Heintje : "Ich bin kein Weichei“

Jimi Hendrix, Che Guevara, Muhammad Ali – große Namen von ’68. Doch die Stimme des Jahres war Heintje.

Interview: Andreas Austilat,Norbert Thomma

Heintje wurde 1955 in Holland als Hendrik Simons geboren. Mit Liedern wie „Mama“ und „Heidschi Bumbeidschi“ beherrschte er die Charts, er verkaufte mehr als 40 Millionen Platten. Seit langem wohnt er mit Frau und drei Kindern auf einem Bauernhof in Belgien. Er ist immer noch auf Tour.

Herr Simons, im Jahr 1968 sangen die Rolling Stones ihr „Street Fighting Man“ und die Beatles „Hey Jude“ – doch Sie waren die Nummer 1.

Es ist schon sensationell, wenn du alles wegfegst, was da international und national Erfolg hat.

35 Wochen lang stand Ihr Album „Heintje“ an der Spitze der Hitparade.

Als Kind habe ich das, ob Sie es nun glauben oder nicht, nur sehr oberflächlich wahrgenommen. Im Sommer 1968 wurde ich 13 Jahre alt. Ich fand das schön und toll, dass die Leute mich mochten. Die finanzielle Dimension der ganzen Sache, meine eigene Wichtigkeit, das habe ich nicht überblickt. Auch wenn ich mich heute daran erinnere, tauchen nur einzelne Situationen auf wie Blitze.

Die Bee Gees kamen damals groß raus und …

… man darf nicht vergessen, dass ich auch außerhalb von Deutschland ein Star war. Ich hatte Goldene Schallplatten in Australien, Südafrika, in Neuseeland, Holland, Belgien, Kanada … Es gab in Cannes einen Preis für den erfolgreichsten Künstler eines Landes, da bekam ich auf einen Schlag zwölf Preise für zwölf Länder. Wenn ich das heute erreichen würde, das wäre unfassbar. Für ein Kind war es gut und nett.

Auf Youtube kann man Sie Mama sogar auf Englisch singen hören.

Ich habe alle Titel auch auf Englisch aufgenommen, alle. Wir hatten in Holland den großen Vorteil, dass die Filme original mit Untertiteln liefen, da lernte man Englisch wie im Spiel.

Die entscheidende Frage für Jugendliche war damals: Bist du für die Stones oder für die Beatles?

Genau. Und ich war für die Beatles. Mir haben ihre melodiösen Nummern gefallen, die Balladen. Kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass die mal als rebellisch galten. So ein Blödsinn.

Wissen Sie noch, welches Ihre erste selbst gekaufte Platte war?

Ich musste keine kaufen. Meine Eltern hatten eine Gastwirtschaft mit Jukebox, die regelmäßig von einem Plattenbestücker mit den aktuellen Top Ten aufgefüllt wurde. Dort wurde ich auch entdeckt. Ich saß also an der Quelle, ohne dass mir bewusst gewesen wäre: Ich will auch mal in die Top Ten. Ich habe ganz anders gesungen als die Rockbands, die aus den Lautsprechern kamen.

Ihr Held war vermutlich Peter Alexander, mit dem Sie den Film „Zum Teufel mit der Penne“ drehten.

Ich habe dessen Größe gar nicht begriffen, sonst wäre ich sicher vor Ehrfurcht erstarrt. Als Kind ist man da unbefangen. Nein, ich schwärmte eher für Manfred Mann oder Chris Andrews.

Der „Stern“ staunte über Ihre Stimme: „Das tiefe Tenor-Fis schafft er genauso rein wie das hohe Sopran-C.“ Haben Sie viel geübt?

Gar nicht. Ich bin vom lieben Herrgott mit einer ganz, ganz tollen Stimme gesegnet worden. Ich hatte wirklich drei Oktaven drauf. Ich war ja kein Sopran, sondern Tenor, ich konnte tief singen, und das ist bei einem Kind selten. Ich hatte Glück.

Sie sangen „Heidschi Bumbeidschi“, die Illustrierten schrieben von „Goldkehlchen“ und „Knaben-Tremolo“. Das passte nicht zur Rebellion von 68.

Ja, die Altersgruppe von 14 bis 25 war nicht unbedingt meine Klientel. Ich war für die Kleinen und die Eltern da. Ich habe die heile Welt verkörpert.

Für Jugendliche waren Sie das Grauen.

Ich habe mit Leuten am Tisch gesessen, die sagten: Früher konnte ich Sie nicht ausstehen. Ich fragte: Warum, kennen wir uns? Die sagten, nein, aber Heintje wurde von den Eltern immer als Vorbild hingestellt, wenn wir mal frech waren, Heintje war so brav, so nett, so gut erzogen.

