Zeitung Heute : Herz mit neuer Hoffnung

1961: große Liebe, dann verschwindet ein Mann. Nun verfolgt seine Frau besonders aufmerksam, ob sich die Lage in Nordkorea ändert

Björn Rosen[Jena]

Als ihr Mann sehr plötzlich nach Pjöngjang aufbrechen muss, trägt sie ihr zweites gemeinsames Kind schon in sich. Sie werden ihm hinterherreisen, denkt sie. Dass es dazu nicht kommen wird, ahnt Renate Hong in diesem Moment nicht.

Seine Briefe bewahrt sie heute sorgfältig in Pappkartons und Klarsichtfolien auf. Sie sind alles, was ihr außer Erinnerungen von dieser Liebe bleibt. Denn irgendwann kam kein Lebenszeichen mehr aus Nordkorea. Renate Hong hat gehofft, getrauert, sich nicht wieder verliebt. Irgendwann hat sie aufgegeben, 46 Jahre sind eine lange Zeit. Sie konnte nicht mehr glauben, ihn wiederzusehen. Bis dieses Schreiben kam.

Das Auswärtige Amt teilte ihr Ende Januar mit, dass der Mann, den sie suche, noch lebt. Auch was sie seither in den Zeitungen liest, macht Renate Hong wieder etwas Hoffnung. Mag sein, es ist schwieriger denn je, nach Nordkorea einzureisen. Doch das abgeschottete Nordkorea und der Rest der Welt verhandeln wieder miteinander. Immerhin.

„Sehr, sehr schöne Nachrichten“, sagt Renate Hong. Sie spricht langsam, ihr Ton ist nüchtern. Aber die Neuigkeiten der letzten Wochen haben sie aufgewühlt. Wenn sie von Ok-geun spricht, blickt sie auf den Couchtisch und streicht die Tischdecke glatt. Sie war 23, als er aus ihrem Leben verschwand, heute ist sie 69.

Renate Hong wohnt im neunten Stock eines Plattenhochbaus im Jenaer Stadtteil Lobeda, durch die Fenster ist die Autobahn Richtung Berlin zu sehen. Ein Buch des Journalisten Peter Scholl-Latour liegt herum, er schreibt darin auch über Nordkorea. Sie versucht immer noch, dieses Land zu verstehen. „Aber es gelingt mir nicht.“ Sie hatte aufgegeben, aber doch nicht ganz. Sie trägt noch den Namen ihres Mannes. Er steht im Telefonbuch, am Klingelschild und auf der Post, die sie bekommt. Renate Hong hat nie daran gedacht, ihn abzulegen – obwohl sie ihre Ehe formal vor 18 Jahren annullieren ließ. „Der Name“, sagt sie, „erinnert mich an die schönste Zeit meines Lebens.“

Diese Zeit begann im Jahr 1955. Renate Hong ist damals 18 Jahre alt und schreibt sich an der Uni Jena für Chemie und Biologie ein. Zur gleichen Zeit kommen rund 100 Austauschstudenten aus sozialistischen Bruderstaaten an die Universität, Rumänen, Bulgaren, Chinesen, Nordkoreaner; einer von ihnen ist der 21-jährige Ok-geun. Die Gäste sind eine Attraktion in Jena. Sie leben in einem eigenen Wohnheim. Im Hörsaal hat man für sie Plätze in der vordersten Reihe reserviert. Dort sieht Renate Hong ihren späteren Mann zum ersten Mal. Beim Immatrikulationsball kurz nach Semesterbeginn fordert er sie zum Tanz auf. Eine Band spielt Dixieland-Jazz und deutsche Schlager. Renate Hong trägt ein langes, grünliches Ballkleid, der Koreaner einen dunkelblauen Anzug. „Es war“, sagt Renate Hong heute, „Liebe auf den ersten Blick“.

Was ihr an ihm imponiert, sind seine Zuversicht und sein Humor. Renate Hong ist nicht nur überrascht, wie aufgeschlossen und locker Ok-geun ist. Sondern auch, wie viele Freiheiten die Koreaner genießen. Anders als die chinesischen Gaststudenten, die in Jena alles gemeinschaftlich unternehmen müssen.

