Zeitung Heute : Heine lesen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Der Freund, der Künstlerfreund, hat die „Reisebilder“ von Heine zu Weihnachten geschenkt bekommen. „Ach“, sagt der Rentner. Und der Rentner erzählt: Vor vielen Jahren wollte er in Italien auf dem Apennin Ski fahren. Dort angekommen, war kein Schnee mehr da. Traurig stand er mit seiner Freundin am Lift hoch in den Bergen. Was nun? Da fiel ihm etwas ein, Heine hatte doch Briefe aus den Bädern von Lucca geschrieben. Auf nach Bagni di Lucca! Ein wunderbar altmodischer Kurort mit einem alten Grandhotel, geschlossen natürlich. Aber drei Nonnen nahmen ihn und die Freundin in einem Erholungsheim für Priester in einem schönen Doppelzimmer auf. An einem Wohnhaus fanden sie: „Auf diesem heiteren Hügel wohnte Heinrich Heine im Herbst 1828“. Auf den Spuren von Heine kletterten sie später über einen hohen Metallzaun hinein in das alte, inzwischen ruinöse und gesperrte Bad: Malereien im pompejanischen Stil, große Marmorwannen, und tief unten im verfallenden Gebäude ein ovales Marmorbecken, in das ein Löwenmaul Quellwasser spie. Hinein ins Becken!

Der Künstlerfreund kommentierte: „Wenn das nicht ein Beispiel für den Nutzen der Kunst für das Leben ist!“

Der Rentner holt den Band, mit den „Briefen aus Berlin“: „Prachtgebäude“ reihen sich Unter den Linden an „Prachtgebäude“, Heine wundert sich über die herumliegenden Baumaterialien und die Arbeiter, die schwatzen und „Branntewein“ trinken. Witzig ist, wie Heine vor dem ewigen Jungfernkranz flieht, dem „Jungfernkranz“ aus dem Freischütz von Weber, ein Schlager der damaligen Zeit. Sogar Berlinisch kann Heine. Als er abends sein Haupt auf den Schoß der schönsten „Borussin“ legt, lispelt sie ihm ins Ohr: „Ich liebe dir, und deine Lawise wird dich ohch immer juht sint“. Aber mit dem Jungfernkranz treibt sie Heinrich in wahnsinnige Verzweiflung, er reißt sich los, eilt die Treppe hinab und wirft sich zu Hause knirschend ins Bett.

Heinrich Heine „Reisebilder“, darin die „Briefe aus Berlin“", verschiedene Ausgaben.

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