet hatte, sei durch die Therapie von den medizinisch unheilbaren Folgeschäden erlöst worden.

Allerdings geht die scientologische Betreuung weit über eine seelisch-körperliche Betreuung hinaus. Die Bewegung hat geistige Führer, sie hat „Philosophen“, „Gelehrte“, „Präsidenten“ – und jedes Zentrum hat einen „Kaplan“. In Berlin befindet sich dessen Büro im ersten Stock, in der Nähe der „Kapelle“ mit 150 Holzstühlen. Dort finden Hochzeiten, Namensgebungen für Mitglieder und Sonntagsandachten statt. Scientology stellt eine lückenlose „Betreuung“ sicher.

Wer aussteigen will, muss starke Nerven haben. Ein Betroffener, der in der Obhut einer Hilfsorganisation ist, berichtet, das Telefon habe nicht mehr still gestanden: Frühere Wegbegleiter hätten ihn umstimmen wollen. Als dies wirkungslos blieb, sei ihm mit Veröffentlichungen aus den Anhörungsberichten gedroht worden. Von den Seitensprüngen, die er bei „Auditings“ zugegeben und bedauert hatte, wusste seine Frau noch nichts. Und er bemühte sich gerade um einen Neuanfang mit seiner Familie. Private Geheimnisse würden auch eingesetzt, um den Arbeitsplatz zu gefährden, wissen Betreuer von Aussteigern aus der Organisation. Das alles bestreitet allerdings Scientology-Sprecher Busch.

„Die neuen Zentren in den europäischen Hauptstädten dienen natürlich zur Rekrutierung neuer Aktivisten“, sagt Ursula Caberta, „doch vor allem sollen von dort aus die Regierungen auf Kurs gebracht werden.“ Die frühere Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft leitet seit 1999 die „Arbeitsgruppe Scientology“ beim Innensenator. Caberta zufolge setzt Scientology gegenwärtig in Europa eine Eroberungsstrategie um, die von der Zentrale in den USA vorgegeben wurde. Neue Mitglieder sollen geworben, der Verkauf von Hubbardbüchern beschleunigt und – besonders in Deutschland – der politische Widerstand gegen die Anerkennung der Organisation als „Religionsgemeinschaft“ gebrochen werden. Bei einem Gipfeltreffen von Scientologen in Brüssel sei sogar von „Krieg“ die Rede gewesen.

Bekämpft werden sollen nach Überzeugung des Verfassungsschutzes alle Andersgläubigen: „Es ist ein durchgängiges Merkmal der Organisation, dass sie alle Kritiker und Gegner ihrer Ideologie als kriminell und krank diffamiert“, heißt es in einem Bericht. Hubbards Ziel sei es, eine Gesellschaft ohne allgemeine und gleiche Wahlen zu errichten.

Viele Scientologen, die auf den Fluren des neuen Berliner Hauses umherlaufen, sprechen englisch. Berlin ist wichtig für die Organisation; aus aller Welt wurden Mitglieder hergeholt, um die Eröffnung perfekt zu organisieren. 8000 Mitglieder hat Scientology laut Verfassungsschutz bisher in Deutschland, die Organisation selbst spricht allerdings von 12 000 Aktiven und 30 000 „Kirchenbesuchern“. Und es sollen schnell mehr werden. Es werden schon mehr.

Schon vor der Eröffnung der neuen Zentrale sitzt an diesem Tag ein Jugendlicher ganz hinten im Foyer an einem hellen Holztisch, Kurzhaarschnitt, dunkle Jacke mit fellbesetztem Kragen, vertieft ins Gespräch mit einem Scientologen.

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