Die „Süddeutsche“ nannte Sie „den Inbegriff für den Generationenkonflikt“.

Ja? Da ist schon ein bisschen was dran.

Sie traten im Jackett und mit Krawatte auf. Jungs in dem Alter spielen Fußball oder raufen.

Meine Kleidung war konservativ, das wollte das Management so. Ich war damit gar nicht einverstanden. Als mich noch niemand kannte, habe ich mir von meinen Eltern ein goldenes Jäckchen schenken lassen mit Pailletten drauf. Ich hatte im Fernsehen Mario Lanza als Caruso gesehen, so habe ich mir meine Karriere vorgestellt. Ich sang mit viel Bewegung der Arme – große Oper, bestimmt ein Tick zu viel! Meine Eltern waren begeistert, und ich war stolz darauf, und nun sollte ich auf einmal als Heintje ganz einfach dastehen und die Arme ruhig an die Hose legen. Schlicht sollte ich sein, für den Erfolg war das wahrscheinlich richtig.

Es gab 1968 bereits die „Bravo“, die druckte schon mal eine zehnseitige Fotostrecke von Ihnen. Sie waren ein Star, haben Sie auch darin gelesen?

Ja. Da standen genau die Sachen drin, die man nicht lesen sollte. Mehr noch ging es um die Bilder, da war ein bisschen nackte Haut zu sehen.

Wie so viele in der Pubertät wurden auch Sie durch „Bravo“ aufgeklärt.

Ich wollte wie jeder gesunde junge Mensch wissen, was da los ist. Mit meinen Eltern konnte ich nie über Sex reden. Meinen Vater und meine Mutter habe ich nie nackt gesehen, das war so in dieser Generation. Die haben sogar im Schlafzimmer ein Tuch über die Türklinke gehängt, damit wir nicht durchs Schlüsselloch spähen konnten. Heute sind wir mit den Kindern viel freizügiger, wir laufen nackt durch die Wohnung und finden daran nichts Schlimmes …

… dank 68, der freien Liebe der Hippies, dank dem Aufklärer Oswalt Kolle.

Ach, das glaube ich nicht. Die Welt verändert sich immer. Traktoren und Radios sind heute auch anders als damals.

Der „Spiegel“ schrieb mal über Sie, „mit 11 der erste Kuss, mit 15 der erste Sex, Heintje ist …“

... Das stimmt nicht, ich war 14. Ich wurde nicht durch „Bravo“ aufgeklärt, sondern durch das Leben. Die Frau war älter als 30, das hilft schon, wenn man noch so jung ist. Danach hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl: Darf man das mit 14? Das macht man nicht!

Sie sind katholisch aufgewachsen. Zu jener Zeit gingen Kinder zitternd in die Kirche, um beim Pfarrer zu beichten.

Nein, nein. Ich brauche keinem Fremden so etwas zu erzählen. Ich glaube an ein höheres Wesen, ob es nun einen Bart hat oder keinen. Dazu muss ich nicht in die Kirche gehen.

Ein paar Heroen von 1968: Che Guevara …

… bedeutete mir nichts …

… Jimi Hendrix …

… war sicher nicht mein Geschmack, außerdem hat er sich mit Drogen ruiniert. Wenn schon, dann habe ich Cassius Clay bewundert und ...

... der Boxer nannte sich später Muhammad Ali.

Ja, aber ich will deshalb nicht unbedingt Moslem werden. Er hat gesagt, ich hau ihn in der dritten Runde um, und er hat ihn in der dritten Runde umgehauen. Er ist ein ganz Großer.

Clay hat den Militärdienst in Vietnam verweigert, verlor dafür seinen Weltmeistertitel und ging ins Gefängnis.

Jeder Mensch ist gegen Krieg, oder? Krieg ist grausam, doch in diesem Punkt lernen wir alle nichts, siehe Jugoslawien, siehe Irak. Vielleicht ist der Mensch im Kern nicht gut.

Das sagen Sie, der Botschafter der heilen Welt?

In jedem schlummern Aggression und Gewalt, und wer unter Druck steht oder Angst hat …

„Mama“ war Ihr erster großer Hit – ein Ruf der Liebe.

Und das Schöne ist, alle glauben, „Mama“ wäre mein Lied. Es ist aber nicht mein Lied, es ist ein uraltes italienisches Lied, ein Startenor wie Benjamino Gigli hat es gesungen, und vor einigen Jahren hat Pavarotti es noch einmal aufgenommen. „Mama“ ist auch kein Kinderlied, das merkt man am Text: „Du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen, Mama, einst wird das Schicksal wieder uns vereinen. Ich werde nie vergessen, was ich an dir hab besessen, dass es auf Erden nur eine gibt, die mich so heiß hat geliebt.“ Da singt ein junger Mann, der von zu Hause weggeht, für seine Mutter.

1968 feierte ein Gigant sein Comeback: Johnny Cash. Er gab im Folsom-Gefängnis ein Konzert. Für Sie war so ein Publikum immer undenkbar?

Ja, obwohl: Mir haben einige Knastologen erzählt, sie hätten sich meine Lieder gewünscht. Und aus dem Milieu von St. Pauli weiß ich, da habe ich manchen harten Bären zum Weinen gebracht. Nur hätte mein Management so einen Auftritt wie den von Johnny Cash nie zugelassen. Das Image! Ich habe früher gedacht, man hätte auch mal was riskieren sollen. Heute ginge das.

Vor Weihnachten haben Sie eine Tour durch die neuen Bundesländer gemacht, Parchim, Gransee, Eisenhüttenstadt, Wittenberge …, teilweise zwei Auftritte am Tag.

Die Leute konnten ja lange keine Westkünstler live hören, vielleicht erklärt es das.

Sie sollen seit der Wende acht Millionen Platten in Ostdeutschland verkauft haben.

Das kann gut sein. Es ist alles neu auf CD erschienen. Die werden zu einem Preis von sechs, sieben Euro verkauft und erscheinen deshalb nicht in den Charts. Finanziell war das sehr nett, ist doch klar.

Insgesamt mehr als 40 Millionen verkaufte Tonträger, das ist einmalig in Deutschland. Sie müssten nicht mehr in einem Saal mit grauen Senioren auftreten.

Nein, ich hatte Bombenverträge, ich habe ausgesorgt. Aber es ist mein Beruf, ich singe gerne, ich sitze auch zu Hause jeden Tag mit meiner Gitarre und singe. Johannes Heesters hätte auch schon lange nicht mehr gemusst. Wenn ich auf eine Bühne trete und spüre, die Menschen mögen mich – dafür tue ich das. Das versteht nur, wer es selbst erlebt hat. Sicher, ich bekomme ein Zehntel meiner Gage von früher, aber bin ich deshalb erfolglos? Quatsch! Ich wusste, dass der Erfolg von Heintje nicht zu toppen ist – wer hat ihn denn getoppt? Niemand.

Nach vier Jahren, 1972, war es mit Heintje vorbei. Ihr Entdecker Adi Kleyngeld hatte das vorhergesehen: „Bei ihm reimt sich Liebe nicht auf Triebe. Ehe er von der Fremdenlegion oder verlassenen Cowboys singen kann, hat er den Stimmbruch.“

Na, diesen Satz habe ich nie gehört. Ich hatte nie den klassischen Stimmbruch. Bei mir ging das langsam in eine tiefere Stimme über.

Sie wollten später „richtigen Rock fetzen“ oder „ein deutscher Tom Jones werden“, sagten Sie mal.

Für richtigen Rock hatte ich nie die Röhre, das ist auch nicht meine Musik. Tom Jones schon eher.

Sie würden „Sex Bomb“ singen?

Also, heute sollte ich das nicht mehr tun. Tom Jones hat noch dieses gewisse Image des Frauenhelden, bei dem fliegen ja auch Höschen auf die Bühne.

Und was fliegt bei Ihnen ...? Herr Simons, was gibt’s da zu lachen?

Bei mir fliegen Taschentücher.

So entspannt wie jetzt waren Sie nicht immer. Mitte der 80er Jahre klagten Sie: „Warum glaubt keiner mehr an mich? – Ich bin verbittert und enttäuscht.“

Das galt nie meinem Publikum, sondern einer Plattenfirma. Ariola war in den roten Zahlen, ehe ich kam, die sagten ganz offen: Heintje, du hast uns gerettet, geh nie zu einer anderen Firma, du bist unser Liebling.

Ariola soll in wenigen Jahren ganze 150 Millionen Mark an Ihnen verdient haben.

Das kann gut sein, ja. Wissen Sie, wie sich so etwas entwickelt? Am Anfang holt dich der Direktor gerne persönlich am Empfang ab, wenn du dich zum Termin angekündigt hast. Dann musst du bei der Sekretärin anrufen, ob der Chef da ist. Und irgendwann ist er einfach gar nicht mehr zu sprechen. Da war ich menschlich schon enttäuscht. Oder die Fotografen, die früher Exklusivrechte an mir hatten, die waren auf einmal weg, als ich sie dringend brauchte.

