Zeitung Heute : Herausgebildet

Anja Kühne

In einer am Montag vorgestellten Sonderauswertung der Pisa-Studie wurden die Bildungschancen von Migrantenkindern international verglichen. Warum schneidet dabei Deutschland so schlecht ab?


Deutschland stehen sehr große Anstrengungen im Bildungswesen bevor. Es muss schon im Kindergarten die Sprachkenntnisse der Kinder testen und fördern, seine Erzieherinnen und Lehrer weiterbilden, Kurse für Eltern von Migranten schaffen und erheblich mehr Geld in Bildung investieren – darin sind sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan und Klaus Böger, Vizepräsident der Kultusministerkonferenz einig. Denn nirgendwo sonst auf der Welt ist der Leistungsabstand in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften zwischen den einheimischen Schülern und denen mit Migrationshintergrund so groß wie in Deutschland. Das geht aus der internationalen Pisa-Vertiefungsstudie vor, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Grundlage sind die Ergebnisse des bereits veröffentlichten jüngsten internationalen Pisa-Berichts aus dem Jahr 2003. Betrachtet wurden 17 OECD-Staaten mit hohem Migrantenanteil.

Auch in anderen Ländern gibt es Leistungsunterschiede zwischen einheimischen Schülern und solchen mit Migrationshintergrund. Im Schnitt beträgt der Abstand zwischen beiden Gruppen zum Beispiel in Mathematik 48 Punkte, das entspricht etwa einem Schuljahr. Besonders groß ist die Kluft in Belgien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden und in der Schweiz. Doch noch weit deutlicher fällt sie mit 71 Punkten bei den Zugewanderten in Deutschland aus. Bei 15-jährigen Schülern, die bereits in Deutschland geboren wurden, beträgt der Abstand sogar 90 Punkte. Das entspricht zwei Schuljahren. Während in den meisten Ländern die Leistungen in der zweiten Generation besser werden, ist es in Deutschland umgekehrt. So kommt es, dass zum Beispiel in Kanada geborene Migrantenkinder drei Schuljahre (111 Punkte) vor der zweiten Generation in Deutschland liegt.

In mehr als der Hälfte der 17 OECD-Länder erreicht mehr als ein Viertel der Schüler der zweiten Generation gerade einmal die zweite von sechs Pisa-Kompetenzstufen. Das bedeutet, die Schüler sind nicht in der Lage, einfache Mathematik aktiv zu nutzen. In Deutschland gilt das sogar für über 40 Prozent. Offenbar gelingt es Deutschland nicht, das Potenzial der Migrantenschüler zu heben. Denn trotz ihres im Schnitt schwachen Leistungsniveaus liegen ihr Interesse und ihre Motivation für den Unterricht sogar leicht über dem der einheimischen Schüler. In Deutschland antworteten auf die Frage, ob sie sich gerne mit Mathematik befassen, nur 19 Prozent der einheimischen Schüler mit Ja. Unter den Migrantenkindern sind es rund 30 Prozent. Die überwältigende Mehrheit der Schüler mit Migrationshintergrund gibt auch an zu glauben, dass sich in der Schule etwas Nützliches für den Beruf lernen lässt. Und die allermeisten Migranten fühlen sich in der Schule nicht als Außenseiter.

In den meisten europäischen Ländern haben die Schüler aus Migrantenfamilien einen sozial schwachen und bildungsfernen Hintergrund. In Deutschland kommt der größte Teil dieser Schüler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (23,7 Prozent), gefolgt von der Türkei (19,1) Prozent und Polen (12 Prozent). In Berlin ist der Anteil von türkischen Migranten so groß wie in keinem anderen Bundesland (35 Prozent). Doch aus Sicht der Pisa-Forscher ist der Leistungsabstand zu den einheimischen Schülern nicht allein mit dem schwachen sozialen Hintergrund der Migranten zu erklären. Offenbar kommt eine Reihe von Faktoren zusammen, etwa schlechte Sprachkenntnisse und ein schulisches Umfeld, in dem sich die Probleme verstärken. Migranten konzentrieren sich meist auf Schulen, in denen der Ausländeranteil bei über 50 Prozent liegt.

Bundesbildungsministerin Schavan sieht den Beitrag des Bundes vor allem in der Bildungsforschung. Die anderen Investitionen müssten die Ländern tätigen, auch, indem sie durch den Geburtenrückgang frei werdende Mittel in die Migrantenförderung leiten. Wer jetzt Investitionen scheue, werden in fünf bis zehn Jahren das Vielfache aufbringen müssen, sagte sie.

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