Zeitung Heute : Helm auf!

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Von Christine Lemke-Matwey

Es ist, wie es ist, und ich will es auch nicht beschönigen: Seit ich auf den Kopf gefallen bin, fällt mir nichts mehr ein. Schlimmer noch: Seit ich auf den Kopf gefallen bin, habe ich Zeit, viel Zeit. Mein ganzes klassisches Leben steht buchstäblich Kopf, denn statt wie bisher nie Zeit zu haben für nix, habe ich viel Zeit, richtig viel Zeit – und zum Dank fällt mir nullkommanichts ein. Manchmal denke ich, die Fußgängerin, die mir vor 13 Tagen um 17 Uhr 26 vor der Charlottenburger Fischräucherei Rogacki aus einer Reihe parkender Autos blindlings ins Fahrrad lief, müsste mit der neuen Gruberova-CD bestraft werden und also aufs Härteste. Dafür, dass sie mein akrobatisches Ausweichmanöver in keiner Weise zu würdigen wusste ( „Na, Sie sind ja flott unterwegs!“); dafür, dass sie, kaum hatte ich die Reste meines Radls von der Straße gekratzt, mit ihrer dicken Fischtüte mir nichts dir nichts im Asphaltdunkel der Winternacht verschwand. Schonen Sie sich, predigte der Arzt am nächsten Morgen in mein grünes Gesicht, schließen Sie die Augen, halten Sie sich in abgedunkelten Räumen auf, essen Sie keinen Räucherfisch, meiden Sie alle Musik - mit einer Gehirnerschütterungschädelprellungrippenquetschung ist nicht zu spaßen! Und also schonte ich mich. Und hatte Zeit. Und mir fiel nichts ein.

Zunächst habe ich es ja mit eher lebenspraktischen Dingen versucht. Frag’ mich, was es heute zu essen gibt, bat ich Fritzi. Sie: Was gibt es heute zu essen? Ich: Keine Ahnung. Frag’ mich, flehte ich mein ehedem weißblondbezopftes Schwesterherz an, welches im Sommer endlich sein erstes Kind erwartet, ob ich, sicherheitshalber, ein paar Bubennamen wisse. Sie: Weißt Du sicherheitshalber ein paar Bubennamen? Ich: Uwe. Daraufhin hat meine Schwester ihrem Zustand zuliebe bloß still und leise den Hörer aufgelegt. Dann aber habe ich es mit der neuen CD von Edita Gruberova versucht (soeben bei Nightingale erschienen). Ich weiß nicht, ob es die böse Erinnerung an einen Arienabend in der Bayerischen Staatsoper war, an dessen Ende der Intendant persönlich in einem Meer lachsfarbener Rosen vor „La Grubi“ kniete, und das Publikum raste, und die Zeitung, für die ich schrieb, sich gezwungen sah, die Leserbriefe auf meine Kritik noch Wochen später seitenweise abzudrucken. Jedenfalls fiel mir dieses alles auf einen Schlag wieder ein, als ich The Queen of Belcanto nun zwischen Gounod, Délibes und Puccini plötzlich in zwei Softpop-Nummern eines gewissen Herrn Graewert jodeln hörte. So ganz unrecht konnte ich wohl nicht gehabt haben.

Aber wer weiß, vielleicht kollidieren ja auch Primadonnen gelegentlich mit Fischtüten. Nix für ungut – ich für meinen Teil höre nur noch mit Fahrradhelm Musik.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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