Zeitung Heute : Herren der Schöpfung

Lulu darf nicht in die Schule: Da wird Falsches gelehrt, sagen ihre Eltern. Sie glauben an die Genesis – wie immer mehr Amerikaner

Malte Lehming[Pensacola]

So steht es geschrieben: „Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.“ Das Schild steht neben einem Baum. Und von dem dicksten Ast dieses Baumes hängt an einem langen Seil eine Schaukel. „Wer ist als Nächster dran?“, fragt Robert, ein junger Mann mit Cowboyhut. Mehr als ein Dutzend Kinder brüllen „Ich“ und wedeln aufgeregt mit den Armen in der Luft.

Christine ist an der Reihe. Sie ist sieben Jahre alt, blond und trägt ein langes Kleid. Robert, ein Mitarbeiter des Vergnügungsparkes, setzt das Mädchen auf die Schaukel, schnallt es fest, dreht es mehrfach um sich selbst und dann, wie in einem Karussell, im Kreis herum. Höher, immer höher. Christine kreischt vor Vergnügen, der Rest der Kinder auch.

Robert lässt los. Langsam pendelt Christine aus. „Jetzt geh zu dem Holzstab dort und halte dich fest“, wird ihr aufgetragen. Dem Mädchen ist schwindelig. Sie fällt, steht auf, fällt wieder um. Alle lachen. „Dizzy Dino“ heißt das Spiel. Und wie jedes hier hält es zwei Lehren bereit – eine wissenschaftliche und eine spirituelle. Die wissenschaftliche erklärt, was passiert, wenn bei einem Menschen der Gleichgewichtssinn gestört wird. Die spirituelle lautet: „Lerne, auf Gottes Wort zu vertrauen und nicht darauf, wie du dich fühlst.“

Es ist ein Wochentag im Winter, aber die Schlange vor der Kasse zum „Dinosaur Adventure Land“ ist lang. Der Park in Pensacola, im äußersten Westen Floridas, ist eine Attraktion. Viele Besucher kommen von weit her. Auf dem Parkplatz stehen Autos aus Alabama, Mississippi, Tennessee und Georgia. Das sind christlich geprägte, konservative Bundesstaaten. Manche hier sehen aus, als wären sie gerade einem Film über die ersten Siedler entsprungen. Die Frauen kümmern sich im Schnitt um vier bis sechs Kinder. Sie tragen Kopfbedeckung und lange Kleider. Die Männer, meist bärtig, laufen mit Jeans und Holzfällerhemden herum. Alle sind freundlich und gut gelaunt. Die Sonne scheint.

Im „Dinosaur Adventure Land“ wird die Schöpfungsgeschichte erzählt, verteidigt und gepriesen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.“ Die ersten Worte aus dem ersten Buch Mose sind auf T-Shirts und Schlipse gedruckt, die im Souvenirladen hängen. Wasser und Land, Obst und Gemüse, Tag und Nacht, Fische, Säugetiere, Adam und Eva: Vor rund 6000 Jahren hat Gott die Erde erschaffen, an sechs Tagen, mit allem drum und dran. So steht es in der Bibel. Also stimmt es. Auf einem Schild, direkt am Eingang, steht: „Gottes Wort ist wahr.“ Menschen und Dinosaurier haben gleichzeitig gelebt. Es gab keinen Urknall, keine Evolution. Im „Dinosaur Adventure Land“ trifft die Genesis auf „Jurassic Park“.

Sharon und Ken Welker sind mit ihren vier Kindern angereist. Die Familie stammt aus Mount Vernon im Bundesstaat Illinois. Das ist mehr als 1000 Kilometer entfernt. Zwölf Stunden dauerte die Autofahrt. „Es tut gut, unter Gleichgesinnten zu sein“, sagt Ken, der erst vor fünf Jahren zum Glauben gefunden hat. Über die Zeit davor spricht er nicht gern. „Ich hatte Probleme, trank Alkohol, plötzlich trat der Herr vor mich.“ Ken strahlt. Der 40-jährige, kräftige Mann trägt ein schwarzes T-Shirt mit der aufgedruckten Suggestivfrage: „Wird dich die Straße, auf der du bist, zu meinem Ort führen? – Gott.“

Ken ist ein Wiedergeborener. Mehrmals am Tag trifft sich die Familie zum Gebet. Er wettert gegen Abtreibung und Homo-Ehe. Und er bekämpft die „Evolutionisten“, wie die Anhänger der Evolutionstheorie von den „Kreationisten“ genannt werden, also jenen, die an die Schöpfungsgeschichte glauben. Mit Deutschland ist Ken gut vertraut. Statt CNN oder die Abendnachrichten auf NBC, CBS oder ABC sehen er – und viele andere fundamentalistische Christen in den USA – täglich das „Journal“ der Deutschen Welle. Denn sie haben „Sky Angel“ abonniert, einen christlichen TV-Sender. Und mit dem hat die Deutsche Welle vor einem halben Jahr einen Vertrag über die weltweite Ausstrahlung des „Journals“ abgeschlossen. Allerdings unter einer Bedingung: Es darf nicht durch religiöse Botschaften unterbrochen werden.

Kreationisten in den USA sind keine Sekte. In einer Gallup-Umfrage vom November 2004 sagten 35 Prozent der Befragten, die Evolutionslehre lasse sich wissenschaftlich belegen, ebenso viele verneinten das. Die Meinungsforscher fragten auch nach den Ursprüngen des Lebens. Die Menschheit entwickelte sich unter Gottes Führung, sagten 38 Prozent. Gott schuf den Menschen in seiner jetzigen Form, sagten 45 Prozent. Nur 13 Prozent meinten, die Menschheit entwickelte sich ohne Gottes Hilfe.

Andere Daten bestätigen den Befund. In einer Zogby-Umfrage meinten 71 Prozent der Amerikaner, dass Schülern „Beweise gegen die Evolutionslehre“ vorgelegt werden müssten. Und der TV-Sender CBS ermittelte, dass immerhin 37 Prozent der Amerikaner die Schöpfungsgeschichte anstelle der Evolutionslehre unterrichtet wissen wollen. Selbst George W. Bush forderte im Wahlkampf gegen Al Gore, dass in den Schulen sowohl die Evolution als auch die Schöpfungsgeschichte gelehrt werden solle.

Kreationisten gegen Evolutionisten: Das ist ein Teil des amerikanischen Kulturkampfes. Ausgetragen wird er vor allem an den öffentlichen Schulen. In rund 40 der 50 Bundesstaaten sind Klagen anhängig gegen die Verbreitung der Evolutionslehre. In Cobb County, einem Bezirk in Georgia, wurde durchgesetzt, dass den Biologiebüchern ein Warnzettel beigelegt wird. Darauf steht: „Achtung, die Evolution ist eine Theorie, kein Faktum.“

Allerdings haben es die Hardcore-Kreationisten schwer. Ein Grundsatzurteil des Obersten Gerichts in Washington verbot es 1987 dem Bundesstaat Louisiana, die Schöpfungsgeschichte als Teil der wissenschaftlichen Ausbildung zu unterrichten. Die Richter beriefen sich auf die strikte Trennung von Staat und Religion. Doch der Spruch beflügelte die Gegner der Evolutionslehre. Anfang der 90er Jahre ersetzten sie die Schöpfungsgeschichte durch die „Intelligent-Design“-Theorie. Sie ist ausgeklügelt und intellektuell durchaus attraktiv. Zu ihren Anhängern zählen namhafte Akademiker.

Die „Designer“ akzeptieren, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist. Aber sie bestreiten, dass allein das von Charles Darwin propagierte Prinzip einer natürlichen Auslese für die Komplexität der Lebewesen verantwortlich ist. Michael Behe etwa, ein Biologieprofessor von der „Lehigh University“ in Pennsylvania, ist überzeugt davon, dass bestimmte Zellstrukturen ohne äußere Einwirkung niemals hätten entstehen können. Wer oder was diese Einwirkung verursacht hat, lassen die „Designer“ bewusst offen. Es könnte Gott, ein Außerirdischer, eine höhere Macht oder eine unbekannte Energieform sein. Über ihr Zentrum, das „Discovery Institute“ in Seattle, verbreiten sie ihre Theorie in Wort und Schrift. Das Jahresbudget in Höhe von mehr als einer Million Dollar wird überwiegend durch Spenden christlicher Organisationen finanziert.

Die „Intelligent-Design“-Lehre fußt explizit weder auf Gott noch dem Christentum. Dadurch verstößt sie nicht gegen das Grundsatzurteil des Obersten Gerichts und das in der amerikanischen Verfassung verankerte Gebot der Trennung von Staat und Kirche. Für das Gros der Wissenschaftler und Evolutionstheoretiker indes handelt es sich dabei um eine raffinierte Mogelpackung, gewissermaßen „Kreationismus light“. Die „Designer“ seien in Wahrheit Schöpfungsgläubige, die sich ein intellektuelles Mäntelchen umgehängt hätten. Ihre Lehre sei „teuflisch kluger Blödsinn“.

Doch der „Blödsinn“ setzt sich durch. In Dover, einem kleinen Ort in Pennsylvania, wird in diesen Tagen Schulgeschichte geschrieben. Zum ersten Mal in den USA wurde hier durchgesetzt, dass Biologielehrer an Gymnasien auch die „Intelligent-Design“-Lehre unterrichten müssen. Davon betroffen sind 2800 Schüler. Der neue Lehrplan gilt seit Anfang des Jahres. Der Streit darum war heftig. Mehrere Mitglieder der Schulaufsicht traten aus Protest zurück. Eltern und Bürgerrechtsorganisationen haben Klage eingereicht.

In Dover ist man gläubig und konservativ. Bush hat dort bei den letzten Wahlen 65 Prozent bekommen. Der Ort wurde im 18. Jahrhundert von einem Franzosen gegründet und zunächst „Voltaire“ genannt. Deutsche und englische Siedler aber fanden heraus, so hält es die Stadtchronik fest, dass Voltaire ein „Ungläubiger“ war. Deshalb änderten sie den Namen.

Die Gegner der Kreationisten werten das Votum von Dover als Dammbruch. „Konservative, religiöse Aktivisten benutzen die ,Intelligent-Design’-Lehre als neue Strategie, um die Evolution zu verbannen“, schimpft Eugenie Scott, die Direktorin des „National Center for Science Education“. Das Ergebnis der letzten Präsidentschaftswahlen habe diesen Kreisen „neue Energie“ gegeben. „Ich befürchte, in den nächsten Jahren wird deren Eifer noch zunehmen.“

Im „Dinosaur Adventure Land“ nähert sich die Gruppe dem „Creation Museum“. Dort hängen Messingschilder an der Wand. Ein Zitat wird Hitler zugeschrieben: „Lasst mich die Schulbücher kontrollieren, und ich kontrolliere den Staat.“ Aus Sicht der Kreationisten werden die Schulbücher von den Evolutionisten kontrolliert. Daneben steht: „Realität! Evolution ist eine Religion.“ Und daneben eine Warnung: „75 Prozent von christlich erzogenen Kindern, die auf eine öffentliche Schule gehen, sagen sich im ersten Collegejahr vom christlichen Glauben los.“

Der Gründer des Freizeitparks, Pastor Kent Hovind, hat ein kleines Buch verfasst. Es heißt: „Are You Being Brainwashed?“ – Wurde dir das Gehirn gewaschen? Die Evolutionslehre sei Grundlage von Hitlers Rassenideologie gewesen, schreibt er. Sie diene auch der kommunistischen Weltsicht. Wer sie wider besseres Wissen verbreite, verhalte sich kaum anders als „Hitlers Soldaten, die Juden in Konzentrationslagern ermordeten“. Zimperlich mit ihren Vergleichen sind die Kreationisten nicht. Im Kiosk um die Ecke wird ein T-Shirt verkauft. Ein großer Fisch, auf dem „Wahrheit“ steht, frisst einen kleinen Fisch mit Beinen, auf dem „Darwin“ steht. Auf einer Wand im Museum sind Auszüge aus Schulbüchern abgebildet. Es ist die „Lügengalerie der Evolutionisten“.

Licht aus, es wird dunkel. Ein Video wird gezeigt über die Schöpfungsgeschichte. Es ist zwölf Minuten lang. Im Zeitraffer sind die sechs Schöpfungstage zu sehen, dann der Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies, die Arche Noah und die große Flut. Ein Regenbogen sei Gottes Versprechen an Noah gewesen, nie wieder die Erde zu überfluten. Am Rande wird diskutiert. Der Tsunami: Hat Gott sein Versprechen gebrochen? Nein, sagt eine Frau, Gott habe uns warnen wollen. „Wir dürfen ihn nicht verraten.“

Dann ist Kinderstunde. Pastor Hovind ist dabei. Noah sei von allen verlacht worden, erzählt er den Kindern. „Werdet ihr auch manchmal wegen eures Glaubens verlacht?“ Einige nicken. „Wer von Gott gerettet werden will, muss das aushalten.“ Es folgt ein Bibelquiz. Die Kinder sind firm. „Eure Lehrer müsst ihr ehren“, sagt Hovind, „auch wenn sie falsche Lehren wie die Evolution verbreiten. Menschen irren oft, oder?“ — „Ja“, schallt es zurück. – „Kann Gott sich irren?“ – „Nein!“ – „Was Gott sagt, ist immer wahr.“

Gehirnwäsche, Indoktrination, Propaganda, Verschwörung: Dieselben Schlagworte, mit denen säkulare Menschen das Treiben von Sekten kritisieren, benutzen die Kreationisten, um die Evolutionstheoretiker zu diskreditieren. Es ist eine geschlossene Welt, die Widerspruch und Widerstand als Zeichen wertet, wie einst Noah auf Gottes Seite zu sein – gegen den ungläubigen, sittlich verdorbenen Rest der Welt.

Donald und Jackie Lorenz sind zum ersten Mal in „Dinosaur Land“. Beide sind tiefgläubig. Sie haben ihre Tochter Lulu mitgebracht. Donald, mit dichtem, langem Bart, arbeitet als Hausmeister in einer Schule, etwa zwei Autostunden entfernt. Doch Lulu schicken sie nicht auf eine Schule. Dort würde sie Dinge hören, die sie nicht hören darf. Die Mutter erzieht sie zu Hause. „Wir glauben an Jesus, den Erlöser, und essen koscher“, sagt Jackie. „Die ganze Bibel, das Alte und Neue Testament, ist Gottes Gebot.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben