Zeitung Heute : Helden müssen Singles sein

Er springt zu kurz, jammert zu lang – und jetzt hat er auch noch eine Freundin: Sven Hannawald verliert seine Fans

Benedikt Voigt

Die Empfindlichkeit des Sven Hannawald nimmt im Kurhaus von Oberstdorf ihren Anfang. „Das habe ich doch gar nicht gesagt“, rüffelt der Skispringer die junge Dame, die seine Antworten ins Englische übersetzt. Auf dem hölzernen Podium im kleinen Kursaal entwickelt sich zwischen beiden eine leise Diskussion, die von rund 150 Journalisten beobachtet wird. Die Dolmetscherin versucht, Sven Hannawald zu erklären, dass das Wort „Hunger“, das ihn so aufgeregt hat, lediglich in der Frage an ihn vorgekommen ist. Und ihre Aufgabe sei es schließlich, auch die Fragen zu übersetzen. Doch Hannawald kann sich nicht beruhigen. Noch einmal wiederholt er: „Das habe ich nicht gesagt.“

Seitdem der Skispringer vor einigen Jahren knapp an Magersucht vorbeischrammte, hört er es nicht gerne, wenn er auf sein Gewicht angesprochen wird. Doch es sollte bei der diesjährigen Vierschanzentournee, die heute in Bischofshofen endet, nicht die einzige Gelegenheit bleiben, bei der Sven Hannawald empfindlich reagierte. Allerdings türmten sich von Beginn an hohe Erwartungen vor dem 29-Jährigen auf. Vor zwei Jahren gewann er alle vier Springen bei der Tournee. In 52 Jahren ist das noch keinem anderen Skispringer gelungen. Seither zählt der junge Mann zu den deutschen Sporthelden wie Max Schmeling, Boris Becker oder Jan Ullrich.

„Hanni zieh…“ rufen die Fans beim ersten Springen in der Allgäu-Arena zu Oberstdorf. Aber Hannawald zieht nicht. Er segelt nur kurz durch die Luft, allzu kurz, und landet auf Rang 18. Eine Enttäuschung. Bundestrainer Wolfgang Steiert sagt: „Der Rucksack, den er trägt, ist zu groß.“ Sven Hannawald beginnt zu klagen. „Ich habe kein Gefühl mehr, es macht einfach keinen Spaß.“

Nun, vor dem abschließenden Springen rangiert er in der Gesamtwertung nur auf Rang neun. Und plötzlich wendet sich die Stimmung in der Öffentlichkeit gegen ihn. Fans und Medien fällt negativ auf, was die Erfolge vergangener Jahre zugedeckt haben. „Ihr seid zu arrogant“, ruft ein Mädchen den deutschen Stars an der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen hinterher. Sie hat seit sechs Uhr morgens vor der Schanze ausgeharrt, um Sven Hannawald oder Martin Schmitt zu sehen. Doch beide gehen ohne Reaktion mit gesenkten Köpfen an den deutschen Fans vorüber, die ihre Namen rufen.

Hannawald neigt ohnehin dazu, sich von der Außenwelt abzuschotten. „Er zieht sich ein bisschen zu stark in sein Schneckenhaus zurück“, sagt der ehemalige Skispringer Dieter Thoma. Hannawald weiß das auch. „Da geht dann bei mir die Jalousie runter“, erklärt er. Seine larmoyante Art scheint inzwischen die „Bild“-Zeitung zu nerven, die ihn zuvor so sehr ins Herz geschlossen hatte, dass sie sogar per Pressekampagne für den langjährigen Junggesellen eine Freundin suchte. Nun fordert der Kolumnist der „Bild am Sonntag“: „Hanni darf nicht davonlaufen, sondern er muss den Kampf annehmen.“

Ein Held, der jammert und nicht kämpft, wird nicht gerne gesehen. Vor allem nicht, wenn er verliert. Andere deutsche Sportheroen wissen davon ein Lied zu singen. Als die Schwimmerin Franziska van Almsick bei den Olympischen Spielen in Sydney enttäuschte, machte sich eine Boulevardzeitung über ihr Gewicht lustig. „Franzi van Speck“ oder „der Molch“ musste die Berlinerin über sich lesen. Als der Radrennfahrer Jan Ullrich nach einer Autofahrt mit 1,4 Promille auch noch ein Dopingvergehen auf einer Pressekonferenz erklären musste, erschienen so viele Journalisten wie nie zuvor. Ullrich enttäuschte das sehr.

