Zeitung Heute : Herdrehen! Wegdrehen!

FRANK NOACK

Es gibt atemberaubend schöne Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, Politikergattinnen und Prinzessinnen - wozu in aller Welt brauchen wir da noch Models? Natürlich waren Greta Garbo, Marlene Dietrich, Evita Peron, Marilyn Monroe und Lady Di in gewisser Weise auch Models, schließlich haben sie sich mit äußerster Sorgfalt frisiert und kostümiert und waren auf den Titelseiten von Hochglanzmagazinen zu sehen.Aber daneben sind sie noch einer sinnvollen Tätigkeit nachgegangen.Sie waren nicht nur schön, sondern auch schön.Wer unter anderem schön ist, der kann ruhig älter, dicker oder faltiger werden, er ist deshalb nicht gleich weg vom Fenster.Models fehlt dieses Privileg.

Models sind begehrt und überflüssig zugleich, Sinnkrisen sind vorprogrammiert - idealer Stoff für einen Dokumentarfilmer wie Ulrich Seidl ("Tierische Liebe"), der gern das zeigt, wovor andere die Augen verschließen.Natürlich ist der Einfall, das Elend des Model-Daseins aufzuzeigen, nicht neu; Doch Seidl wollte echte Models, nicht etablierte Schauspielerinnen mit Model-Erfahrung.Die offenbarten Ängste und Unsicherheiten sollten authentisch sein.

Vivian Bartsch, Lisa Grossmann, Tanja Petrovsky und Elvyra Geyer, die vor Seidls Kamera ihre Seelen entblößen, werden wahrscheinlich nie den Status einer Claudia Schiffer erlangen."Models" indes enthält Szenen von starker emotionaler Intensität.Allein die Lebensläufe der Protagonistinnen sprechen dagegen, daß sie eine Schauspielausbildung absolviert haben; die Leistungen selbst sind preisverdächtig.

Gleich zu Beginn zeigt Seidl zwei Models auf dem Rücksitz eines Wagens, wie sie gähnen und schniefen.Sie sind auf dem Weg zu sich nach Hause in ihre schicken, leeren, kalten Wohnungen.Per Telefon versuchen sie, Freunde zu erreichen, sich auszusprechen.Sie trinken einen Wodka zum Einschlafen, müssen sich übergeben, und wenn sie gerade auf der Toilette sitzen, besteht der Lebensgefährte darauf, sich bei geöffneter Tür mit ihnen zu unterhalten.Um rege Aktivität vorzutäuschen, fährt eine der Frauen mit dem Taxi durch die Stadt, während sie telefoniert.Private Verabredungen gelingen nicht; die auf Fotos so begehrten Models finden kaum Anschluß und geben sich auf der Damentoilette einer Diskothek gegenseitig Aufreißtips.

Nie macht sich Seidl jedoch über die Naivität und Vertrauensseligkeit seiner Protagonistinnen lustig.Und so ausgiebig er auch die häßlichen Prozeduren vorführt, die für die vollkommene Schönheit erforderlich sind, sein Werk ist keine plumpe Abrechnung mit dem Modeln an sich.Ein Shooting beispielsweise, das er gefilmt hat, schockiert zwar wegen der rüden Sprache, mit der Vivien ihre Positionen vorgeschrieben bekommt ("Herdrehen ...Hüfte wegdrehen!"), doch die Qualen sind nicht umsonst: Vivien kann wie eine Mischung aus Kim Novak und Debbie Harry aussehen.Die geschmackvollen Interieurs betonen erst recht die Häßlichkeit der Situationen, die sich in ihnen abspielen.Seidl inszeniert die Models als Freundinnen und Leidensgenossinnen.

Zunächst ist es fast unmöglich, die Frauen auseinanderzuhalten.Kein Wunder bei den Normen, denen sie sich fügen.Aus einem eher traurigen Grund hebt sich Lisa deutlich von den anderen ab, denn sie hat sich die Lippen spritzen lassen.Endlos steht sie vor dem Spiegel und studiert Bewegungen mit der Oberlippe ein.Leicht könnte man darüber spotten, wäre da nicht ihr verwundeter, würdevoller Blick.

Wie nah das Schöne und das Schreckliche beieinander sind, erweist sich bei einer Fotosession Viviens mit Peter Baumann.Baumann ("Das ist der, der die Sonja Kirchberger gemacht hat") ist ein Jack Nicholson-Typ, also ein ehrliches Schwein.Wie er Vivien abwechselnd hofiert und demütigt und im Ton eines Verdurstenden danach verlangt, mehr von ihrem "Oasch" zu sehen, wie die junge Frau über seine dreckigen Witze lacht und sich zugleich vor ihm fürchtet - das ist virtuos gespielt, pardon, ausgelebt.

Sind die von Ulrich Seidl eingefangenen Situationen nun branchenspezifisch? Nein.Hätte er einen ähnlichen Film über die Schlager- und Volksmusik-Szene drehen können? Theoretisch ja, praktisch nein.Denn sogar für Seidl wäre es ungleich schwierger, in Rex Gildo oder Maria Hellwig so etwas wie eine Seele zutage zu fördern.Die Seelen von Vivien und Lisa werden wir nicht so schnell vergessen.

13.2.um 23 Uhr (Atelier am Zoo), 14.2.um 18.30 Uhr (Filmpalast), 15.2.um 23.30 Uhr (Filmpalast)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben