Zeitung Heute : Herr Aschmer sucht das Glück Aber auf der Jobbörse der Cebit gibt es nicht mehr viel zu holen

Corinna Visser[Hannover]

Ein lang gezogenes „Mmmh“ ist die erste Reaktion des Personalberaters am Stand der Telekom. Und es wird nicht besser: „Da sieht es schlecht aus“, sagt er freundlich. Zehn Jahre Vertriebserfahrung könne er vorweisen, hatte der junge Mann im grauen Anzug gesagt. Allein sieben Jahre in der Telekommunikationsbranche. Vor drei Jahren wäre er am Stand der Deutschen Telekom mit offenen Armen empfangen worden.

Nein, er sei nicht sehr enttäuscht, sagt Andreas Aschmer. „Meine Erwartungen waren nicht sehr groß.“ Aber immerhin ist der 32-Jährige an diesem Mittwochmorgen extra aus Bayern nach Hannover zur Computermesse Cebit gereist, um hier sein Glück zu versuchen. Aschmer hat bis vor kurzem bei Quam gearbeitet – einem Mobilfunkanbieter, der im vergangenen Jahr sein Geschäft eingestellt hat. Jetzt suchen 850 ehemalige Mitarbeiter einen neuen Job. Sie sind nicht die Einzigen. Der Branchenverband für Informations- und Telekommunikations-Technik Bitkom hat am Dienstag die Zahlen genannt: Im vergangenen Jahr wurden 35000 Arbeitsplätze gestrichen, in diesem Jahr sollen noch einmal 10000 wegfallen.

Die Cebit galt immer als wichtige Jobbörse im Bereich von Computer, Software und Telekommunikation. Aber dieses Jahr sind nur noch 50 Aussteller auf dem so genannten Jobmarket vertreten, vor drei Jahren waren es 145, letztes Jahr immerhin noch 90. Wenn man das kleine Karree in einer Ecke der großen Halle neun abläuft, kommt einem das Aufgebot noch bescheidener vor: Nicht mal 40 Meter im Quadrat sind dem Thema Jobvermittlung vorbehalten.

Auch die Jobsuchenden bleiben aus. „Es sind ja gar keine Leute da“, sagt Karin Giffhorn, die Verlagsleiterin der „Computerwoche“, hinter vorgehaltener Hand zu ihren Mitarbeitern. Sie will wie jedes Jahr das Karrierezentrum auf der Cebit eröffnen. Zum vierten Mal hat die Fachzeitschrift Firmen eingeladen, auf ihrer Standfläche um neue Mitarbeiter zu werben, aber diesmal sitzen gerade mal sieben Zuhörer auf den schwarzen Hockern vor dem Podium.

Früher, sagt ein Vertreter der IG Metall, sei die „Computerwoche“ wegen der vielen Stellenanzeigen so dick gewesen, dass sie gar nicht durch den Briefschlitz passte. Mittlerweile passt sie unter der Tür durch. An ihrem Stand verteilen die Gewerkschaftsvertreter freigiebig ihre Broschüre mit dem Thema „Alternativen zum Stellenabbau“. „Wir sind die Krisengewinnler“, sagt der Mann von der IG Metall. Vor ein paar Jahren, als die Branche noch boomte, habe niemand in der IT-Branche etwas von Gewerkschaften wissen wollen. Nach dem Ende des Booms wollten immer mehr Beschäftigte einen Betriebsrat gründen.

Im Jahr 2000 reichte der Jobmarket über zwei Etagen, das Gedränge zwischen den Ständen war so groß, dass man immer wieder stecken blieb. Junge Frauen in knappen T-Shirts mit der Aufschrift „Internet-Programmierer gesucht“ sollten die heiß begehrten IT-Fachkräfte locken. Die Unternehmen suchten Hände ringend nach Personal. Weil sie nicht genug Leute fanden, konnten sie nicht noch schneller wachsen.

Heute sieht die Agenda im „Treffpunkt Zukunft“ anders aus: 11 Uhr 30 Podiumsdiskussion zum Thema „IT-Arbeitsmarkt: Zwischen Bangen und Hoffen“, mittags informiert die IG-Metall wie man „der Krise zum Trotz“ Karriere macht. Manch einer versucht noch, das mangelnde Interesse auf allen Seiten zu relativieren. „Nein, das ist ganz normal am ersten Messetag“, sagt Jörg Koens von der Deutschen Post AG. Zum Ende der Woche erwarte er deutlich mehr Besucher auf dem Jobmarket. Dann seien auch die Eintrittskarten billiger. „Die hohen Preise schrecken ab“, sagt er. Wie viele Stellen im IT-Bereich der Post neu besetzt werden sollen, mag er nicht beziffern. „Die Suche ist ein permanenter Prozess“, sagt er. Ähnlich zurückhaltend äußern sich auch die Mitarbeiter vom Softwarehaus SAP oder von BMW.

Noch vor wenigen Monaten, sagt Andreas Aschmer, habe er sich nicht retten können vor Anfragen. „Auf der letzten Cebit war ich noch auf der anderen Seite.“ Da hatte seine Firma Quam noch einen großen Messestand.

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