Zeitung Heute : Helden Meine

Mario Galla ist das bekannteste deutsche Männermodel. Kommende Woche wird er die Berliner Fashion Week beehren. Hier erzählt Galla von acht Männern, die er bewundert.

Fotos: p-a/dpa(3), Promo(2), Cinetext, ddp, Reuters, Desigual
Fotos: p-a/dpa(3), Promo(2), Cinetext, ddp, Reuters, DesigualFoto: picture-alliance/ dpa

HE-MAN

Mit sieben Jahren habe ich oft in den frühen Morgenstunden, mit einer Schüssel Kellogg’s im Schoß, Zeichentrickserien im Fernsehen geschaut – und „Masters of the Universe“ war jeden Tag mein persönliches Highlight. Ich habe die Titelmelodie laut mitgesungen und bin um die Schüssel getanzt vor Freude. Wenn der junge Prinz Adam sein magisches Schwert in die Hand nahm und laut „Bei der Macht von Grayskull – ich habe die Zauberkraft!“ ausgesprochen hat, verwandelte sich der schüchterne Prinz in den Superhelden He-Man, der vor nichts Angst hatte. Mir gefiel die Vorstellung, Superkräfte zu besitzen. Vielleicht hat das unterbewusst mit meinem Handicap zu tun, ich bin mit einem verkürzten rechten Bein geboren, trug bereits als Kind eine Prothese und konnte mich als Erstklässler schlecht gegen die Jungs aus der vierten Klasse wehren, aber damals habe ich das gar nicht reflektiert. Zum Glück hatte ich meinen Freund Daniel, der hat mich beschützt. Er war damals norddeutscher Meister der U-10-Jugend im Taekwando und hat sogar die Viertklässler auf die Matte gelegt.

BILLY IDOL

Als ich zehn war, habe ich eine Schallplatte von Billy Idol bei uns im Keller gefunden. Es war die Single „Rebel Yell“, die ich dann wochenlang auf dem Plattenspieler meiner Mutter hörte. Zu diesem Lied habe ich vor dem Spiegel Billy imitiert. Zum Fasching bin ich regelmäßig als Billy Idol gegangen und konnte seine Standardposen – Lippen verziehen, Faust in die Luft werfen – perfekt nachmachen. Sonst hatte ich nur zu Songs von Michael Jackson und David Hasselhoff gepost, weshalb ich mir auch immer meine blonden Haare dunkel färben wollte, um auszusehen wie meine Helden. Nun verehrte ich Billy Idol und war zum ersten Mal stolz auf mein blondes Haar. Ich höre seine Musik nach wie vor noch gern. Vor ein paar Jahren habe ich die Autobahnausfahrt zum Serengeti Park in der Nähe von Hannover um 50 Kilometer verpasst, weil ich mit meinem besten Freund Freddy so laut zu seinen Songs geschrien habe, dass wir von der Route abgekommen sind.

KLAUS THOMFORDE

Als ich Torwart im Fußballverein war, so mit 13 Jahren, da war der Sankt-Pauli-Torhüter Klaus Thomforde mein absolutes Vorbild. Er war ein Tier im Tor, wie Oliver Kahn, und hat seine Mannschaft immer mit dieser gewissen Aggression, die man als Torwart braucht, nach vorne getrieben. Immer weitermachen, nie aufgeben! Die Haltung imponiert mir bis heute. Damals war ich oft beim Training von St. Pauli, habe Thomforde beobachtet und mir danach Autogramme von ihm geholt. Abseits des Spielfeldes war er sehr freundlich. Der Bezug zum Verein ist geblieben, auch als ich aufhören musste mit dem Spiel. Mir ist mal die Prothese weggebrochen, das war unangenehm, nur mit einem halben Bein auf dem Spielfeld zu stehen. Da war für mich Schluss. Mit 18 Jahren habe ich mal als Ordner bei St. Pauli gearbeitet. Nach dem vierten Spiel war es mir zu viel, mich von Jena-Fans für 5,50 Euro die Stunde beschimpfen und bespucken zu lassen. Oft gehe ich noch zum Training der U-15-Auswahl und sehe meinem kleinen Bruder zu, der dort bereits Kapitän ist.

DIRK NOWITZKI

Was ich an ihm schätze: Er hat sich seinen Status hart erarbeitet. Als erster Deutscher wurde er dieses Jahr mit seinem Basketballteam NBA-Champion und zum besten Einzelspieler gekürt. Bei Nowitzki war eine enorme Entwicklung über die Jahre zu erkennen. Die Leichtigkeit eines Michael Jordan fehlte ihm am Anfang, er sah verbissen aus, nicht so elegant wie Jordan, von dem man glaubte, er wäre mit einem Ball an der Hand geboren worden. Als ich mit 15 Jahren im Basketballteam des Eimsbüttler Turnvereins spielte, war deshalb Jordan mein großes Vorbild. Ich hatte ein Riesenposter von ihm an der Wand meines Kinderzimmers, mit der lebensgroßen Spannweite seiner Arme, und musste die neuesten Turnschuhe von ihm tragen. Damit ich auf dem Spielfeld etwas höher fliegen konnte. Beim Probetraining wollte mich der Trainer erst in die zweite Mannschaft stecken, er hatte einfach Bedenken wegen meiner Behinderung. Ein Lehrer hat ihm zugeredet, dann bin ich gewechselt. Zur selben Zeit bekam ich meine erste Karbon-Prothese, die hielt viel mehr aus und sah sportlich aus. Die gab mir Selbstvertrauen. So sehr, dass ich mit kurzen Hosen gespielt habe, vier Jahre in der Startaufstellung.

JAN DELAY

Der Rapper hat die gleiche Schule wie ich besucht – die ehemalige Jahnschule. Wir haben im selben Viertel gelebt, in Eimsbüttel, nach der Schule und am Wochenende habe ich mich mit meiner Clique immer auf dem Spielplatz getroffen, der direkt vor dem „Eimsbush Basement“ lag. So hieß das Tonstudio, in dem Jan Delay, die Beginner, seine damalige Band, und befreundete Musiker wie Samy Deluxe aufgenommen haben. Das Studio war in Wirklichkeit ein müffeliges Loch im Keller, für uns schien dort das Paradies zu liegen. Wir haben gehofft, einen von den Rappern zu treffen, mit ihnen zu reden, uns Tipps zu holen, wie man cool wird. Nebenan gab es einen Laden namens „Crack“, der Hip-Hop-Klamotten und Rapvideos verkauft hat. Wir hingen in dem Geschäft ab, um uns aktuelle Hip-Hop-Videos auf VHS anzusehen. Damals gab es noch kein Internet, da mussten wir warten, bis der Postbote endlich die Pakete aus New York brachte. Aufregend war das.

JOHNNY DEPP

„Edward mit den Scherenhänden“ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Wie er spielt, mit so viel Stil und Leichtigkeit, das zieht mir jedesmal die Beine weg. Und seine Augen! Wäre ich ein Mädchen, würde ich mich wahrscheinlich auf der Stelle in ihn verlieben. Es kommt mir so vor, als würde Johnny sich und Hollywood gar nicht so wichtig nehmen. Wenn die Bosse der großen Studios ihn in eine Rolle zwängen wollen, auf die er keine Lust hat, dann sagt er eben ab und bleibt auf seinem Anwesen in Südfrankreich, gibt seiner bezaubernden Frau einen Kuss, raucht Gauloises, trinkt mit den Einheimischen, spaziert über seine Weinberge und verschwendet keinen Gedanken ans Drehen. Ich denke, ich habe eine ähnliche Einstellung zum Modeln. Für mich ist das alles auch nur ein Spiel. Das war nie ein Wunsch von mir, ich bin zufällig an einer Imbissbude entdeckt worden. Ich mache für eine Weile mit, versuche so viel Spaß wie möglich zu haben, aber wenn es mir zu blöd wird, dann fahre ich einfach zurück nach Hamburg und genieße den Duft von Hafen, Fisch und Meer.

SEU JORGE

Abends sitze ich gerne bei gedämpftem Licht in meinem Zimmer, höre Musik von Seu Jorge und bearbeite stundenlang Bilder mit Photoshop. Für mich ist das pure Entspannung. Wenn ich Seu höre, bin ich in Gedanken sofort in meiner Hängematte in Brasilien. Das Land habe ich nach dem Abitur zum ersten Mal besucht, als ich meinen Vater in seinem Haus am Meer besucht habe. Meine Eltern sind nicht mehr zusammen, er hat sich über zwölf Jahre seinen Traum von einem Strandhaus dort erfüllt. Einmal im Jahr versucht er dort hinzufahren. Das war damals meine erste große Reise allein ins Ausland. Mein Plan war, dort den Sinn des Lebens zu finden, herauszukriegen, was ich mit meinem Leben anstellen sollte. Was ich fand, war Cachaça, dieser brasilianische Zuckerrohrschnaps, kleine Gangster, die mir das Geld aus meiner Tasche stahlen, einen paradiesischen Regenwald und die hübschesten Mädchen, die man sich vorstellen kann. Seu Jorge stammt aus den Armenvierteln, den Favelas von Rio. Dort ist er ein richtiger Held, einer von ihnen, der es geschafft hat. Mein Vater hat mich in so ein Viertel mal mitgenommen, damit ich das echte Brasilien kennenlerne und mich nicht nur vom lockeren Leben am Strand blenden lasse. Die Menschen dort besitzen so gut wie nichts, und das Wenige, was sie haben, teilen sie mit dir. Diese Herzlichkeit fand ich sehr berührend.

TONY WARD

Er war mal Liebhaber von Madonna, hat Schwulenpornos gedreht und arbeitet als Model für richtig große Modemarken. Ein ganz unkonventioneller Typ, sein Gesicht ist markant, die Nase nicht die geradeste, und vielleicht ist er deshalb das bestbezahlte Männermodel der Welt. Wenn ich Fotos mit ihm sehe, vergesse ich sofort die Klamotten, die er bewirbt, und bleibe an seinem Gesicht hängen, an seinem irren Blick. Egal, ob er glatt frisiert im Anzug posiert oder in einer Magazinstrecke den Toyboy in Lederklamotten heraushängt. Ich bin 2008 auf ihn gestoßen, als ich bei einer Modelagentur unter Vertrag kam – und dann erst mal herausfinden wollte, wer in der Branche wichtig ist. Mich beeindruckt, dass er älter als der Durchschnitt ist, um die 40, dass er malt, selbst Mode entwirft und seine Fühler in alle Richtungen ausstreckt. Wenn ich ihm einmal auf einer Party begegnen würde, möchte ich erst mal ein Foto mit ihm machen – und ihn dann fragen, ob er die Motive für die Modekampagnen aussucht. Manchmal kommt es mir vor, als würde er darüber bestimmen. Das können nur wenige Models. Ich jedenfalls noch nicht.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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