Zeitung Heute : Herr Talschneider sucht eine neue Freundin

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Wenn ich zu meiner Großmutter fahre, nehme ich immer die S-Bahn. Mit der S7 von München Hauptbahnhof nach Hohenschäftlarn. Die S-Bahn hält an jeder Station ziemlich lang. Ich sitze drin und schaue aus dem Fenster. Ich mag diese Fahrten, weil sie so schön langweilig sind.

An den Bahnhöfen ist nichts los. Es steigen nicht viele Leute ein und nicht viele aus. Auf jedem Bahnsteig stehen Schaukästen, große, Glaskästen, in vierbeinigen Aluminiumgestellen. Sie sind dazu da, dass sich die Fahrgäste informieren können, über Fahrpläne, Tarifsysteme, Anschlussmöglichkeiten. Und immer steht da ein Kasten mit einer leeren Tafel hinter dem Glas. Darüber steht die Aufschrift: Bekanntmachung.

Merkwürdiges Wort: Bekanntmachung. Irgendwie altmodisch. Was wird in einer Welt von Telekommunikation, Lautsprechern, elektronischen Textlaufbändern, Überwachungskameras und Bild-Schlagzeilen ausgerechnet in einem stummen Schaukasten bekannt gemacht? An und für sich keine schlechte Idee. Ich stelle mir vor, dass ein Mechaniker kommt, den Kasten aufschraubt und einen Zettel hinein hängt: Bis auf weiteres zehn Minuten Verspätung. Oder ich stelle mir vor, dass der FC Bayern so einen Schaukasten gemietet hätte. Dann müssten sie nicht ständig Pressekonferenzen geben. Sondern der Manager Uli Hoeneß würde einfach einen Zettel hineinhängen: Hitzfeld gefeuert!

Den Gedanken kann man durchaus weiterspinnen. Wenn zum Beispiel jeder Mensch an seinem Briefkasten so ein Feld zur Verfügung hätte für die Rubrik Bekanntmachung. In jedem Hauseingang würden diese Bekanntmachungen hängen, gleich unter dem dazugehörigen Namensschild. Man würde viel mehr über die Leute erfahren, die in einem Haus wohnen. Keine Kennziffern, wie in einer Zeitungsannonce. Frau Bergengrün würde zum Beispiel bekannt geben, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hat. Herr Talschneider sucht eine neue Freundin. Wer beseitigt den unangenehmen Geruch im Badezimmer von Familie Hutt?

Vielleicht gibt auch jemand bekannt, dass er sein juristisches Staatsexamen bestanden hat, ein anderer veröffentlicht, dass seine Küche endlich komplett ist. Herr Schwein möchte zwischen zwölf und zwei Uhr wegen Mittagsschlafes nicht gestört werden. Es wäre auch als Kommunikationsmittel zwischen Paaren nützlich. Der heimkommende Teil wüsste schon unten, was ihn oben erwartet: Bin tierisch sauer, du weißt genau warum. Oder für Lieferanten: Sofa bitte oben vor der Tür abstellen, dritter Stock links.

Und was mich betrifft, würde ich in den Kasten hängen: bin alleine in dieser Stadt, kenne niemanden, freue mich über Besuch. Und in 14 Tagen würde ich dann vielleicht hineinschreiben: Bitte keine weiteren Besuche mehr. Oder, was weiß ich, was ich dann hineinschreiben würde.

Bekanntmachung. Ein schüchterner Mensch könnte den Weg wählen: Gabi, ich liebe dich. Oder: Gabi, ich will dich heiraten. Aber schüchterne Menschen trauen sich so etwas nicht. Schüchterne erkennt man daran, dass ihr Bekanntmachungsfeld immer leer ist. Sie trauen sich nicht, an die Öffentlichkeit zu treten. Ist es denkbar, dass die Bahnlinie München - Hohenschäftlarn und auch die Bahnlinie Hohenschäftlarn - München schüchtern ist und deswegen nie etwas bekannt zu geben hat?

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