Zeitung Heute : Herz auf dem Teller

CARLA RHODE

Reine Poesie: "Die dunkle Seite des Herzens" von Eliseo SubielaCARLA RHODEFrauen auf dem Prüfstand - in den grotesken Phantasien des Dichters Oliverio (Dario Grandinetti) gibt es so etwas! Wenn die Geliebte der Nacht seine Sehnsucht nicht erfüllen kann, auf dem Höhepunkt der Lust mit ihm einfach davonzufliegen, wird sie per Knopfdruck am Nachttisch und durch eine Falltür unterm Bett auf Nimmerwiedersehen ins Jenseits befördert.Der Schock darüber, wie dieser Supermacho die Frauen behandelt, läßt, je öfter sich dieser brutale Bett-Test wiederholt, immer stärker den heißen Wunsch entstehen, Oliverio möge an seine Meisterin geraten.An eine Frau, die ebenfalls davon träumt, daß die wahre Liebe sie in einen Schwebezustand versetzt - und die sich beim Scheitern des Experiments ähnlich rabiat verhält. Der Absturz des Partners in den Orkus ist nichts anderes als die Bild gewordene Redensart, jemanden "fallen zu lassen".In den Filmen des Argentiniers Eliseo Subiela (Letzte Bilder eines Schiffbruchs) sind solche Metaphern üblich, ohnehin sind die Grenzen zwischen Realität und Fiktion fließend wie in der südamerikanischen Literatur.Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, entwickelt dann aber einen unwiderstehlichen Sog. So real die Welt des armen Schreiberlings Oliverio auch beschrieben wird - er hält sich so einigermaßen mit Werbeaufträgen über Wasser - so sehr ist sie gleichzeitig eine Welt der Träume und Wunschvorstellungen.Und der Männerphantasien.Für Oliverio ist ziemlich gleichgültig, daß ihm der Ruhm für sein literarisches Werk versagt bleibt.Oder doch nicht so ganz? Er kauft fast die gesamte Auflage seines Gedichtbandes auf, um der Verramschung vorzubeugen.Solange seine Lyrik an Imbißstuben ein Zahlungsmittel ist, solange ihm an Bankschaltern für ein paar Verse ein paar Scheinchen herübergeschoben werden, kann er ganz seiner Obsession leben: der Suche nach der idealen Frau, Partnerin und Muse. Er findet sie.Ana (Sandra Ballestros) ist Animierdame.Wie ihre Vorgängerinnen hat sie lange, schwarze Locken und ist, ohne besonders schön zu sein, von spröder Attraktivität.Aber anders als alle anderen, ist sie an einer festen Bindung nicht interessiert.Ana entzieht sich Oliverio, umso hartnäckiger verfolgt er sie - ist es nicht immer die gleiche, banale Geschichte? Daß wir sie dennoch diesmal anders empfinden, liegt am melancholischen Grundton, auch an der Selbstironie, mit der Subiela nach eigenem Bekenntnis autobiographische Erlebnisse darstellt.Da liegt sein zuckendes Herz plötzlich vor ihm auf einem Teller, da steht der Tod lächelnd in der Tür, eine Frau - la muerte.Ihr widersteht Oliverio mit seinen Versen.Kreativität als Beweis seines Überlebenswillens - die Gedichte der drei großen südamerikanischen Lyriker der Gegenwart, von Girondo, Gelman und Benedetti, haben große Überzeugungskraft. Im fsk-Kino 

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