Zeitung Heute : Herrn Zetsches Airbags

Daimler trennt sich von Chrysler? Heute nicht. Kein Wort davon bei der Hauptversammlung. Und einer geht

Marc Neller

Unter anderen Umständen wäre das, was ihm bevorsteht, ein Routinetermin.

Der Mann, der kurz vor halb zehn an diesem Mittwochmorgen aus seiner Limousine steigt, erst die Krawatte und dann seine Gesichtszüge sortiert, bevor er durch die Sicherheitsschleuse in den Bauch des Berliner Kongresszentrums ICC verschwindet, hat einiges erlebt. Er war als Vorstandssprecher der Deutschen Bank einer der mächtigsten deutschen Banker. Er war Teil der Deutschland-AG. Er ist 72 Jahre alt und von robustem Naturell. Er hat Krisen überstanden und Anschuldigungen, Vorwürfe über Insidergeschäfte unter anderem. Gemessen an den Dingen, die einen wie ihn umtreiben, sind Hauptversammlungen vor Aktionären Kleinigkeiten.

Diese nicht. Sie ist die letzte, die Hilmar Kopper als Aufsichtsratschef des Automobilkonzerns Daimler-Chrysler erlebt, nach 17 Jahren. Und das Unternehmen steht vor einer folgenreichen Entscheidung: der Trennung von Chrysler. Wenn man den Branchenmeldungen der vergangenen Tage und den Gesprächen auf den Fluren des ICC glauben darf, wird an diesem Dienstag das Ende der Welt-AG aufgeführt, zumindest ein Vorspiel dessen. Es sind nicht unbedingt die Voraussetzungen, die sich ein erfolgsverwöhnter Manager für seinen Abgang wünscht.

Als Kopper am VIP-Eingang durch die Sicherheitsschleuse ins ICC eilt, steht dort Willi Weiß. Er ist 50, kommt aus der Umgebung von Stuttgart, er hat 35 Jahre für „den Daimler“ gearbeitet, zuletzt als Controller. Vor einem Jahr ist er gegangen, er hat sich den Abschied vergolden lassen. Die Summe ist imponierend. Aktien hat er auch. Weiß ist nach Berlin gekommen, um zu sehen, ob das Management endlich mal eigene Fehler einräumt. Er meint Männer wie Kopper. Oder Zetsche, Dieter Zetsche, den Konzernchef.

Der ist zu diesem Zeitpunkt längst im Gebäude. Auch für Zetsche ist dieser Tag keine Routine. Seit er Mitte Februar erstmals eine Trennung von Chrysler ins Gespräch gebracht hat, wartet die Wirtschaftswelt darauf, dass er einen Käufer für die US-Sparte präsentiert. Daimlers Aktionäre, allen voran die, die einflussreiche Investmentfonds vertreten, haben vor der Hauptversammlung verlangt, Zetsche möge Klartext reden. Die Börse spekuliert auf ein rasches Ende der neunjährigen Partnerschaft, die Zetsches Vorgänger Jürgen Schrempp mal als Hochzeit im Himmel feierte. Auf den Fluren des ICC kursieren Gerüchte, dass es nun schnell gehen könnte. Dem Kurs der Aktie hat all das gut getan.

Kopper versieht seinen Dienst als Moderator dieser Veranstaltung. Irgendwann sagt er ein paar Worte zu seinem Abschied, er fasst sich kurz. Es fällt ihm nicht leicht. Seine Augen schimmern feucht, er streicht sich mit dem Zeigefinger über den Augenwinkel.

Dann schweigt Zetsche wortreich. Die meisten der rund 8000 Aktionäre standen am frühen Morgen noch an den Eingängen an, da ließ er eine Presseerklärung verbreiten. Zwar bestätigt er darin erstmals „Gespräche mit Interessenten“ für Chrysler. Von Details ist nicht die Rede. Daimler müsse sich „alle Optionen offenhalten“. Es ist die Sprachregelung, an die sich Zetsche auch in seiner gut 50-minütigen Rede und in der anschließenden Diskussion mit den Aktionären hält. „Alles läuft nach Plan.“ Spricht’s und unterzieht einige weitere rhetorische Airbags einem Belastungstest unter Realbedingungen.

Mag sein, die Kritiker sind vom funktionierenden Sicherheitssystem Zetsches beeindruckt. Die institutionellen Anleger „begrüßen, dass Sie die Trennung von Chrysler erwägen“, nicht umsonst sei der Kurs der Aktie wieder gestiegen. Sie fragen nach Plänen, falls der Verkauf misslinge. Sie kritisieren „die gescheiterte Asienstrategie“, überhöhte Bezüge von Zetsches Vorgänger Jürgen Schrempp. Unfähigkeit. EADS-Krise. In den Sand gesetzte Milliarden. Das Wort Desaster kommt in ihren Reden häufig vor. Ihre Schuldzuweisungen sind an die Männer gerichtet, die auf dem Podium der Kongresshalle sitzen.

Willi Weiß wird später an diesem Tag sagen, dass interessanter war, was Zetsche nicht gesagt hat.

Dass es wieder neue Leitlinien gebe. Und dass man das ja fast schon als Eingeständnis werten könnte, dass mit den bisherigen etwas nicht stimmte. Und dass die Revolution, trotz der erhitzten Stimmung im Vorfeld, auch auf dieser Versammlung ausgeblieben ist.

Man hat den Eindruck, er hätte noch einiges zu erzählen. Aber er muss jetzt los. Der Zug fährt in einer halben Stunde.

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