Zeitung Heute : Herrin oder Magd

Friedrich Seven

In der Geschichte von Glauben und Denken geht es immer wieder um wechselseitige Platzanweisungen von Theologie und Philosophie. Bis heute wird darum gestritten, wer die Magd ist und wer die Herrin. Selbst wenn in friedensstiftender Absicht behauptet wird, es könne entweder auf den Glauben oder auf das Denken verzichtet werden, tauchen beide in den verdeckten Gestalten etwa von Astrologie oder positivem Denken wieder auf.

Gestritten wird um die Definitionsmacht über das, was wirklich sei und was wirklich werden sollte. Die Eingebung, von den verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit, von der existierenden Pluralität als Mythos, Poesie, Musik und bildender Kunst einfach auszugehen, scheint freilich in diesem Streit die größte Bedrohung. So gefährlich jedenfalls, dass ihr jede der beiden Kriegsparteien mit der List der Hierarchisierung begegnet. Magd und Herrin haben sich immer wieder so um die Macht im Haus gestritten, dass darin alle Vielfalt im Dunkel zu versinken drohte.

Kurt Hübner untersucht in seinem umfangreichen Buch "Glaube und Denken" die verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit, wie sie eben als Metaphysik, Ästhetik, Ethik, Mythos und Offenbarung existieren, um dann Verbindungslinien ziehen zu können, an denen die Verschiedenheiten nicht Schaden nehmen müssen. So fragt er das ganze Buch über, "in welchem Verhältnis Wirklichkeitsvorstellungen zueinander stehen, die sich eben nicht auf das gleiche ontologische Feld beziehen."

Denken und Glauben können nicht deckungsgleich werden, weil "hypothetisch gedacht" und "absolut geglaubt" wird. Zwischen Denken und Glauben besteht, religiös betrachtet, ein himmelweiter Unterschied, und irdisch gesehen sind beide grundverschieden. Verantwortliches Denken wird sich weder in seinen Ergebnissen, noch von seinen Voraussetzungen her absolut wähnen, während gerade der Glaube anderes sein will als das Fürwahrhalten einer Hypothese.

Hübner führt, um diese Differenz zu konturieren, den Leser in die Begründungsaporien der Philosophie ein. Er erinnert nämlich daran, dass Geschichte vor ihrem Begriff und vor ihrer Begründung geschieht, dass Sprache vor jeder Grammatik gesprochen wird und dass sich schließlich der Mensch als handelndes, sprechendes und denkendes Wesen nicht gegenständlich werden kann. Hübner über den Zusammenhang präreflexiver Subjektivität bei Sartre: "Das Subjekt ist in seiner notwendigen Selbstreflexion in sich gespalten, weil es sich immer selbst zuschaut, weil es, indem es in bestimmter Weise ist, als sich dabei zusehend doch mit diesem so Seienden nicht schlechthin identifiziert werden kann."

Der Philosoph aber möchte nun nicht dem Glauben jene Begründungsaufgabe zuspielen, die ein verantwortliches philosophisches Denken nicht mehr übernehmen kann und die der christliche Glaube nicht übernehmen will. Vom Denken führt kein logischer Weg zum Glauben, weshalb Hübner auch die verschiedenen Gottesbeweise widerlegt. "Wie es keine theoretischen Argumente gibt, den Glauben zurückzuweisen, so gibt es auch keine Argumente irgendwelcher Art, ihn anzunehmen." Nicht mit einer Verlagerung der metaphysischen Begründungsrelation nach außen, sondern im Entwerfen des christlichen Glaubens als einer existentiellen Möglichkeit der Horizonterweiterung kann der Mensch als endliches Subjekt aus einem im Szientismus befangenen Denken befreit werden.

Zur Gewähr für diese Eröffnung hebt Hübner auf den Begriff "Gnade" ab: "Man glaubt oder man glaubt nicht, der Glaube ist eine Gnade, und man gelangt nicht zu ihm durch stufenweises Lernen . Der endgültige Übergang zum Glauben ist immer ein unerklärlicher Sprung." Damit ist festgehalten, dass der Deutungsanspruch des christlichen Glaubens durch Menschen nicht monopolisierbar ist und etwa machtförmig als politische Theologie durchgesetzt werden kann. Glauben bedeutet nach Hübner eine Innenperspektive, die es ermöglicht, Geschichte und Welt in einem Zusammenzuhang zu begreifen, den Wissen und Spekulation nicht stiften können. Für den, der diese Innenperspektive inhaltlich nicht teilt, kann sie zumindest in der Form eines Distanzierungsangebots existieren und die Möglichkeit einer Differenzerfahrung aufzeigen. Glauben und Denken können so miteinander verbunden existieren, ohne vermischt zu sein, womit im übrigen eine alte Formel über das Verhältnis von Gott und Mensch aktiviert wird. Die gegenwärtig in den Feuilletons reklamierte Rehabilitierung der Religion wäre wohl vor allem eine Aufgabe für die Religion selbst.

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