Helmut Dutschke : Das Attentat auf meinen Bruder Rudi

Rudi Dutschkes älterer Bruder Helmut erinnert sich an das Jahr 1968. Für ihn ist es vor allem mit dem Attentat auf seinen Bruder verbunden.

Ich habe vom Attentat auf meinen Bruder Rudi durch Zufall erfahren. An diesem Gründonnerstag lief am Nachmittag bei mir zu Hause Westfernsehen, das war zwar in der DDR verboten, in Teltow aber mit Zusatzgeräten möglich. Es kamen Nachrichten – die Bilder habe ich noch im Kopf: Rudis Schuhe auf dem Ku’damm, sein Fahrrad mit Aktentasche am Bordstein liegend. Und der Kommentator beschrieb, wie schlimm es aussieht um den „Studentenführer Dutschke“.

Anrufen hätte mich ja niemand können, wir hatten privat kein Telefon.

Dann habe ich mir das Auto eines Kollegen geborgt und bin zur Bezirksbehörde nach Potsdam gefahren, telefonieren hat keinen Sinn, dachte ich, du musst persönlich hin. Da saß ein Oberst Julemann, ich sagte, ich muss mit meinem Vater rasch in den Westen. Dann habe ich gewartet bis nachts um elf. Von der Tat wusste ich noch nichts Genaues, erst später erfuhr ich aus Erzählungen und Büchern, dass mit einem Trommelrevolver auf Rudi geschossen worden war, drei Mal, eine Kugel ein Hirnsteckschuss.

Plötzlich hieß es: Sie und Ihr Vater können ausreisen! – Wie denn? – Fahren Sie zur Mauerstraße, da bekommen Sie einen Passierschein, an der Charité gehen Sie über die Grenze.

Das mit dem Passierschein hat sicher eine Stunde gedauert, die Grenze an der Invalidenstraße war nach Mitternacht schon zu. Irgendein Chef hat das Tor aufgeschlossen, bitte schön, hinter uns machte es „klack“, wir waren im Westen, zu Fuß.

Warum das so schnell und unbürokratisch ging? Der Name Dutschke hat sicher geholfen. Rudi war zwar für die Wiedervereinigung, aber durch Vietnam und die Notstandsgesetze gab es Gemeinsamkeiten zwischen DDR-Führung und den linken Studenten im Westen. Auch die „Bild“-Zeitung, die gegen Rudi gehetzt hatte, war ein gemeinsamer Gegner. Über unsere Ausreise konnten nur höchste Stellen entschieden haben, ich weiß bis heute nicht, wer beteiligt war, auch in unseren Stasi-Akten steht darüber nichts.

Nun mussten wir zum Westend-Krankenhaus, wo Rudi vier Stunden lang operiert worden war. Kein Mensch zu sehen, nachts um ein, zwei Uhr, ich ging zu einem Polizeihäuschen und klopfte, die sind fast in Ohnmacht gefallen: „Wo kommen Sie denn her?“ – „Von drüben.“ – „Das gibt’s doch nicht!“

Sie rieten uns, ein Taxi zu nehmen, doch wir hatten kein Westgeld. Schließlich fuhr uns ein Polizeiauto zum Hintereingang des Krankenhauses, vorne lauerten ja die Reporter, da trafen wir Rudis Ehefrau Gretchen.

Wir sahen Rudi am nächsten Morgen. Er hatte einen großen Turban um den Kopf, die Ärzte hatten ja den Schädel aufgemacht, um die Kugel rauszukriegen. Er lächelte, er hat uns erkannt. Reden war nicht nach so einer Operation, außerdem hatte die Verletzung seinen Speicher im Hirn gelöscht, er musste ja alles neu erlernen. Ich habe ihn noch einmal besucht, später durfte Rudi hin und wieder in die DDR einreisen.

Ein halbes Jahr vor dem Attentat war Rudi bei der Beerdigung unserer Mutter in Luckenwalde gewesen. Wie das möglich war, weiß ich bis heute nicht. Er kam in einem Auto, dessen Scheiben verdunkelt waren, mit diesem wurde er auch zur Grenze zurückgebracht.

Ausgerechnet Heiligabend ist Rudi dann gestorben, elf Jahr später, mit 39, in der Badewanne. Er ließ das Wasser gerne bis zum Kinn voll laufen, doch seit dem Attentat hatte er epileptische Anfälle, durch einen davon ist er ertrunken. Die Ärzte hatten geraten, er solle sich schonen. Er hat aber gelebt, wie es in einem Slogan dieser Zeit hieß: Wir wollen alles, und das sofort! Geduld hatte er nicht.

Heiligabend ist für mich seitdem kein Fest der Freude mehr.

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