Zeitung Heute : Heimlich in die Post geschaut

Der Tagesspiegel

Verliebt, verlobt, doch zur Heirat kam es nicht. Schuld daran waren die Briefe, die Maria M. im Schreibschrank ihres Verlobten entdeckt hatte. Die heimliche Suche der Frau nach Spuren einer möglichen Untreue führte zu einem solchen Krach, dass sich gestern das Amtsgericht Tiergarten mit der Sache beschäftigen musste. Laut Anklage sperrte der 63-jährige Friedrich K. seine damalige Verlobte stundenlang ein und bedrohte sie mit einem Hammer.

„Ich verstehe den ganzen Aufwand nicht“, schimpfte der Witwer. Eine Freiheitsberaubung habe es nicht gegeben. Und nicht er, sondern Frau M. sei an jenem Sonntag vor einem Jahr Angst einflößend gewesen. „Sie offenbarte mir, dass sie die Briefe einer Frau gefunden habe“, sagte der Angeklagte. Es war seine Jugendliebe, die sich nach dreißig Jahren aus Spanien bei ihm gemeldet hatte. Die Frau, die er beim Studium kennen gelernt hatte, wollte ihn in einem Buch erwähnen. Doch seine damalige Verlobte habe ihm nicht geglaubt und ihm eifersüchtig „eine heftige Szene gemacht“.

Angeblich wollte der herzkranke K. nur noch allein sein. „Ich bat sie, die Wohnung zu verlassen“, behauptete er. Die 48-jährige Maria M. aber sei einfach nicht gegangen, habe mit einem Hammer in der Hand hysterisch geschrien. „Ich machte mir Sorgen und kochte ihr eine Tasse Tee nach der anderen.“

Dass es ihr nervlich sehr schlecht ging, bestätigte Maria M. als Zeugin. Sie habe eine Erklärung für die Briefe erwartet. „Als ich dann gehen wollte, zog er mich zurück und drohte mir.“ Es war wie so häufig in Prozessen um Szenen einer Beziehung: Schuld ist der andere. Dass Frau M. tatsächlich sechs Stunden lang keine Gelegenheit hatte, die Tempelhofer Wohnung zu verlassen, bestätigte sich nicht. Friedrich K. hatte unter anderem einen Freund angerufen, der schlichten sollte. Frau M. räumte ein, dass in diesem Moment ein Entweichen möglich gewesen wäre.

Der eingeschaltete Freund hatte abwechselnd mit den Streitenden gesprochen. „Es ging ums Nachspionieren, von Freiheitsberaubung war nicht die Rede“, sagte er im Prozess. Aus Sicht der Richterin war das Geschehen zwischen den mittlerweile Entlobten nicht eindeutig zu klären. Leidenschaftslos stimmte ihr die Vertreterin der Anklage zu. Gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 500 Euro wird das Verfahren gegen Rentner K. wegen geringer Schuld eingestellt. K. G.

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