Zeitung Heute : Helga for president!

Harald Martenstein
Harald Martenstein HP Kontur

In jedem vierten Herbst sehe ich, überall in Deutschland, Plakate mit Helga Zepp-LaRouche. Sie ist, neben Merkel und Steinmeier, die dritte Kanzlerkandidatin und eine uralte Bekannte von mir. Als ich in Mainz studierte, das ist wirklich sehr lange her, hat der Unirektor mal die Polizei gerufen, weil Helga, die damals noch Helga Zepp hieß, auf dem Campus eine verbotene politische Kundgebung abhielt. Damals habe ich, wie ich mich dunkel zu erinnern glaube, sogar eine Solidaritätserklärung für sie unterzeichnet.

Das Problem war, schon damals, dass ich nicht begriffen habe, was sie eigentlich wollte. Ich habe nicht einmal verstanden, ob sie links oder rechts ist. Bei Helga Zepp hat man einfach nicht durchgeblickt. Seitdem kandidiert sie für den Bundestag – jedes Mal! Diese Frau ist ein Steher. Manchmal heißt ihre Partei EAP, dann heißt sie „Patrioten für Deutschland“, zurzeit heißt sie „BüSo“. Sie selber verändert sich kaum. Sie sieht ein bisschen aus wie Ulrike Meinhof. Auf ihren Videos redet sie mit rheinland-pfälzischer Tönung, denn sie stammt aus Trier.

Experten sagen, dass die Partei rechts ist und eine Art Sekte. Ich habe mir Helgas Programm genauer angeschaut. Eigentlich ist es gar nicht so kompliziert. Sie will, dass viele Kernkraftwerke gebaut werden, dass viele Transrapids gebaut werden, dass zwischen Asien und Amerika eine Brücke gebaut wird, sie will, dass Menschen mit einer Rakete zum Mars fliegen. In Deutschland müssten einfach nur 1000 Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert werden, auf diese Weise würden zehn Millionen Arbeitsplätze entstehen, nicht bloß mickrige vier Millionen, wie die SPD es will, und alles wäre wieder gut. Außerdem sollen die D-Mark wiedereingeführt und Computerspiele verboten werden. Die Partei BüSo ist, wie ich es verstehe, dafür, dass alles, was irgendwie gebaut werden könnte, auch gebaut wird, außer Computerspielen.

Bei der Bundestagswahl ist mir das suspekt, vor allem wegen der Kernkraftwerke, aber bei der nächsten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus bin ich schon in Versuchung. Nachdem der Nachbau des Stadtschlosses und überhaupt jedes Bauprojekt an dieser Stelle zu scheitern droht, nachdem selbst der Bau eines Riesenrades in Berlin unmöglich zu sein scheint und es auf absehbare Zeit keine funktionierende S-Bahn mehr gibt, kann Berlin eine Belebung der Bautätigkeit wirklich gebrauchen. Wenn Helga Zepp-LaRouche Regierende Bürgermeisterin ist, wird mithilfe der 1000 Milliarden eine S-Bahn-Linie nach New York eröffnet, über die neue Brücke. Ich aber fliege, mit der neuen Rakete, ganz einfach zum Mars, und ich verspreche, dass ich alle S-Bahn-Manager mitnehme.

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