Zeitung Heute : Helden des Alltäglichen

SIMONE MAHRENHOLZ

Verstörend, betörend: "Engelchen" von Helke Misselwitz - mit Susanne LotharVON SIMONE MAHRENHOLZDieser Film hat fast so hohe Dosen Wirklichkeit wie das richtige Leben und ist deshalb stellenweise verstörend schmerzhaft.Es ist eine Milieustudie, die an große deutsche Filmtradition erinnert, angesiedelt in Berlin, in den Hinterhöfen um den Bahnhof Ostkreuz: ungeschönt, unfrisiert, und mit einer fulminanten Susanne Lothar in der Hauptrolle. Ihre Figur Ramona, genannt Engelchen, ist eine Frau, die gerade langsam aus dem Jungsein kippt.Sie arbeitet in einer Lippenstiftfabrik und guckt sich abends ihren Kanarienvogel und die Familientragödien in den Fenstern gegenüber an.Ihre Einsamkeit ist noch gewachsen, seit ihre hübsche Schwester (Kathrin Angerer) eigene Wege geht.Ein so eingesponnenes Leben bekommt nur durch eine massive Störung eine Wendung.Hier ist es ein Kuß.Der junge polnische Zigarettenschmuggler Andrzej (Cezary Pazura) wirft sich in die Arme der wildfremden Ramona, um so einer Polizeirazzia zu entgehen. Die beiden trennen sich wieder.Doch als sie ihn wiedertrifft, hat dieser Blitz sie so verändert, daß sie nun die Initiative ergreift.Eine Wochenendbeziehung mit dem charmanten Pendler beginnt, zart, romantisch und kreativ verrückt.Als Ramona schwanger wird, bricht Freude aus.Doch die widrigen Umstände in beider Umgebungen werden zu Prüfungen, an denen Ramona und Andrzej zu fast so etwas wie Helden des Alltags heranwachsen.Das düstere Ende gleicht einer Art Märchen mit Sprung. Nicht nur die beiden Hauptfiguren erwecken im gebeutelten Zuschauerherzen zusehens enorme Achtung.Auch die Nebenrollen - die kleinkriminelle Schwester, ihr Freund (Ben Becker), die Alkoholiker-Mutter von gegenüber (Sophie Rois) und ihr Kind (Luise Wolfram) - sind präzise gezeichnet.Die ehemalige DEFA-Dokumentarfilmerin Helke Misselwitz schafft mit manchmal ans Groteske grenzenden Szenen vollständige Psychogramme.Ihre Bildersprache ist voll unaufdringlicher, phantasievoller Symbole - ein Denken und Sprechen in Bildern, wie das selten ist im Kino (Kamera: Thomas Plenert). Aus diesem expressiven Realismus fallen allerdings zuweilen die Dialoge heraus."Ich suche den Moment, wo Leben leicht wird", befindet die Fabrikarbeiterin nasal.Oder sie deklamiert delirierend: "Ich kann nicht voraussehen.Ich weiß nicht, wie man sich anzieht, um bemerkt zu werden".An solchen Stellen hört man auch die Bühnen-Praxis Susanne Lothars überdeutlich, wie in Hanekes "Funny Games", wo sie eine reiche Schickse spielt.In "Engelchen" bricht sie einem dennoch mehrfach das Herz, ebenso wie es die Wendungen des Drehbuchs tun und die manchmal brutal bunten Bilder. Filmbühne am Steinplatz, Brotfabrik 

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