Zeitung Heute : Hellmuth Karasek: als ich einmal blauäugig zu Hitler hochblickte

Hellmuth Karasek

Im Jahr 1938, ich war gerade einmal vier, geriet meine Kindheit in Unordnung. Bis dahin war ich ein wohlbehütetes Kind in Brünn, dem seine Mutter ihre ganze Fürsorge und Liebe zuwandte, während mein Vater bis tief in die Nacht Tennisschläger bespannte, um zusätzliches Geld zu verdienen. Tagsüber arbeitete er im renommierten Sportgeschäft Balony Baumann, und ich weiß noch, wie er mich eines Sonntags auf seine Fahrradstange setzte, um ins Grüne zu fahren; wir gerieten aber in eine Straßenbahnschiene und stürzten...

1938 jedoch zog die tschechoslowakische Regierung meinen Vater zum Militär ein. Er desertierte, weil er nicht gegen die Deutschen kämpfen wollte, und meine Mutter setzte sich mit mir in den Zug nach Wien, zu Verwandten. Auf der Reise fuhren wir an so gewaltigen Bahnstationen wie Lundenburg oder Prerau vorbei, ich hörte zum ersten Mal Wurstverkäufer schreien, sah zum ersten Mal Gepäckträger und trank zum ersten (und für lange Zeit zum letzten) Mal Coca-Cola. Dann kamen wir in Wien an, wo ich kurz darauf Adolf Hitler begegnen sollte. Ich weiß noch, dass mein Vater und meine Mutter glaubten, dass Adolf Hitler, der damals nur "der Führer" hieß, der Retter sei, weil er meinen Vater endgültig vom tschechischen Militärdienst gegen die Deutschen befreien würde.

Wien war damals düster und finster, die abendliche Dunkelheit verschluckte die Stadt und ihre verschlissene Pracht. Krieg lag in der Luft, wie ich aus den Gesprächen meiner Mutter mit den Verwandten heraushörte. Sie freute sich noch nicht auf den Endsieg, sie war schwanger und bangte um ihre und unsere Zukunft.

Trotzdem packte sie mich eines Abends am Arm und zog mich von der Wiedener Hauptstraße - wir wohnten in einer mit engen Sozialwohnungsbauten bestückten Nebenstraße, der Nikolsdorfer Gasse - in den prächtigen Ersten Bezirk. Auch dort war alles dunkel, keine Laternen, nur vor dem Hotel Imperial sah man noch Licht und davor eine Menschenmenge. Meine Mutter und ich stellten uns dazu. Adolf Hitler, der Führer, wollte sich gleich zeigen. Ich war voller Erwartung, jetzt!, bald!, würde ich ihn sehen.

Ich weiß nicht, wie lange wir warten mussten, ich weiß nur noch, dass die Menge "Heil Hitler!" schrie und nach vorne drängte, und dass wir schließlich mitgerissen wurden. Als er auf dem Prachtbalkon erschien, brach Jubel aus. Meine Mutter nahm mich auf den Arm, damit ich ihn besser sehen konnte. Ich sah, wie er seinen Arm grüßend anwinkelte (oder habe ich mir das erst später aus unzähligen Bildern zusammengereimt?). Jedenfalls sagte ich zu meiner Mutter: "Mutti, er hat so wunderbare blaue Augen."

Nun stand Hitler schätzungsweise zehn Meter über mir, und wirklich hell war es auch nicht, aber dennoch soll ich das mit den "wunderbaren blauen Augen" gesagt haben - erzählte in den Tagen darauf meine Mutter immer wieder. Das ist gut möglich, schon allein, weil viele Deutsche und Heim-ins-Reich-geholte Österreicher das damals sagten.

Später fragte ich meine Mutter gelegentlich, ob sie mir wirklich erzählt hatte, dass ich von den blauen Augen Hitlers geschwärmt hatte. Aber meine Mutter konnte sich immer weniger daran erinnern. "Habe ich das wirklich gesagt?", fragte ich sie, doch meine Mutter, die in der ersten Zeit nach der abendlichen Begegnung noch froh und strahlend darauf geantwortet hatte, mochte sich an die Szene vor dem Imperial immer weniger gern erinnern.

Viele Jahre später, ich war schon erwachsen, der Krieg war nicht nur verloren, sondern auch verdrängt, habe ich meine Mutter noch ein letztes Mal gefragt. "Was du dir alles einredest!", antwortete sie und schüttelte mit spöttischem und missbilligendem Lächeln den Kopf.

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