Hellmuth Karasek und Ulla Hahn : Begegnungen...

Hellmuth Karasek

Im Jahr 1986 moderierte ich für den SFB die Fernsehsendung "Autorscooter", in der ich mich pro Folge mit einem Schriftsteller eine Dreiviertelstunde lang über ihn und sein Werk unterhielt - unter anderem, mir unvergesslich, mit Gisela Elsner, die damals unter ihrem gewaltigem Haarturban wie in frostiger Würde erstarrt schien. Am 3. 6. 1986 hatte ich Marcel Reich-Ranicki, damals 66, als Gast. Es war, wie man sich unschwer denken kann, ein lebhaftes, temperamentvolles Gespräch, so dass es mich eigentlich nicht wunderte, als am nächsten Tag Ulla Hahn, damals 40, anrief, mir zu der Sendung gratulierte und fragte, ob ich mir denn vorstellen könnte, ein ähnliches Gespräch für Radio Bremen mit Reich-Ranicki in Hamburg zu führen. Ulla Hahn war damals Redakteurin bei Radio Bremen.

Die Gesprächsaufzeichnung war angenehm, das anschließende Essen zu dritt noch angenehmer, und Hahn freute sich über das Wiedersehen mit ihrem Freund und Förderer, der damals schon in Frankfurt lebte und für die Sendung nach Hamburg eingeladen worden war.

Nach der Barschel-Affäre schrieb ich ein Theaterstück, das später "Innere Sicherheit" heißen sollte. Ich hatte mir dazu einen Hamburger SPD-Abgeordneten ausgedacht, der seiner Frau erzählt, er müsse über das Wochenende zu einem politischen Kongress nach Rom (Thema: "Rettet Europa!") und ihr sogar seinen exakten Flug angibt - um dann in Wahrheit mit dem Taxi nur um die Ecke zu fahren, wo er heimlich eine Geliebte besuchen will. Sein Pech: Das Flugzeug, mit dem er angeblich fliegt, wird entführt (damals konnte man über Flugzeugentführungen fast noch scherzen). Er kommt ganz schön in die Bredouille.

Um das Stück komischer zu machen, machte ich aus der heimlichen Geliebten eine Lyrikerin, die, politisch korrekt, anklägerische Verse gegen das Waldsterben absonderte und sie dem Geliebten vorlas, davor. Er musste sich also durch ihre Gedichte wie durch einen Berg von Hirsebrei durcharbeiten, um in das Schlaraffenland der Liebe zu kommen.

So weit, so gut. Als das Stück als Textbuch bei Suhrkamp erschienen war, sprachen mich Freunde darauf an und sagten anerkennend, wie trefflich ich Ulla Hahn in diesen Gedichten parodiert hätte. Innerlich zuckte ich zusammen, da ich in Wahrheit Verse der Berlinerin Pieke Biermann vor dem inneren Auge und Ohr gehabt hatte. Aber ich gab mir keine Blöße und nickte geschmeichelt. Warum nicht Ulla Hahn?!

Das Stück war gedruckt, die Uraufführung in Osnabrück schon in Planung, als Reich-Ranicki vom Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi zu einem Vortrag ins Hamburger Rathaus geladen wurde. Reich brachte Ulla Hahn mit und stellte sie dem Stadtoberhaupt als "bedeutende Dichterin in Ihren Mauern" vor. Bei dieser Begegnung muss die Liebe wie ein Blitz eingeschlagen haben. Jedenfalls haben es alle Beteiligten später so geschildert: Reich erst kürzlich in einem Interview mit der "Bunten". Von Ulla Hahn gibt es inzwischen sogar, neben Gedichten, in denen sie den Geliebten auf politischen Wahlplakaten anhimmelt, einen Roman darüber.

Damals spielte sich aber alles noch im Verborgenen ab, und als der Bürgermeister eine Verlagsankündigung gelesen oder zugesteckt bekommen hatte, ich hätte ein Stück geschrieben, in dem ein Hamburger SPD-Politiker eine verborgene Affäre mit einer Lyrikerin habe, stürmte er auf mich zu und warf mir Treuebruch, Indiskretion und Ähnliches vor.

Ich kam mir wie die verfolgte Unschuld oder zumindest, um Karl Kraus zu zitieren, wie die verfolgende Unschuld vor. Zwar hatte ich inzwischen auch die Gerüchte über die heimliche Liason zwischen dem Stadtoberhaupt und der Lyrikerin gehört, denn in keiner Branche wird so viel getratscht und geklatscht wie in unserer. Es war so, wie die Klatschsucht und Missgunst Jahre vorher herumgetragen hatte: Der allmächtige Reich-Ranicki von der "FAZ" habe sich eine Lyrikerin von eigenen Gnaden erschaffen, wie Pygmalion seine Galathea.

Geschrieben aber hatte ich mein Theaterstück über den in die Lyrik verliebten SPD-Abgeordneten, noch ehe Ulla Hahn und ihr künftiger Ehemann sich auch nur zu Gesicht bekommen hatten. Das hätte ich mit meinem und Suhrkamps Terminkalendern nachweisen können. Aber wer will schon, im Zustand der Erregung, was von Kalendern wissen?

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