Zeitung Heute : Heißes Blut für kühle Stunden

Sonne, Sommer, Wärme – wer wünscht sich das nicht, gerade wenn es mal wieder regnet? Doch Hitze kann sehr schädlich sein. Wind und Wasser sind die besten Mittel, um das Wetter auch genießen zu können. Für den Rest sorgt der Körper selbst.

Adelheid Müller-Lissner

„Hitzefrei“ ist eine sinnvolle Einrichtung, Pisastudie hin oder her: Denn Kinder und Jugendliche in der Wachstumsphase leiden bei hochsommerlichen Temperaturen besonders an Kreislaufbeschwerden und allgemeiner Schlappheit, wie Medizinmetereologen versichern. Dann tut das Freibad besser als das Klassenzimmer. Jetzt haben die Berliner Schüler gerade sechs Wochen Hitzefrei am Stück. Dafür leiden viele Erwachsene, die hier die Stellung gehalten haben.

Der Medizinmetrologe Karl Bucher von der Zentralen Medizin-Meterologischen Forschungsstelle des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg liefert die Begründung: „Der Körper muss jetzt viel Wärme abgeben, um die Organfunktionen zu garantieren.“ Brust- und Bauchraum des Menschen und sein Gehirn brauchen bekanntlich eine gleichmäßige Temperatur von etwas weniger als 37 Grad Celsius. Um diese auch bei Hitze zu gewährleisten, muss vermehrt Blut zwischen dem Körperinneren und seiner Hülle umgewälzt werden.

Cool bleiben!

Der Mensch schwitzt, und das ist ausgesprochen nützlich: Denn durch das Verdunsten des Schweißes wird Wärme abgegeben, das Blut kann abkühlen. Allerdings werden dem Körper dadurch auch Flüssigkeit und Elektrolyte entzogen. Bei diesem Wetter ist die Wasserflasche also wirklich ein nützlicher Begleiter, auch für weniger sportliche Naturen.

Es sind eher Menschen mit niedrigem – also langfristig eigentlich „gesundem“ – Blutdruck, die unter der Hitze leiden. Ihr Kreislauf „sackt ab“, sie fühlen sich müde und wenig leistungsfähig. „Wetter“ allein ist aber für niemanden wirklich gefährlich. Es kann nur zur Verschlimmerung schon bestehender Krankheiten beitragen. Beim Gesunden reicht die Anpassungsfähigkeit des Organismus, die er einer langen Entwicklungsgeschichte verdankt, dagegen aus. Wer sich das ganze Jahr über bei Wind und Wetter im Freien bewegt, trainiert dieses Potenzial.

Bei alten und kranken Menschen ist die Sterblichkeit während sommerlicher Hitzeperioden jedoch höher. Daten aus Baden-Württemberg, die vor kurzem in Freiburg ausgewertet wurden, deuten auf erhöhte Sterblichkeit bei hohen Temperaturen. „Wir haben eine hitzebedingte Zunahme der Mortalität um 20 Prozent feststellen müssen“, so Bucher. Eine englische Studie ergab vor einiger Zeit, dass mehr Menschen an heißen Mai- oder Junitagen sterben als im Hochsommer. Die Forscher sehen dafür zwei Gründe: Einerseits treffen die ersten Hundstage des Jahres den Organismus unvorbereitet. Andererseits werden besonders anfällige Kranke schon zu Beginn der Saison dahingerafft.

Aber so warm ist es in England oder in Deutschland doch gar nicht. Was sollen erst die Sizilianer sagen, die noch dazu vom akuten Wassernotstand geplagt sind? Das menschliche Empfinden für Wärme und Kälte sei nicht allein von der Lufttemperatur abhängig, kontern die Medizinmeterologen. Wie uns das Wetter vorkommt, darauf haben auch Sonneneinstrahlung, Windgeschwindigkeit und Wärmestrahlung von Atmosphäre und Erdboden Einfluss. Die Freiburger Forscher haben deshalb ein Modell der „gefühlten Temperatur“ als Maßstab erarbeitet. Wenn die leichte Brise am Meer unserer Thermoregulation auch bei objektiven 30 Grad Celsius im Schatten zu Hilfe kommt, empfinden wir das Klima als angenehm. „Der Wind spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wenn er weht, werden tatsächliche 35 Grad trotz hoher Luftfeuchtigkeit oft als angenehme 25 Grad wahrgenommen.“ Wenn wir bei derselben – allerdings stehenden – Temperatur im Großraumbüro schwitzen, empfinden wir es als echte Aufgabe, die Körpertemperatur konstant zu halten. „Dann helfen Rollos, frühmorgendliches Lüften und das Öffnen der Türen zum Gang“, empfiehlt Bucher. Bis es auch objektiv zu heiß wird: Das „National Institute für Occupational Safety and Health“ der USA hat Grenzwerte für das Arbeiten unter „wärmebelastenden Umgebungsbedingungen“ herausgegeben. Spätestens ab einer Temperatur von 40 Grad müssen demnach die Belastungen reduziert werden und ausreichende Pausen im Kühlen stattfinden.

Bei Hitze wird auch das Autofahren gefährlicher: Eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen hat hochsommerliche Hitze gleich nach winterlicher Strassenglätte als zweitwichtigsten Einflussfaktor für die Minderung der Reaktionsfähigkeit ausgemacht. Da trifft es sich gut, dass der Fahrtwind beim Radfahren in der Stadt die gefühlte Temperatur angenehm senkt.

Licht als Therapie

Dass die Sonne scheint, ist aber bekanntlich nicht nur mit Wärme, sondern auch mit Licht verbunden. Und Licht, so viel steht fest, fördert unser Wohlbefinden. Im Winter, wenn es lange dunkel ist, sind Blutzuckerspiegel, Puls und Blutdruck der meisten Menschen etwas höher als im Sommer, viele sind nervöser oder nehmen zu, obwohl sie es nicht möchten. Wer sich antriebsarm durch das Winterdunkel schleppt, kann sich von einer Lichttherapie mit Speziallampen Linderung versprechen. Im Hochsommer gibt es diese Therapie umsonst und im Freien. Manchmal sogar noch nach Feierabend.

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