Hertha BSC : Die Kurve singt nicht mehr

Hertha deprimiert sich selbst und die Stadt

Stefan Hermanns

Draußen in der großen Welt hat Hertha BSC offenbar immer noch einen guten Ruf. Am Tag nach der 0:3-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt zum Start in die Rückrunde ist ein Team vom argentinischen Fernsehen zum Training gekommen. Man plant einen Film zur Weltmeisterschaft, aber die Recherche war wohl etwas dürftig. Wer denn die Nationalspieler seien, will der Reporter aus Südamerika von einem Kollegen aus Berlin wissen. „Die deutschen?“, fragt der zurück. Tja, Herthas deutsche Nationalspieler sind – Arne Friedrich, aber der trainiert heute wie schon seit Wochen leider nicht mit der Mannschaft.

So ist das: Von weitem mag man Hertha BSC immer noch für ein spannendes Projekt halten, aber je näher man herantritt, desto stärker schwindet die Faszination.

Die Berliner halten inzwischen lieber Abstand. Beim Auftakt der Rückrunde bleibt das Olympiastadion, wie so oft zuletzt, halbleer. 35 930 Zuschauer sind es offiziell – mitgezählt die Dauerkartenbesitzer, die aber gar nicht alle gekommen sind. Den Oberring hätte Hertha auch zusperren können. Und das nach 50 Tagen ohne seriösen Fußball und beim ersten Auftritt der Neuen, für die Hertha mehr als acht Millionen Euro investiert hat. Nur die Bayern haben in diesem Winter mehr Geld ausgegeben. Als das Spiel beginnt, scheint sogar die Sonne, der Himmel ist blau. Die Leute bleiben trotzdem zu Hause. Als hätten sie geahnt, was kommt.

Im Olympiastadion will schon seit Monaten keine Stimmung mehr aufkommen. Die Kurve singt nicht mehr, seitdem die Anführer, die Ultras, sich vom Verein gegängelt fühlen. Sie demonstrieren jetzt ihre Macht und Herthas Ohnmacht, indem sie einfach schweigen. Neunzig Minuten und noch lange danach sind im Olympiastadion nur die Frankfurter zu hören. Selbst die Pfiffe klingen inzwischen nur noch matt. Nach dem Spiel wird Dieter Hoeneß zum dürftigen Zuschauerzuspruch befragt. Er habe sich schon tausendmal zu diesem Thema geäußert, sagt Herthas Manager. „Was wollen Sie von mir hören?“ Ob man daraus nicht etwas ableiten könne? „Wir können daraus nur eines ableiten“, antwortet Hoeneß: „Besser Fußball zu spielen.“

Für das Unternehmen „Besserer Fußball“ hat Hoeneß im Sommer Lucien Favre verpflichtet. Favre, ein graziler Mann, taugt mit seiner ruhigen Art nicht zum Volkstribun, aber er hat der Stadt im Sommer zumindest einen Hauch von Aufbruch gebracht. Mit dem FC Zürich ist Favre – ebenfalls nach mühsamem Beginn – zweimal Meister geworden. Auch in Berlin spricht er anfangs ständig von den Titeln, die er mit Hertha holen will, und die Berliner sind geneigt, ihm zu glauben. Selbst im tristen Januar hat sein Zauber noch einmal gewirkt: Jetzt, da er endlich die Spieler hat, die seinen Ansprüchen genügen, kann es doch endlich losgehen.

Es geht ziemlich nach hinten los.

Null zu drei. Zu Hause. Nicht gegen Bayern oder Bremen. Gegen Eintracht Frankfurt, den wahrscheinlich einzigen Verein der Liga, der sich freudig zum Mittelmaß bekennt. Wenn sie bei Hertha so weiter- machen, müssen sie heilfroh sein, wenigstens Mittelmaß zu bleiben. „Das war ein Desaster für uns und für den Verein“, sagt Jaroslav Drobny, Herthas Torhüter, am Tag nach der Niederlage. Nur eine Stunde habe er in der Nacht geschlafen.

Lucien Favre sieht nicht so aus, als sei es bei ihm wesentlich mehr gewesen. Sein Blick ist müde, der ganze Körper hat einen dramatischen Spannungsabfall erlitten, als Favre am Tag danach zum Pressegespräch erscheint. Normalerweise begrüßt er die Journalisten mit einem freundlichen „Bonjour“, manchmal auch per Handschlag, heute setzt er sich auf seinen Stuhl und sagt: erstmal nichts. „Die Enttäuschung ist noch da“, sind seine ersten Worte. „Wir sind im Abstiegskampf. Ich habe keine Angst, das zu sagen.“ Der Mann, der Meister war, muss Hertha jetzt vor dem Absturz bewahren. Kann er das? „Du musst ruhig bleiben. Du musst das beherrschen“, sagt Favre.

Als er aufsteht und geht, lässt er seine Jacke am Stuhl hängen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben