Zeitung Heute : Herberge in Kaschmir

Der Tagesspiegel

Susanne Güsten, Istanbul

Auf der Suche nach dem Terroristenchef Osama bin Laden will der türkische Geheimdienst jetzt fündig geworden sein: Im pakistanischen Teil der umkämpften Provinz Kaschmir habe der türkische „Nationale Aufklärungsdienst“ (MIT) den meistgesuchten Mann der Welt geortet, berichtete die Istanbuler Tageszeitung „Hürriyet“ am Donnerstag; dort werde er von militanten Moslemgruppen beherbergt. Die Information sei eiligst an die USA weitergeleitet worden, die sich bereits um pakistanische Zustimmung zu einer Militäroperation in Kaschmir bemühten. Obwohl Pakistan strikt ausschließe, dass bin Laden im Lande sei, gehe die Aufklärungsarbeit dort weiter. Die Zeit dränge, denn bin Laden plane bereits die nächsten Anschläge.

Fraglich ist natürlich, wie zuverlässig diese Informationen sind; eine offizielle Stellungnahme der türkischen Behörden gab es am Donnerstag nicht. Zwar ist der pakistanische Teil von Kaschmir geeignet genug als Versteck für einen moslemischen Extremistenführer – in dem teils gebirgigen und unwegsamen Gebiet treiben sich militante Moslemgruppen herum, die von der pakistanischen Regierung nicht kontrolliert werden können. Doch gerade die Plausibilität der Idee leistet auch dem Argwohn Vorschub, dass der Tipp mehr erraten sein könnte als tatsächlich ausspioniert. Der MIT beruft sich zwar auf jahrelange gute Kontakte in Afghanistan und der Region. Doch sichtbar geworden sind von solchen Kontakten bisher nur jene zu dem turkstämmigen Kriegsfürsten General Abdul Raschid Dostum, die der Türkei in letzter Zeit zudem mehr Ärger eingebracht haben als Anerkennung für ihre angebliche Afghanistan-Expertise.

Öcalan – der bisher größte Coup

Andererseits hat der MIT keinen Grund, sich gegenüber den USA mit falschen Federn zu schmücken. Seit den Anschlägen vom 11. September hat sich die ohnehin enge Zusammenarbeit des US-Geheimdienstes CIA mit den türkischen Kollegen weiter vertieft. Die CIA greift gerne auf die Kenntnisse des MIT über extremistische Gruppen im Nahen Osten zurück. Insbesondere bei der Vorbereitung eines Angriffes auf Irak erweisen sich die MIT-Spezialisten als unverzichtbar. So schleuste der türkische Geheimdienst bereits CIA-Teams in den kurdisch besiedelten Norden von Irak ein; ohne die kurdischsprachigen Kollegen vom MIT und deren intime Kenntnis der Region wäre dies den US-Agenten kaum möglich gewesen.

Ohne Zweifel versteht der MIT sein Handwerk, zumindest wenn es um kurdische Rebellen geht. Größter Coup der türkischen Schlapphüte war bisher die Ergreifung von PKK-Führer Abdullah Öcalan in Kenia 1999, durch die der lange Kurdenkrieg in Südostanatolien faktisch beendet wurde. Auch niederer PKK-Chargen ist der MIT schon im Ausland habhaft geworden, wie im Fall des in Deutschland asylberechtigten Cevat Soysal, dem 1999 eine Reise nach Moldawien zum Verhängnis wurde.

Ob sich die MIT-Expertise auch bis nach Kaschmir erstreckt, ist dagegen unerwiesen. Etwas stutzig macht jedenfalls, dass die türkischen Schlapphüte nicht nur wissen wollen, wo bin Laden steckt, sondern auch, was er als nächstes vorhat: Sollten die USA ihm im „Freien Kaschmir“ auf die Pelle rücken, dann wolle der Terroristenchef rasch auf die indische Seite der Demarkationslinie wechseln, dort die moslemischen Unabhängigkeitskämpfer in Jammu und Kaschmir aufwiegeln und damit einen neuen Krieg zwischen den Atommächten Indien und Pakistan anzetteln. Und übrigens fiel den türkischen Agenten auch ein: Ex-Taliban-Chef Mullah Omar sei noch in Afghanistan.

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