Herfried Münkler : „Obama ist kein Pazifist“

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler über die Dankesrede von US-Präsident Barack Obama, in der er die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt hat

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Foto: dpa

Herr Münkler, US-Präsident Barack Obama hat in der Dankesrede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt. Sind Sie überrascht?



Die USA führen derzeit zwei Kriege. Da lag es nahe, dass Obama diese in seiner Dankesrede aufgreift. Amerika kann sich eine Politik ohne die Option von Gewalt nicht leisten, das hat er verdeutlicht. Und er will seine Verbündeten ja dazu bewegen, mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken, um Frieden zu schaffen.

War das eine angemessene Rede für einen Friedensnobelpreisträger?

Es war nur konsequent, dass er darüber spricht, unter welchen Umständen die USA bereit sein müssen, von ihrem Militär Gebrauch zu machen.

Er hätte über Abrüstung sprechen können.

Das hat er ja schon in Prag getan, wohl wissend, dass sein Ziel einer atomwaffenfreien Welt nicht zu erreichen ist. Obama ist kein Pazifist – und das hat er von Anfang an klargemacht. Er ist Präsident einer Weltmacht mit großen Handlungszwängen. Die USA können nicht neutral sein, sondern ihnen wird permanent zugemutet, weltweit Probleme zu lösen.

Wie kommt eine solche Rede in der kriegskritischen deutschen Öffentlichkeit an?

Die Deutschen haben eine ausgeprägte Aversion gegen alles Kriegerische. Und wer von vornherein gegen den Krieg in Afghanistan war, wird nicht erfreut sein. Genauso wenig wie die, die fast messianische Erwartungen an Obama hatten. Aber wer militärische Maßnahmen nicht per se ausschließt, muss sich auf seine Rechtfertigung einlassen. Das Gegenteil von Krieg ist nicht immer Frieden, sondern manchmal nur Unterwerfung.

Wie aktuell ist die Theorie des gerechten Krieges, auf die sich Obama bezogen hat?

Das Problem der Rechtfertigung militärischer Maßnahmen stellt sich vor allem Großmächten. Und zwar immer dann, wenn sie in der Welt Recht und Gerechtigkeit herstellen wollen. Bei der Theorie handelt es sich um einen Selbstprüfungsprozess, der, findet er öffentlich statt, andere von den Gründen für eine Entscheidung überzeugen kann.

An wen war diese Rede gerichtet – an die USA oder die Weltöffentlichkeit?

An beide. Indem er vor sich selbst und seinem Land Rechenschaft abgelegt, richtet sich Obama auch an die Welt – und beweist, dass er sich selbst hinterfragt.


Herfried Münkler ist Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität. Die Fragen stellte Juliane Schäuble.

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