Zeitung Heute : Herausforderungen

ISABEL HERZFELD

Kammermusiksaal: Das Arditti-Quartett spielt Goldmann und RihmISABEL HERZFELD Darf man heute noch Streichquartette schreiben? Zwei Festwochen-Auftritte des Arditti Quartetts belegten da exemplarisch die Spannungsfelder: reflektierendes, auch ironisch-distanziertes Abarbeiten am unerreichbaren Vorbild einerseits, seine Erfüllbarkeit im Annehmen der Herausforderung andererseits.Ganz an die Quellen zurück geht Friedrich Goldmann: Sein Quartett Nr.2, als Auftragswerk der Festwochen uraufgeführt, wandert aufwärts durch fünf tonale Zentren, die jeweils den leeren Saiten der Streichinstrumente folgen.Die systematische Erkundung wird überformt von traditionellen Topoi - der jagenden Sechsachtelbewegung, Andeutungen einer graziösen Melodik und einer burschikos-geradlinigen Motorik.Was bei Goldmann noch als tastende Aneinanderreihung erscheint, bündelt Mauricio Kagel zur ironisch-nostalgischen Persiflage.Von Bartókscher Motorik bis zu Alban Bergs lyrischer Gespanntheit, mit klassischen Floskeln und selbst Fugato-Anklängen setzt sich Traditionelles wie im Patchwork zur "modern"-dissonanten Machart zusammen, wird durch manches Flageolett oder Glissando witzig kommentiert und verblüfft immer wieder durch seinen Farben- und Assoziationsreichtum quer durch die Musikgeschichte. Wolfgang Rihm setzt dem gegenüber den Anspruch entgegen, in der alten Gattung Eigenes und damit Neues zu sagen.Der Titel des expressiv-ausladenden 3.Quartetts "Im Innersten" war 1976 romantische Provokation.Auch Nr.6, "Blaubuch" von 1984, ist berührende Innenschau mit harten Akzenten, äußert gepreßten Linien und Tremolo-Bewegungen wie im "Schüttelfrost".Das zerbricht und zerfasert in stärkerem Geräuschanteil im 8.Quartett, das mit manchen Aktionen - Ausrufen der Musiker, dem das Schriftgeräusch nachahmenden Kratzen des Bogens auf Notenpapier und zornigem Zerreißen - eher eine "Außenseite" des Komponierens zeigt.Im zehnten, ebenfalls uraufgeführten Quartett vollzieht Rihm eine ganz erstaunliche, für ihn völlig neue Bewegung von innen nach außen: Als nähme er den Gestus der simplen Kagelschen Tonfolgen auf, schichtet er im zweiten Satz motorische Floskeln übereinander, im Zentrum das Kinderlied "Grün, grün, grün sind alle meine Kleider": "Battaglia/Foglia" heißt dieser Satz, die alte Schlachtenmusik und den Kriegswahnsinn meinend.Das verzichtet in besinnungslosem Tempo und härtesten Bogendruck fast ganz auf sinnliche Klangschönheit, ist eine böse, realistisch bezogene Ironie.Sie mündet nach einem erschöpften Flageolett im fahlen Klagegesang des dritten Satzes - Gefühl und Härte, Erschütterung und kühler Kommentar in einer seltenen, auch die Zuhörer im Kammermusiksaal zu enthusiastischem Beifall hinreißenden Einheit.

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