Zeitung Heute : Heinz Eggert: Wie wird man einen König los?

Nana Brink

Er sitzt in der Lobby eines Berliner Hotels und wartet auf seinen großen Auftritt. Die Wintersonne knallt auf den glatten Schädel, das Grinsen ist wie früher, nur die Augen zwinkern nicht mehr vor Anspannung. Als er noch den "Schimanski von Dresden" spielte, zuckten seine Augen bei jedem dritten Satz. In ein paar Stunden wird er unter Scheinwerfern im "Grünen Salon" sitzen und seinen Gast beleidigen. Nur ein bisschen natürlich. Nicht wie früher. Heinz Eggert, Vize-Chef der sächsischen CDU, hat schon immer gerne die Bühne gewechselt. Vom Pfarrer zum Innenminister, zum Kronprinz, zum Talkmaster. "Heiner ist wie keiner", frotzeln seine Kollegen im Landtag, wenn der Abgeordnete Heinz "Heiner" Eggert montags nach Berlin saust, um mit Erich Böhme bei n-tv zu talken.

Schade, dass nicht jeden Montag Aschermittwoch ist. Beim Politischen Aschermittwoch der CDU in Leipzig fühlt sich einer wie Eggert richtig wohl. "Bei Schröder müssen unfähige Minister gehen - in Sachsen ist das anders." Seit Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf vor drei Wochen seinen Finanzminister feuerte, herrscht Ausnahmezustand. Biedenkopfs einstige Claqueure proben den Aufstand. Der König muss gehen! "Spätestens Ende 2002", so ein einflussreiches Fraktionsmitglied, "ist Biedenkopf weg." Besonders die Verstoßenen des Königshofes, lauter Ex-Minister wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz, Biedenkopfs geschasster Duz-Freund Georg Milbradt oder - Heinz Eggert, verweigern dem König die Gefolgschaft. Bisher sitze er ja "fest im Sattel", aber "damit ist es jetzt vorbei", sagte Eggert vor der Fraktion.

Einer muss die Wahrheit sagen. Als Talkmaster und Sparringspartner von Erich Böhme im "Grünen Salon" spart Eggert nicht mit deutlichen Worten. Die Rollen sind klar verteilt: Erich gibt den Zyniker mit dem Rotweinglas und Heinz den Mann der einfachen Wahrheiten - mit Bier. Vielleicht stand Eggert deshalb bis zu seinem Sturz 1995 in Sachsens Polit-Hitparade immer ganz oben. Lange Zeit war es still um das "political animal", wie sein Talkfreund Böhme ihn nennt. Jetzt erfindet sich der politische Mensch Eggert neu: als großer Moderator, der die Partei vor dem Zerfall bewahren muss.

Und die Partei holt ihr schwarzes Schaf wieder zurück. "Der sagt denen doch mal Bescheid da oben", glaubt ein Parteimitglied in Leipzig. Eggert, das Kommunikationstalent: Wahrscheinlich ruft auch der Ministerpräsident bei ihm an, der sonst ja bekanntlich nur noch mit sener Frau Ingrid redet, und holt sich einen Rat. Glaubt zwar keiner, hört sich aber gut an in Zeiten schriller Dissonanzen.

Wenn Eggert nicht umherreist und tröstet, schreibt er als Franz Beckenbauer der Sachsenunion Kolumnen für "Bild". Da stehen dann so hübsche Erlebnisse drin wie die Begegnung mit den Bauarbeitern, die den "Heiner" natürlich noch aus seiner Dresdner Zeit kennen und die ihm dann so von Volk zu Volksvertreter flüstern, ob die "im falschen Film" sitzen in der Staatskanzlei. Und damit meinen: Kümmert euch nicht um den König, nehmt die Sache selbst in die Hand. Das klingt sehr aufmunternd, aber die Rechnung geht nicht auf. Denn der König hockt am Elbufer und nimmt übel. Um seine aufmüpfigen Untergebenen abzustrafen, hat der Ministerpräsident letzte Woche erst mal angekündigt, bis 2004 im Amt zu bleiben. Vor Wochen hatte man noch die Hoffnung, er würde in zwei Jahren mitsamt Ingrid zu seinem Haus am Chiemsee entschweben. "Wir hätten ihm doch den roten Teppich bis zum Chiemsee ausgerollt", meint Eggert und ist sauer.

Aber wie wird man einen König los, ohne das Volk auszutauschen? "Eine Tragödie", sagt Eggert, der etwas von Tragödien versteht und von dem viele sagen, er habe noch eine Rechnung mit Biedenkopf offen. Von damals, als er zurücktreten musste wegen des Vorwurfs, einen Untergebenen belästigt zu haben, und sein Chef verlauten ließ: "Der Mann ist eine Gefahr für Sachsen." Das denken immer noch viele, weshalb seine Fraktionskollegen und Parteifeinde eifrig seine neue Aufgabe als Moderator loben. Aber ein Amt? Dann doch lieber Eggert in der Rolle: "Heiner sagt, was keiner sagt".

"Ich werde nicht Ministerpräsident", sagt Eggert süffisant und grinst in die Wintersonne. Noch ein paar Stunden bis zum Fernsehauftritt. Er läuft sich warm. Ein Augenzwinkern. Wir wollen die Partei doch nicht erschrecken. Nein, kein Amt mehr, "ich muss mich vor mir selber schützen". Das geht als Fernsehmoderator besser. Und es macht auch mehr Spaß.

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