Sven Hannawald aber hat bei der Vierschanzentournee von dem Stimmungsumschwung angeblich noch nichts mitbekommen. „Ich lese nichts und schaue auch kein Fernsehen“, sagt Hannawald. Er saß bereits im Hotel, als die Zuschauer am Fuße der Innsbrucker Bergisel-Schanze buhten und pfiffen, als sein Name genannt wurde. Der Stadionsprecher hatte bekannt gegeben, dass Sven Hannawald erneut seinen Qualifikationssprung auslassen werde. Die Regeln erlauben das. „In meinem Alter muss ich Kraft sparen“, erklärt der 29-Jährige. Er ist jedoch der Einzige von 67 Springern, dem offensichtlich die zehntägige Tournee körperlich derart zusetzt. „Ich habe eine schwierige Zeit“, sagt er. Das Fernsehen blendet Bilder ein, auf denen Hannawald in ein Auto steigt und sich davonfahren lässt. Es wirkt wie eine Flucht. „Das ist wie bei einem Fußballspieler, der während des Spiels seine Sachen packt und geht“, sagt Dieter Thoma im Fernsehsender RTL. Dabei hat Hannawald in den vergangenen Jahren meistens den Qualifikationssprung bei der Vierschanzentournee ausgelassen. Doch weil er damals noch gut sprang, erntete er nur wenig Kritik. Nun aber springt er schlecht.

Das muss ihn nicht zwangsläufig Sympathien kosten, glaubt Hans Mahr. Der Informationsdirektor des Privatsenders RTL ist der reiche Onkel des Skispringens. Mit insgesamt 75 Millionen Euro kaufte sein Sender bis 2007 die deutschen Rechte an jener Sportart, die in Deutschland mit Hannawalds Erfolgen steht und fällt. Das hat sich beim Neujahrsspringen wieder gezeigt. Als deutlich war, dass Hannawald nicht gewinnen kann, schalteten 1,5 Millionen Zuschauer noch vor dem zweiten Durchgang ab. Hans Mahr jedenfalls glaubt, dass die sportliche Krise seinem wichtigsten Protagonisten nicht schaden muss. „Man ist erst ein wirklicher Held, wenn die Menschen auch mit einem mitleiden können“, sagt der Österreicher. Als Gegenbeispiel führt er Michael Schumacher an, dessen Formel-1-Rennen sein Sender ebenfalls überträgt. „Schumacher ist so perfekt, mit dem brauchst du nicht zu leiden“, sagt Mahr. „Wenn Schumacher den Helm runternimmt, glaubst du, er ist schon geschminkt.“ Es klingt, als fände er das nicht so gut. Offensichtlich ist es nicht einfach mit deutschen Helden. Wer immer siegt, kommt auch nicht gut an. Er wird langweilig.

Vielleicht ist das Beste, was passieren kann, wenn die Karriere wie ein Jojo runter und wieder hoch schwingt. Wie bei Jan Ullrich, der im vergangenen Jahr nach seinem Tiefpunkt wieder in die sportliche Spitze aufstieg. Seinen zweiten Platz bei der Tour de France schätzten Deutschlands Sportjournalisten so hoch ein, dass sie ihn zum Sportler des Jahres wählten. Und eben nicht den Dauersieger Michael Schumacher.

Womöglich erklärt sich Hannawalds schwindende Beliebtheit in der Öffentlichkeit aber viel einfacher. Neben der sportlichen Krise gibt es in diesem Jahr noch etwas Neues von dem schmalen Springer zu berichten. Wie sein Teamkollege Martin Schmitt hat er erstmals bei der Vierschanzentournee eine Freundin dabei. Die beiden jungen Damen werden nun oft im Fernsehen eingeblendet, so manche Zeitung füllt ihre Spalten mit Einzelheiten über die jungen Liebsten von Schmitt und Hannawald. Mahr glaubt, dass das der Grund für den Stimmungsumschwung sein könnte. „Vielleicht sind sie als Single einfach populärer.“

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