Zeitung Heute : Herrenabend im Gruselkabinett

GÜNTHER GRACK

Die Komödie am Kurfürstendamm spielt "Das Geheimnis der Irma Vep" von Charles Ludlam Schauder und Spaß: reizvoll gemischte Gefühle will wecken, wer mit dem Entsetzen Scherz treibt wie der Amerikaner Charles Ludlam.Sein "Geheimnis der Irma Vep" ist eine Horrorkomödie, die dem Zuschauer einerseits den Atem nehmen, andererseits das Zwerchfell kitzeln soll.Der Schrecken, der sich in befreiendem Lachen löst: ein Spiel, das man sich gern gefallen ließe.Aber sind wir nicht längst abgestumpft gegen die Schocks, mit denen uns die Unterhaltungsindustrie auf den Leib rückt? Wer fürchtet sich schon noch vor Zombies, Werwölfen oder Vampiren, jenen Wesen, die sich im Namen von Ludlams geheimnisvoller Heldin als Anagramm verbergen? "Eingroschengrusel": bereits mit dem Untertitel verrät die Aufführung in der Komödie am Kurfürstendamm, daß hier mit dem Horror eher gespart wird.Der Abend ist vielmehr eine Parodie auf Gespenstergeschichten, wie man sie aus englischen Landhäusern kennt.Die Hausherrin, im Mühlbach ertrunken, wacht gleichwohl immer noch über das Anwesen: ihr Bildnis über dem Kamin ist dem Witwer heilig.Allerdings nur so lange, bis eine Nachfolgerin ihr den Platz streitig macht.Lady Enid fordert von Sir Edgar, Lady Irma abzuhängen - ein Sakrileg.Als Sir Edgar sich ein Herz nimmt und, zum Zeichen des Neuanfangs, einen alten Liebesbrief ins Kaminfeuer wirft, folgt prompt die Strafe der Verflossenen: ihr Bildnis wird lebendig, der Kopf der Lady wächst aus der Leinwand, und den treulosen Gatten trifft ein vernichtender Blick ... Ein Überraschungsmoment, wohlgelungen auch in Martin Woelffers Inszenierung, die von Andrew Hannan an seinem Synthesizer aus der Seitenloge musikalisch effektvoll akzentuiert wird.Absurd genug geht es da ja zu: Lady Enid muß sowohl um die Liebe Sir Edgars fürchten, der sich die Mumie einer ägyptischen Prinzessin ins Haus holt und wundersam entbindet, als auch um ihr eigenes Leben - erst will ihr ein vermummter Eindringling seine Zähne in den Hals schlagen, dann rückt ihr die Haushälterin mit dem Küchenbeil auf den Leib. "Eingroschengrusel", ein Zwei-Personen-Stück: alle Rollen, männlich wie weiblich, werden von Achim Wolff und Günter Junghans gespielt.Eine Sparmaßnahme, zu der schon Charles Ludlam in seiner Ridiculous Theatrical Company in New York gegriffen haben mag, und zugleich eine Herausforderung an komödiantische Virtuosität.Die Berliner Darsteller bestehen sie zur Zufriedenheit des Publikums, das spürbar belustigt verfolgt, wie die Herren hinter den Türen von Tom Prestings düsterer Landhaus-Szenerie blitzschnell die Kostüme wechseln, übrigens ohne mit ihren Stimmen ähnliche Anpassungsfähigkeit zu beweisen.Mann bleibt Mann - und an die Dreigroschenoper denken wir lieber nicht.GÜNTHER GRACKJeweils Fr-Sa, 20 Uhr, So 18 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar