Zeitung Heute : Helden der langen Leitung

Ob es stürmte und schneite, ob es minus 30°hatte – sie schufteten wie die Berserker. Die Erdgasleitung in der Ukraine wurde von DDR-Monteuren gebaut. Einer, der damals dabei war, erinnert sich

Claus-Dieter Steyer

Was für ein Job: Molchfahrer! Den beherrschen nur ganze Kerle. Todesmutig müssen sie sein, hart im Nehmen. Die Männer in ihren schwarzen, verdreckten Lederanzügen, auf die sie Spitznamen wie Maulwurf, Mecki, Charly, Ente, Pferd, oder Biene gepinselt haben, scheinen sich vor Hochachtung gar nicht mehr einzukriegen. Sie schwärmen am „Brett“, wie sie die provisorische Theke in der schlichten Kantine nennen, von einem einzigartigen Abenteuer. Kilometerweit würden die Molche, die wie U-Boote anmutenden Reinigungsgeschosse, in den Erdgaspipelines von einer Übergabestation zur anderen sausen. Der Fahrer sitze wie in einem Formel-1-Rennwagen. Das Geld stimme und der gute Ruf bei den Kollegen sei für immer gewiss. Bisher sei noch jeder gut angekommen, notfalls würde ein zweiter Reinigungszylinder in die Röhre geschickt.

Die Männer hatten ihr Ziel erreicht. Gleich am nächsten Morgen konnte sich der zuständige Meister über einen neuen Molchfahrer freuen. Er musterte den Bewerber kritisch und grinste schließlich: „Willkommen im Club!“ Dabei klopfte er ihm dermaßen heftig auf beide Schultern, dass der Bewerber schon bereut hatte, jemals den Begriff „Molchfahrer“ ausgesprochen zu haben. Doch nur so konnte er ihn offensichtlich aufwecken. „Es gibt keine Molchfahrer, wir schicken die Dinger unbemannt in die Pipeline! Wieder so ein gutgläubiger Anfänger.“

Das Grinsen der Männer von der abendlichen Bierrunde war noch zu ertragen, aber nicht das Gelächter der ganzen Truppe im Speisesaal. Aber alle hatten sie dichtgehalten: während des zweistündigen Fluges von Berlin-Schönefeld ins ukrainische Lwow und während der gut acht Stunden dauernden Busfahrt an den Rand der Karpaten. Dabei war der Neuling sofort auszumachen. Er trug keinen Vollbart und keinen dicken Anorak, dafür aber einen viel zu schweren Koffer. Außerdem besaß er noch keinen Spitznamen. Doch niemand verriet die Geschichte mit dem angeblichen Molchfahrer. Jeder von ihnen war damit reingelegt worden.

20 Jahre liegt die Geschichte aus dem kleinen ukrainischen Ort Wolowez zurück. An sie und andere Geschichten werden viele Bürger, die damals in der DDR lebten, gerade in diesen Tagen erinnert. Auf den Landkarten der Erdgasleitung zwischen Russland und Deutschland entdecken sie Namen von Orten und Gegenden, in denen sie mehrere Jahre gearbeitet haben. Große Teile der Pipeline, um die jetzt wegen des ukrainisch-russischen Gasstreits so viel debattiert wird, tragen die Handschrift von Monteuren zwischen Rügen und dem Erzgebirge. Bis zu 15 000 Frauen und Männer waren pro Jahr zwischen 1982 und 1990 am Bau von Erdgasleitungen auf dem Gebiet der einstigen Sowjetunion eingesetzt. Anfangs noch als Kaderschmiede der Arbeiterjugend und Zeichen der unverbrüchlichen Freundschaft zur Sowjetunion gefeiert, verschwanden die Geschichten Mitte der 80er Jahre fast völlig aus den Medien.

Die DDR bezahlte das vom „großen Bruder“ bezogene Erdgas nicht nur mit dem Bau der Rohrtrasse. Entlang der Erdgasleitung erhielten ukrainische und russische Städte Plattenbauten, Krankenhäuser, Kinderkrippen, Schulen und Straßen. Mit einem heute kaum noch vorstellbaren und im Westen weitgehend unbekannten Aufwand erkaufte sich die kleine Republik Erdgas, Erdöl und andere Rohstoffe. Endlose Güterzüge schafften sämtliche Baumaterialien und Fertigteile außer Zement und Kies über riesige Entfernungen aus Rostock, Potsdam, Cottbus und Suhl in die sowjetischen Weiten. Sogar der Diesel für die Baumaschinen stammte aus Leuna und Schwedt. Das gleiche Prinzip galt für die Verpflegung. Nur Kartoffeln, Gemüse und Wodka kamen aus der Nachbarschaft der Baustellen.

