Zeitung Heute : Helden wie wir

VOLKER STRAEBEL

Östlich: Dietmar Diesner und Gäste im PodewilVOLKER STRAEBELIrgendwie gehören die Wessis nicht dazu.Dietmar Diesner begrüßt das für seine Montagsmusik zahlreich herbeigeströmte Publikum im "Haus der jungen Talente, das jetzt Podewil heißt", und Bert Papenfuß reflektiert in der Lesung dreier Langgedichte seine NVA-Zeit, Urlaub auf Hiddensee und überhaut das "Kontemplationslager SBZ".Der Prenzlauer Berg feiert eine Art Familientreffen.Kaum haben sie die Ateliers und Zimmergalerien der siebziger und achtziger Jahre gegen ein etabliertes Haus vertauscht, werden Rebellen zu Heroen, gerinnt der Skandal spontan expressiver Malerei, Literatur und Musik zur Exekution von über die Jahre vertraut gewordenen Materials.Was bleibt, ist kunstvolle Improvisation ohne jeden Stachel. Die Gruppe FINE vermochte als einzige die Klischees jenes frei improvisierten Jazz zu überwinden, der nicht den Schritt zum wahren Free Jazz wagt.Lothar Fiedler etablierte mit akustischer Gitarre und live electronics glissandoreiche Strukturen, denen Dietmar Diesner am Sopransaxophon rhythmisch aufgebrochene Trillerketten entgegensetzte.Die einfachen Baßläufe Christoph Winckels schienen in dieser Umgebung etwas betulich um Ordnung bemüht, zumal Helge Leibergs "Noise Painting" in gänzlich andere Welten vorstößt.Der Maler projiziert hierfür seine visuellen Improvisationen via Overhaed-Projektor auf den Bühnenhintergrund, während die Bewegungen seiner Radiernadel ein mit Rauschen und extrem kurzen Musikzitaten bestücktes Sampling-System steuern.So entsteht ein dichtes Referenzgefüge zwischen Bewegung und Malerei, Licht und Musik, dem der Übervater A.R.Penck Pate gestanden hat. Einfacherer, rein musikalischer Strukturen bedienten sich Johannes Bauer (Posaune), Paul Lovens (Perkussion) und Diesner (Saxophone) in ihren Triostücken.Mit feinem Gespür für die Großform kontrastierten sie rondohaft leise Windgeräusche mit Bläserostinati oder überführten einen zur singenden Säge gesetzten Kontrapunkt in eine Folge lang ausgehaltener Zentraltöne.Dem konnte Günter "Baby" Sommer mit seinem etwas langatmigen Perkussion-Solo nicht das Wasser reichen.Die bloße Reihung verschiedener gradzahliger Perioden an originellen Instrumenten ergibt noch lange kein interessantes Stück. Dietmar Diesner noch einmal mit anderen Gästen und anderem Programm am 13.Oktober, 20 Uhr, im Podewil.

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