Zeitung Heute : Herne
auf Deutschlandtour Heute:
In Herne gibt es Stress mit der Partei Bibeltreuer Christen. Die Vorschriften sehen vor, dass zwischen zwei Wahlplakaten einer Partei immer mindestens 50 Meter Abstand sein müssen. Natürlich hält sich kein Schwein dran. Die Partei Bibeltreuer Christen verlangt jetzt, dass im gesamten Stadtgebiet von Herne mit dem Maßband nachgemessen wird. Die Stadtverwaltung von Herne ist richtig, richtig sauer auf die Christen. Bibeltreu christlich wäre es ja auch eher, demjenigen, der einem auf das linke Wahlplakat schlägt, anschließend das rechte Wahlplakat hinzuhalten.
Was fast niemand weiß: 1974 hat das Bundesverwaltungsgericht im Rahmen der Bürokratisierung Deutschlands genau festgelegt, wie viele Plakate im Verhältnis zur Einwohnerzahl aufgestellt werden dürfen, zum Beispiel hat die SPD in Herne ein Recht auf exakt 408 Plakate.
Wegen des Bevölkerungsschwundes werden es in der Uckermark immer weniger Plakate.
Herne sieht in manchen Ecken aus wie die DDR 1990. Gleich nach dem Krieg wurden auf vielen Trümmergrundstücken flache Behelfsneubauten errichtet, in Herne stehen die zum Teil immer noch da. Das Wirtschaftswunder um 1950 haben sie hier offenbar noch mitgenommen, danach scheint nicht mehr viel passiert zu sein. Auf ihrer Homepage wirbt die Stadt Herne übrigens mit dem Argument, sie sei „die zweitkleinste Großstadt Deutschlands“. Wer den absoluten Superhit sehen möchte, die kleinste Großstadt Deutschlands, muss nach Offenbach fahren.
Ich fahre ins Volkshaus nach Wanne-Eickel, welches seit 1975 zu Herne gehört. Die SPD-Unterorganisation „60plus“ lädt ein. Von den Alten haben einige bestimmt noch in den Zechen von Herne malocht, Zechen mit legendären Namen wie Shamrock, Mont Cenis, Friedrich der Große. Das Publikum wirkt beschwingt, wegen der positiveren Umfragewerte für die SPD. Ein Fernsehteam von Sat1 ist auch da. Ein Sozialdemokrat, 60 plus, ruft: „Jezz kommt ihr und kuckt, wa, jezz, wo wir gewinnen.“ Direktkandidat Gerd Bollmann schüttelt allen die Hände, er sieht ein klein wenig wie Lenin aus. Gerd Bollmanns Lieblingssatz heißt „ma kucken“. Er sagt: „Das letzte Mal hab ich 61,5 Prozent gekriecht. Ma kucken.“ Ich denke: SPDler sind fast immer nett. Wenn es darum geht, mit jemandem ein Bier zu trinken, muss man den SPDler nehmen.
Die vermutlich einzige richtig junge Person in drei Kilometern Umkreis heißt Michelle. Michelle trägt ein sehr sparsames Kleid, eine Textilie, die sich Hans Eichel beim Zuschnitt seines letzten Etats mal besser zum Vorbild genommen hätte. Außerdem ist sie die Organisationschefin. Hauptredner im Volkshaus ist der ehemalige Ministerpräsident Peer Steinbrück. Michelle scheint ihn irgendwie nervös zu machen. Peer Steinbrück sagt: „Die SPD hat nicht immer Recht. Bei Ikea hält auch nicht immer alles, mit Ausnahme von Billy Boy.“ Ich denke, nanu, das Ikearegal heißt doch nicht Billy Boy, Moment, Billy Boy ist doch eine Kondommarke, der Steinbrück ist ja völlig fertig. In der Diskussion geht die Diskussionsleiterin Michelle sehr streng vor. Als ein alter Herr etwas sagen möchte, ruft sie scharf ins Mikro: „Stehen Sie bitte auf!“ Der Alte kommt ächzend mal gerade eben hoch, dann sagt er, fast ein wenig spitz, zu Michelle: „Was sollen denn wir uns ’n Kopp machen um Probleme, die in 20 Jahren kommen.“ Steinbrück sagt nachdenklich: „In zehn Jahren ist Michelle Landesvorsitzende.“ Dann tritt Gerd Bollmann ans Mikro und rockt los wie einst Lenin. „Den Wahlkreis holen wir! Hundertprozentig! Lasst uns ranhauen! Glück auf!“ Ich denke mal, jetzt muss es die Stadt Köln sein.