Die sonst kaum in Verlegenheit zu bringenden Propagandisten der Staatsmedien gerieten allerdings bald in einige Nöte: Während in der Heimat viele Familien vergeblich auf eine Wohnung warteten und Materialmangel den Alltag bestimmte, lief ein gigantisches Bauprogramm von DDR-Kombinaten im Sowjetreich. Das wiederum kassierte dank der Erdgasleitung wertvolle Devisen aus der belieferten Bundesrepublik und Frankreich. Als Ausweg wählten die obersten Agitatoren den einfachsten Weg: Sie verboten ab 1987 die Berichterstattung über die Arbeit der Trassenbauer. Die Pleite der DDR-Wirtschaft konnte das freilich auch nicht mehr aufhalten.

Die Episode mit dem angeblichen Molchfahrer-Job hatte Folgen: Der an der Nase herum geführte Neuling hatte eine Saalrunde zu bezahlen. „Bei uns sind die Sitten eben etwas rauer“, meinte der Meister. Am Ende stellte sich heraus, dass Molche in Erdgasleitungen durchaus eine wichtige Rolle spielen – bis heute. Mit dem Druck des Gases fegt der zylindrische und außen mit Stahlbürsten besetzte Hohlkörperer im wahrsten Sinne des Wortes durch die Röhre und reinigt sie. Eine solche Fahrt – natürlich ohne Steuermann – geht über rund 100 Kilometer. Ein Kran hievt den Molch in einer Verdichterstation in die Pipeline, an der nächsten Pumpe kommt er wieder heraus.

Die Schweißer der Rohre gaben auf allen Baustellen ein enormes Tempo vor. Da konnte es in Perm am Ural bei minus 30 Grad stürmen, im Moskauer Gebiet schneien oder in den ukrainischen Sümpfen nur so wimmeln vor Mücken. Persönlich bleiben vor allem zwei Erlebnisse bei den Schweißern in Erinnerung: Die nassen Stiefel, die in einer Woche nicht ein einziges Mal trocken wurden, und die Hilferufe eines Kollegen. „Holt den Kran, den Kran“, brüllte er sich eines Tages die Kehle aus dem Leib. „Schnell.“ Er war bis zur Hüfte in einen Graben gerutscht und drohte gänzlich in der braunen Brühe aus Schlamm und Moor unterzugehen. Blitzschnell hatte der Kranfahrer die Rohre abgeworfen und seinen Ausleger zum Mann im Graben gelenkt. Der klammerte sich an die Stahlseile und wurde nach oben gehoben – ohne Stiefel. Die steckten tief unten fest.

Die Schweißer waren die Könige an der Trasse. Per Hand fügten sie die von Kränen gehaltenen Rohre zusammen. Zwei Männer schweißten außen, einer lag unter dem Rohr, und einer werkelte im Innern. Im Sommer zeigte das Thermometer hier oft mehr als 60 Grad an, das Wort Bratröhre ist nicht übertrieben. Aus fünf bis sechs Lagen bestand eine Schweißnaht, die russische Ingenieure anschließend mit Röntgenstrahlen auf ihre Dichtheit prüften.

In der ganzen DDR waren die besten und schnellsten Schweißer gesucht und an die weit entfernte Rohrschlange gelockt worden – für viel Geld, versteht sich. Der von ihnen verlangte Akkord hatte seine Ursache im fernen Washington. So wurde es den Arbeitern von der politischen Führung jedenfalls erzählt. Tatsächlich wollte Präsident Ronald Reagan 1982 und damit in der Hochzeit des Kalten Krieges unbedingt das Erdgasgeschäft zwischen der Sowjetunion und Westeuropa durchkreuzen. Er befürchtete durch die neuen Deviseneinnahmen Moskaus ein weiteres Anheizen des Wettrüstens und sprach ein Embargo aus. Kein amerikanischer Konzern und keine Tochterfirma durften Maschinen, Bagger und technische Anlagen an die Russen liefern. Die brauchten aber das Geld aus dem Westen des Kontinents und setzten ihre eigenen Verbündeten nun unter Druck: Wenn ihr Gas und Öl haben wollt, dann baut gefälligst an der Leitung mit. So geschah es, dass die DDR gigantische Industrieunternehmen viele hundert Kilometer weiter östlich aufbaute.

