Zeitung Heute : Heimatlos

MATTHIAS SCHLEGEL

Der Wechsel der ehemaligen DDR-Bürgerrechtler zur CDU wird ihnen vermutlich das gleiche Unbehagen bereiten wie einst der Anpassungsversuch an die anderen, ebenfalls westdominierten Parteien VON MATTHIAS SCHLEGEL

Es darf bezweifelt werden, daß die sieben ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, die jetzt ihren Ein- oder Übertritt in die CDU bekanntgaben, dort tatsächlich ihre politische Heimat finden werden.Zumindest mit dieser Feststellung dürften die verletzten "Hinterbliebenen" recht behalten.Die Quereinsteiger werden, das erklärt sich aus der Genesis ihrer Selbstfindung in der DDR wie aus ihrer postsozialistischen Biographie, zumindest über lange Zeit hinweg politisch-moralisch unbehaust bleiben.Ihr Wechsel wird ihnen - so sie nicht selbstgefällig in den zurechtgelegten Sofakissen der großen Partei versinken - vermutlich das gleiche Unbehagen bereiten wie einst der Anpassungsversuch an die anderen, ebenfalls westdominierten Parteien.Und der Vorwurf, hier seien politisch labile Persönlichkeiten korrumpiert worden, wird ihnen eine Weile anhaften - genährt von den politischen Gegnern. Die DDR-Bürgerrechtsbewegung war nie eine homogene Bewegung.Eines nur einte sie: der Drang, die DDR zu verändern, die Allmacht der SED zu brechen, einen lebenswerten Sozialismus zu errichten oder - im äußersten Falle - auf einem dritten Weg Demokratie zu suchen.Wie klein und brüchig dieser gemeinsame Nenner war, erwies sich nicht erst, als sie, die Motoren des Umbruchskolosses, praktisch vom Chassis überholt wurden.Bereits an den Runden Tischen waren die teils unvereinbaren Auffassungen aufgebrochen, die nicht etwa festgefahrenen politischen Biographien entsprangen, sondern politischer Konzeptionslosigkeit angesichts der Aufgabe, nicht mehr nur zu konspirieren, sondern öffentlich zu konstruieren.Vor dem kurzen, aber kräftezehrenden Marsch in die Wiedervereinigung hatten viele von ihnen ihre Rationen schon verbraucht. So war es nicht verwunderlich, daß sich die Lebenswege der Bürgerrechtler, die sich kurzzeitig gekreuzt hatten, rasch wieder trennten - offenkundig keinem nachvollziehbaren Schema folgend: Theologen wie Markus Meckel, Richard Schröder oder Steffen Reiche trieb es in die SPD, andere christlich geprägte Dissidenten wie Arnold Vaatz oder Pfarrer Rainer Eppelmann in die CDU.Manche von denen, die ausdauernd die Segnungen der Marktwirtschaft bezweifelten, verschlug es zu den Bündnisgrünen.Viele, die der Politik generell mißtrauten, zogen sich ganz zurück - irritiert von der Empfindung erneuter Machtlosigkeit. Innerhalb der mit entschlossenem Kalkül zusammengeschweißten Parteien - einschließlich der CDU - tat sich sehr schnell Konfliktstoff auf, und nicht selten saßen gerade die ehemaligen Bürgerrechtler zwischen allen Stühlen.Wenn einige Bündnisgrüne im Osten schwarz-grünen Experimenten nicht abgeneigt schienen, so resultierte das auch aus manchen Gemeinsamkeiten in den oppositionellen Biographien - für die linksgestrickten West-Grünen eine Katastrophe.Wenn in der Ost-CDU an den Wertekatalog erinnert wurde, der etwa den konziliaren Prozeß begleitete, sah man in der West-CDU rot.Wenn ein Ost-Sozialdemokrat wie Stephan Hilsberg für die strikte Anwendung des Völkerrechts im Prozeß wegen der Toten an der Mauer focht, sah er sich von seinen Mitgenossen weitgehend alleingelassen. Daß sich die Sieben als Mahner einer bislang unbefriedigenden Aufarbeitung der Vergangenheit dort ansiedeln, wo sie die größten Wirkungsmöglichkeiten für dieses, ihr wichtigstes Anliegen sehen, mag man goutieren, doch es ist von Mißtrauen begleitet.Denn sie sind nicht davor gefeit, als Fahnenträger einer Anti-PDS-Bewegung vorgeschickt zu werden, die von den eigentlichen Defiziten im Einigungsprozeß und in der CDU selbst ablenken soll.Es überschätzt überdies ihren Einfluß auf eine ostdeutsche Wählerklientel, deren Probleme heute andere sind als noch zu Zeiten der Abrechnung mit dem alten System.

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