Zeitung Heute : Heiß und kalt

Einst stand Borsig vor dem Aus. Dank geglückter Sanierung wird jetzt wieder kräftig exportiert

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Von Alexander Visser Am Eingang der großen Backsteinhalle ist ein zwölf Meter langes U-Boot aufgebockt. Zumindest erinnert der stählerne Zylinder daran, nur die Bullaugen fehlen. „Das ist der Abhitzekessel einer Ammoniakanlage“, erklärt Konrad Nassauer, geschäftsführender Gesellschafter der Borsig GmbH. Ein Aufdruck gibt an, wohin der Koloss geliefert wird: Jakarta Seaport. Indonesien fördert Erdöl, und wo Erdöl sprudelt, fällt auch Ammoniak an. Das Gas muss von 950 auf 350 Grad Celsius abgekühlt werden. Wenn jemand einen Kessel braucht, der solchen Temperaturen und dazu noch extrem hohem Druck standhält, ruft er wahrscheinlich bei Borsig in Berlin an. Denn bessere Kessel, ist sich Nassauer sicher, kriegt man in der ganzen Welt nicht.

Dass Borsig heute überhaupt noch Kessel bauen würde, war vor vier Jahren äußerst fraglich. Viel hätte nicht gefehlt, und einer der größten Namen der deutschen Industrie wäre endgültig Geschichte gewesen. Im Frühjahr 2002 rutschte der Oberhausener Konzern Babcock-Borsig in die Pleite, das Aus für Borsig schien besiegelt. Doch das Traditionsunternehmen hat als GmbH überlebt, sichert 340 Menschen Arbeit und liefert als Spezialist für Heißes und Kaltes Abhitzesysteme, Spaltgaskühlersysteme und Kratzkühler in alle Welt.

„Die Gefahr einer Betriebsschließung war sehr real“, erinnert sich Christian Köhler-Ma, der damalige Insolvenzverwalter von der Sozietät Leonhardt & Partner. Als Teil des verschachtelten Mischkonzerns wurde Borsig „wie eine schlecht geführte Behörde verwaltet“. Um den Betrieb zu sichern, brauchte Köhler-Ma sehr schnell einen Sanierungsplan. Den lieferte Konrad Nassauer, damals noch Abteilungsleiter für Apparatebau. „Wenn er Borsig den Rücken gekehrt hätte, wäre es sehr schwierig geworden, die Firma zu retten“, sagt Köhler-Ma.

„Wir mussten zunächst Überkapazitäten abbauen und dafür sorgen, dass sich Borsig auf die Kernkompetenzen im Apparatebau konzentriert“, sagt Nassauer. Dazu wurden unter anderem die Produktionsflächen reduziert und Unternehmensteile im Chemiedreieck bei Halle veräußert. Die komplette Konzernführungsebene, die zu Babcock-Zeiten eine ganze Etage bevölkerte, musste gehen.

Von den rund 400 Berliner Beschäftigten wurden nur 244 in die GmbH übernommen. Einige gingen in den Vorruhestand, „aber viele entlassene Kollegen sind heute noch arbeitslos“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Peter Schröder. Wer blieb, musste eine 15-prozentige Gehaltskürzung hinnehmen. Auch den Austritt aus dem Arbeitgeberverband und dem Tarifsystem mussten die Arbeitnehmer schlucken. „Dafür sind die verbliebenen Stellen gesichert, wir haben eine Bombenauslastung“, sagt Schröder.

Auch Christoph Spors von der Capiton AG sieht Borsig wieder auf einem guten Weg. Die Berliner Private-Equity-Gesellschaft hat Borsig zu 75 Prozent übernommen, 25 Prozent der Firmenanteile hält das Management. „Zum Glück ging die Insolvenz schnell vorüber, der Name Borsig wurde nicht beschädigt“, sagt Spors.

Jetzt ist das Unternehmen auf einem vorsichtigen Expansionskurs. 2004 kauften die Berliner die traditionsreiche Zwickauer Maschinenfabrik (heute Borsig ZM Compression), die Kolbenverdichter produziert. Nassauer schließt weitere Zukäufe nicht aus, etwa im Bereich der innovativen Membrantechnik: „Beide Bereiche ergänzen die Prozesslinien, in denen Borsig heute schon führend ist.“

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