Es war wirklich gigantisch. Als das erste Mal das Wort von einer Verdichterstation fiel, hoben die Laien etwas abfällig die Schultern. Klar, das Gas muss durch die Leitung gepumpt werden. Irgendeine Anlage wird schon dafür sorgen. Als sie dann aber eine solche Verdichterstation aus der Nähe sahen, verschlug es vielen doch den Atem. Es handelte sich um Kraftwerke von der Größe von mindestens drei Fußballfeldern. In Hallen, die den Rümpfen von Hochseeschiffen ähnelten, stauchten Turbinen das Gas auf einen Druck von 7,5 Megapascal zusammen. Der reichte aus, um den Rohstoff mit einem Tempo von 33 Kilometern pro Stunde zur nächsten Station zu transportieren. Hier zeigten die Messgeräte nur noch fünf Megapascal an, so dass die Verdichter wieder auf Hochtouren liefen. Alle 100 bis 120 Kilometer braucht eine Pipeline eine solche Station. Die DDR baute allein sieben solcher Kraftwerke. Schon damals sprachen Fachleute von Schwachstellen. Ganz leicht und unbemerkt könne hier Gas abgezweigt werden, ohne dass es groß auffiele. Doch zu jener Zeit machte sich darüber niemand Gedanken. Die Ukraine gehörte schließlich zum großen Sowjetreich ohne Chance auf Unabhängigkeit.

Am wenigsten interessierten sich dafür die Arbeiter selbst. Sie wollten Geld verdienen und bekamen obendrein viele Vergünstigungen. Ein einfacher Monteur rechnete so: „Pro Tag gibt es 20 Mark Zuschlag, der sich im Permer Gebiet wegen des harten Klimas noch um fünf Mark erhöht. Bleibe ich mindestens drei Jahre an der Trasse, habe ich danach Anspruch auf einen Trabant innerhalb der nächsten zwei Jahre. Außerdem erhalte ich in den nächsten fünf Jahren eine Wohnung.“ Doch das allein reichte noch nicht aus, um genügend junge Leute für die Auslandsbaustellen zu werben. Zusätzlich hatten sich die Funktionäre ein so genanntes Ost-Genex-Konto ausgedacht. Hier konnten Rubel eingezahlt werden – umgerechnet maximal 270 Mark im Monat. Ein entsprechender Katalog zeigte die bunte Warenwelt der DDR. Hier gab es Toaster, Waschmaschinen, Kühlschränke, Autoreifen, Batterien, Ladegeräte und viele andere Dinge, die der Normalbürger in Geschäften vergeblich suchte. Sogar der 8000 Mark teure Trabant, der sonst nur nach Wartezeiten zwischen zehn und 17 Jahren zu haben war, konnte hier bestellt waren. Doch diese Summe brachten höchstens Ehepaare zusammen. Die machten allerdings nur eine verschwindend geringe Zahl aus. Auf zwölf Männer kam an der Trasse im Schnitt eine Frau. Das brachte natürlich von vornherein viele Spannungen in die Wohnlager. Diskos, Auftritte von Rockgruppen und Filme sollten Abhilfe schaffen, meistens blieb jedoch nur der Alkohol als Seelentröster. Kontakte zu den Einwohnern umliegender Orte bestanden kaum. Das lag schon an der Arbeitszeit von zehn bis zwölf Stunden und der langen Anfahrt zu den Baustellen. Erst die vielen Überstunden ermöglichten alle drei bis sechs Monate einen Heimaturlaub. Ab und zu gab es dennoch eine internationale Hochzeit, die die Propagandisten meistens als ein „Symbol der Freundschaft“ ausschlachteten. Und die Freunde und Kollegen lästerten genüsslich darüber, wie sich das junge Paar mit den wenigen Vokabeln wohl verstanden hatte. „Kopfkissenrussisch“, lautete dann meistens die einleuchtende Erklärung.

Von der Trassenzeit in der Sowjetunion wissen heute nicht mehr viele. Vergessen ist sie allerdings nicht. Noch heute gibt es mehrere Vereine, die regelmäßig Treffen organisieren. Für die einstigen Abenteurer, die überzeugten Klassenkämpfer, die Glücksritter. Und für die Molchfahrer.

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