Auch die Presse war nicht mehr gut zum einstigen Hätschelkind. Als Sie einen Bauernhof kauften und zum Ziel von Kaffeefahrten machten, jammerte „Frau im Spiegel“: „Hast du das nötig, Heintje?“ Sie hätten jährlich 65 000 Besucher und würden dieses „Wunderöl gegen Fußgeruch“ verkaufen.

Ich habe nichts verkauft, das haben die Veranstalter gemacht, ich habe nur gesungen. Wir hatten die Reithalle mit Holzbohlen ausgelegt, da passten gut 1000 Leute rein. Aber ja, als Kind war ich unschuldig, da wurde ich nicht angegriffen, dem Kind tut man nichts Böses. Später wurde viel Falsches geschrieben, ehrlich, ich habe drüber gelacht.

Ein eigenartiges Leben. Mit 17 Jahren haben die meisten noch keinen Beruf, da waren Sie bereits Multimillionär und hatten den Höhepunkt der Karriere hinter sich. Sie seien dann in Diskotheken rumgehangen, heißt es.

Ja, ich hatte so eine wilde Phase, da habe ich mitgenommen, was kam. Ich habe die eine Frau abgeliefert und bin zur nächsten gefahren. Ich habe nicht darüber nachgedacht, warum die gerade mich wollen. Ich bin zu jeder nett gewesen, aber im Grunde war ich kurz davor, den Respekt vor Frauen zu verlieren. Man sollte niemanden so behandeln, wie ich das getan habe.

Sie waren der galante Tänzer?

Nein, ich war der Gucker, ich stand ruhig da, Augenkontakt. Die anderen haben sich auf der Tanzfläche verausgabt, ich habe die Mädchen abgeschleppt.

Herr Simons, wenn man Kollegen erzählt, man würde Sie treffen, ist die Reaktion immer: Heintje? Was ist denn aus dem geworden?

Ich wohne seit 37 Jahren in Belgien, wo ich ein wunderschönes Grundstück gekauft habe, 40 Hektar, da brauchen Sie zweieinhalb Stunden, bis Sie außenrum laufen, der nächste Nachbar ist eineinhalb Kilometer weg. Es gibt da Wälder und ein Flüsschen, die Geul, da kannst du Forellen angeln. Bei uns sind 50 Pferde untergestellt. Ich fühle mich wohl.

Auf einer DVD für Ihre Fans sieht man Sie im Holzfällerhemd auf dem Trecker fahren. Mal ehrlich, das war für die Kamera.

Nein, ich mache vieles selbst. Ich helfe Zäune zu bauen, im Sommer geht es um sechs Uhr los, die Strohballen reinzuholen. Ich pumpe Wasser aus der Geul und verspritze es in der Reithalle, damit es nicht so staubt.

Sie sind seit Ewigkeiten verheiratet und haben drei Kinder.

Der Älteste arbeitet als Bauschlosser. Die beiden anderen gehen noch zur Schule. Deren Musikgeschmack kommt von MTV, die hören Hip-Hop, 50 Cent.

Und Sie?

Ich hab’s gern gefällig, Mallorca-Schlager zum Bier, zum Rotweinchen auch mal Kuschelrock.

Sie sind ein ganz Sentimentaler.

Würde ich sagen, ja. Ich mag auch Filme wie „Love Story“ oder „Vom Winde verweht“. Nur damit Sie mich nicht in die falsche Schublade stecken: Ich bin kein Weichei! Und wissen Sie, was mich ankotzt? Man wirft Sängern wie mir vor, du bist so seicht, so lieb. Aber wenn ich neue Lieder mache wie „Im tiefsten Dschungel fällt Schnee“, also etwas Umweltmäßiges, dann traut sich keiner ran! Keine Firma koppelt es als Single aus, kein Redakteur spielt es im Radio. Sie sagen, bring doch mal anspruchsvolles Niveau, und wenn ich vom Klimawandel singe, heißt es: Jetzt dreht er durch, jetzt wird er verrückt.

Das Heintje-Etikett klebt an Ihnen.

Es gab Zeiten, da fand ich es richtig blöd, wenn mich jemand Heintje nannte. Meine Familie und meine Freunde nennen mich Hein. Soll ich den Leuten etwa sagen, dass sie mich nicht mehr Heintje nennen dürfen? Dann wären die doch enttäuscht. Heute schreiben die cleveren Veranstalter „Hein ‚Heintje‘ Simons“ aufs Plakat. Ich habe meinen Frieden damit gemacht.

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