Zeitung Heute : Hepatitis: Der Fall Anderson

Nicola Siegm,-Schultze

Der Vorfall wird der Branche schaden, fürchtet Stefan Haas. Der Berliner tätowiert und ist Mitglied im Interessenverband der Tätowierer (DOT). Der Vorfall, damit meint Haas die in den Medien verbreitete Vermutung von Schauspielerin Pamela Anderson (34), sie habe sich beim Tätowieren mit Hepatitis C infiziert. Die Viren will sie von ihrem früheren Ehemann Tommy Lee (39) haben, mit dem sie sich in einer gemeinsamen Session hatte den Körper verschönern lassen - mit demselben Besteck. Jetzt klagt die durch die TV-Serie "Baywatch" berühmt gewordene Actrice, Lee habe ihr in der Ehe verschwiegen, dass er mit Hepatitis C infiziert war. Das Virus ist auch bei Anderson entdeckt worden, und deshalb will sie den Ex-Gatten verklagen.

"Ob Ehegatte oder nicht - für jede Tätowierung muss man eine frisch sterilisierte Nadel verwenden", sagt Haas, "Dann ist das Risiko, sich mit irgend etwas zu infizieren, extrem gering." Eine US-amerikanische Studie scheint ihm Recht zu geben. Die Forscher haben Menschen mit und ohne Tattoos auf Hepatitisviren untersucht. Tätowierte waren zwar doppelt so häufig mit Hepatitis B und C infiziert. Fast alle Infizierten hatten aber auch höhere Ansteckungsrisiken: intravenösen Drogenkonsum, häufige Bluttransfusion oder häufig wechselnde Geschlechtspartner. Das Risiko, durch Tätowieren Hepatitis zu bekommen, halten die Wissenschaftler für minimal. Allerdings sind Hepatitisviren unter den Tätowierten selbst weiter verbreitet als im Durchschnitt der Bevölkerung.

In jedes Piercing- oder Tätowierungsstudio gehört ein kleiner Autoklav, eine Art "Dampfkochtopf". Druck und Temperaturen zwischen 121 und 134 Grad Celsius killen praktisch alle Viren und Bakterien. "Autoklavieren ist die sicherste Methode, Bestecke oder den Schmuck selbst keimfrei zu machen", sagt Martina Lehnhoff, die in einer privaten Akademie in Bergisch-Gladbach Piercer aus- und fortbildet. "Die Betreiber der Studios unterschätzen oft die Ansteckungsrisiken - für sich selbst und den Kunden."

Ein Grund: Piercen und Tätowieren sind keine Lehrberufe. Wer anderen den Körper bunt machen möchte, kann sich das heute überlegen, morgen einen Gewerbeschein beantragen und übermorgen stechen und nadeln. Er muss keine Qualifikation nachweisen, obwohl er den Kunden unter die Haut geht und potenziell schwere Krankheiten von einem anderen übertragen kann (Anm.: natürlich auch HIV!). "Tätowierer sind oft gute Designer und geschickte Handwerker, sich mit Bakterien und Viren zu beschäftigen, ist nicht unbedingt ihre Sache", sagte ein Tätowierer kürzlich in Frankfurt auf einer Tattoo-Messe. Der Mann hat im Ruhrgebiet ein Studio, seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. "Viele wissen nicht, wie sie das Studio überhaupt richtig sauber bekommen, wie man fachgerecht sterilisiert und dafür sorgt, dass die Nadeln steril bleiben, bis man sie verwendet." Das Problem: Die Kunden wissen es oft auch nicht.

Verbindliche Standards für Einrichtung und Fähigkeiten der Studiobetreiber gibt es nicht, auch keine bundeseinheitlichen Kriterien, nach denen Gesundheitsämter die Studios prüfen. Der Mann aus dem Ruhrgebiet ist in seinem Falle auch skeptisch, was die Kontrollen angeht: "Wenn jemand vom Amt reinschaut, ist das ein Witz", behauptet er, denn niemand lasse sich zeigen, ob das Sterilisationsgerät funktioniere.

Die Gesundheitsbehörden wissen, dass nicht nur die Grauzone groß ist, sondern auch die Zahl der schwarzen Schafe. Beides wird sich kaum ändern, solange sie keine einheitlichen Standards setzen und nach diesen auch kontrollieren. Robert Rath, Pressesprecher des Berliner Landesamtes für Gesundheitsschutz, empfiehlt Kunden, drei Punkte zu beachten. Der gute Tätowierer werde erstens in einem Vorgespräch über Risiken aufklären, sich nach der Gesundheit erkundigen und Informationen über etwaige Nachbehandlung geben. Er werde zweitens seinen Arbeitsplatz nicht im Besucherbereich einrichten und erkennbar auf Hygiene achten. Und drittens werde er nickelfreien Chirurgenstahl und frische Einweghandschuhe verwenden. Benutzt er keine Einweginstrumente, sollte man auf Sterilisierung achten, Kochen oder Ultraschallbehandlung reichen nicht. Informationen über Anforderungen an die Hygiene von Tätowierstudios findet man im Übrigen auch im Internet bei http:// www.dot-ev. de , von Piercingstudios bei http:// www. opp-ev.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar