Zeitung Heute : Heroische Langeweile

SILVIA HALLENSLEBEN

Quotenopfer Konfuzius: "Xiao Wu" von Jia Zhang KeVON SILVIA HALLENSLEBEN"Hier kannst du fernsehen und dabei über deine Taten nachdenken, sagt der Polizeikomissar dem jungen Xiao Wu, während er ihn auf der Wache an ein Motorrad fesselt.Aber wie soll einer bei so viel TV-Schwachsinn einen klaren Gedanken fassen? Offensichtlich hat sich auch Konfuzius der Quote opfern müssen.Und in China gehen die Zeiten durcheinander.Während über öffentliche Lautsprecheranlagen "alle Verbrecher" aufgefordert werden, sich zu stellen, singen diese in rotschummrigen Karaokebars mit leichten Mädchen Duette über Regentropfen und Sehnsucht. Xiao Wu ist ein Verbrecher.Doch der professionelle Taschendieb sieht mit dicker Hornbrille, Strickweste und Jackett eher aus wie ein französischer Philosophiestudent.Die heroische Langeweile, mit der dieser Knabe in seinem Leben herumlungert, muß ihm erst mal einer nachmachen.Cool.Erst, als er ein Mädchen trifft, das ihn zunächst zum Singen zwingen will und ihm dann auch gefällt, wächst aus der Coolheit ein Zappeln."Xiao Wu" erzählt von Jugend in einem Land, wo eine Marlboro einen Monatslohn kostet.Direkte Kamera, lakonische Dialoge, viel Improvisation und ein verblaßt-bunter Mustermix: Sollen wir Regisseur Jia Zhang Ke als zehnten "Nouvelle Vague"-Neuaufleger feiern? Nein, "Xiao Wu" ist einfach nur ein schöner Film.Ach, und dann gibt es noch ein Feuerzeug, das "Für Elise" leiert.Symbol? Heute 17 Uhr (Akademie), morgen 17 Uhr (Babylon im Zeughaus)

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