Zeitung Heute : Heimkehr in einfremdes Land

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Polen ist acht Jahre nach der Wende tief gespalten.Der Besuch des Papstes kann diesen Graben für einige Tage überdecken - nicht mehrVON CHRISTOPH V.MARSCHALLEs gebe nichts in Polen, was ihm fremd sei, hat Johannes Paul II.beim Beginn seines siebten und vielleicht letzten Besuchs als Papst in seiner Heimat gerührt ausgerufen.Aber kennt er dieses Land wirklich noch, das 1997 ein völlig anderes ist als jenes, in dem er bis zu seiner Wahl 1978 lebte - ein anderes auch als das, das er zuletzt 1991 ausführlich bereiste? Gewiß, überall jubeln ihm Hunderttausende zu.Die Polen lieben ihn, verehren ihn.Doch hören sie auch auf ihn? Der Systemwechsel hat auch die Stellung der Kirche verändert.Sie ist längst keine Zuflucht mehr vor einem die Menschen bedrängenden Staat.Die Schlüsselrolle, die sie an der Seite der Solidarno¿s¿c beim Sturz der Diktatur gespielt hat, verblaßt mit den Jahren.Eine junge Generation wächst heran, die kaum noch etwas anderes als Freiheit kennt und auswählen kann zwischen ganz unterschiedlichen Identitätsangeboten.Über 90 Prozent der Polen sind Katholiken, aber weniger als zehn Prozent geben an, daß sie sich an die Lehren der Kirche halten.Insbesondere beim Abtreibungsrecht lehnt eine klare Mehrheit die harte Haltung des Klerus ab.Bei ihren Versuchen, sich in die Politik einzumischen, mußte die Kirche bittere Niederlagen hinnehmen: 1995 in der Präsidentenwahl, als sie Lech Walesa unterstützte, aber der Ex-Kommunist Aleksander Kwa¿sniewski gewann; und soeben, als sie zur Ablehnung der neuen Verfassung - unter anderem wegen des fehlenden Abtreibungsverbots - riet, diese jedoch eine Mehrheit erhielt, wenn auch bei geringer Wahlbeteiligung. Im Herbst wählt Polen.Und so wird jede Äußerung des Papstes daraufhin abgehorcht, ob er Partei ergreift.Die nationalkonservativen Kräfte versuchen ganz offen, Johannes Paul vor ihren Karren zu spannen, um nicht nur den 1993 verpaßten Sprung ins Parlament zu schaffen, sondern gleich die Macht zu erringen.Ebenso bemüht sich freilich Präsident Kwa¿sniewski, den Papstbesuch als versöhnenden Schlußstrich unter den früheren Antagonismus zwischen Polens Linker und der Kirche darzustellen: Seht her, der Papst akzeptiert uns.Das gestrige Präsidententreffen in Gnesen zum 1000.Todestag des Heiligen Adalbert, der als frühe Symbolfigur europäischer Einigkeit herhalten muß, soll auch den Segen für Kwa¿sniewskis Westkurs abgeben - gegen die euroskeptische Rechte, die sich einerseits als einzigen Garanten der Westbindung darstellt und ihm vorwirft, das Land an Rußland zu verkaufen, die aber andererseits Polens nationale Werte betont und so tut, als würden die von einem moralvergessenen, dekadenten Westen bedroht. Der bald 78jährige Karol Wojtyla weiß um diese Erwartungen.Der zuvor müde wirkende, gebeugte Mann ist nach den ersten Tagen in seiner Heimat aufgeblüht, hat seinen Sprachwitz wiederentdeckt, umkurvt die politischen Fallen.Seine Botschaft ist: Es gibt keine Freiheit ohne christliche Werte.Zu Recht geißelt er den in den neuen Privatbetrieben häufig anzutreffenden Manchesterkapitalismus, fordert die Würde der Arbeit ein.Doch der blinde Haß auf die Ex-Kommunisten, den die Rechte schürt - voran das kirchennahe "Radio Maryja", das dem gemäßigten Teil des Episkopats allmählich unheimlich wird -, kann seine Sache auch nicht sein.Dies ist nicht das Polen, nicht die Freiheit, die er meinte.Der Papst will versöhnen, nicht die Spaltung durch Parteinahme vertiefen.Geistige Einheit sei die Voraussetzung für ein gemeinsames Haus - seine Worte gelten für Europa und für Polen gleichermaßen.Das Land ist acht Jahre nach der Wende tief gespalten.Der Besuch des alten Vaters kann diesen Graben für einige Tage überdecken, aber wenn er wieder abreist, bleibt eine Heimat zurück, die ihm ein wenig fremd geworden ist.

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