Aber auch die Nordkoreaner haben einen Aufpasser aus der Heimat. Er kommt nachmittags ins Wohnheim und kontrolliert, ob die koreanischen Studenten an ihren Schreibtischen sitzen und lernen. Für den Aufenthalt in der DDR wurden nur die Besten ausgewählt; Nordkorea will, dass die Studenten mit dem Wissen aus Deutschland beim Wiederaufbau ihres durch den Koreakrieg schwer zerstörten Landes helfen. Dass sie über das Studium hinaus im Ausland bleiben, steht nie zur Debatte. Renate und Ok-geun Hong planen daher, gemeinsam nach Nordkorea zu gehen. Heute kommt ihr das naiv vor.

„Sicher hatten wir zu viele Illusionen. Wir konnten uns nicht vorstellen, je wieder getrennt zu sein“, sagt Renate Hong. Sie steht von ihrem Sofa auf und holt ein leicht vergilbtes Heft im DIN-A5-Format aus dem Wandschrank. Ein Heft mit chemischen Formeln, er hat es bei seiner Abreise vergessen. Es erinnert sie daran, wie schnell er Deutsch lernte. Und an seine Briefe. „Sie waren immer sehr schön formuliert.“ Für einen Moment wirkt Renate Hong sehr glücklich.

Auch Anfang des Jahres 1960 sah es nach Glück aus. Beide schließen ihr Studium ab. Im Februar heiraten sie, im Juni das erste Kind. Sie nennen den Sohn Hjon-zol, schließlich soll er in Nordkorea aufwachsen. Ok-geun erfährt, dass er ein weiteres Jahr in der DDR bleiben kann, um ein Praktikum in einem Chemiefaserwerk zu absolvieren. Im April 1961 aber gibt die nordkoreanische Botschaft in der DDR bekannt, dass Nordkoreaner das Land sofort verlassen müssen. Die Order kommt unerwartet, der Grund bleibt unklar. Möglich, dass das Regime in Nordkorea darauf reagiert, dass einige Landsleute aus der DDR nach Westdeutschland geflüchtet sind. Ok-geun soll sich binnen drei Tagen auf die Heimreise machen.

Der Tag des Abschieds hat sich in Renate Hongs Gedächtnis eingebrannt. Saalbahnhof, Jena. Sie trägt Hjon-zol auf dem Arm und einen zweiten Sohn im Leib. Sie hat Tränen in den Augen, wie ihr Mann, obwohl sie glauben, dass sie bald in Nordkorea zusammenleben werden.

Anfangs schreibt Ok-geun, „wie sehr er uns vermisst und wie hart das Leben in Nordkorea ist“, sagt Renate Hong. Später werden die Botschaften seltener, kürzer, irgendwann klingen sie formal. Ok-geun deutet an, dass die nordkoreanischen Behörden Post abfangen. Zwei Jahre nach seiner Abreise kommt keine Post mehr.

Renate Hong glaubt, dass der Kontakt von Nordkorea unterbrochen wurde. Ehen mit Ausländern waren in der dortigen Diktatur nicht erwünscht, Pjöngjang erkannte sie nicht an. Renate Hong bat die nordkoreanische Botschaft, ihrem Mann eine Reise in die DDR zu genehmigen. Die Antwort: Ok-geun werde in Nordkorea gebraucht. Das DDR-Außenministerium gibt Renate Hong zu verstehen, es habe nichts gegen eine Einreise von Ok-geun, aber man könne nicht sie nach Nordkorea lassen. Offizielle Begründung: Andere Frauen aus der DDR habe man von dort zurückholen müssen, weil sie nicht zurechtgekommen seien. Die katastrophale materielle Situation et cetera.

Renate Hongs Elan erlahmt. Sie arbeitet als Chemielehrerin, später in einer Arzneimittelfirma, sie hat einen Alltag zu bewältigen, zwei Kinder großzuziehen. In den 80er Jahren trifft sie zufällig einen alten Studienkameraden. Er sagt, ihr Mann lebe – in Hamhung. Sie lässt Ok-geun eine mündliche Botschaft übermitteln. Ob der Freund die Wahrheit gesagt, ob ihre Nachricht Ok-geun erreicht hat, weiß sie nicht. Nie kam etwas zurück.

Es fände sich in einer ihrer Kisten, wenn es so wäre. In drei Fotoalben hat Renate Hong dokumentiert, wie die beiden Söhne erwachsen wurden. „Ich dachte, das würde ihren Vater interessieren, sollte er es sich eines Tages anschauen können.“ Den älteren Sohn nennen inzwischen alle bei seinem deutschen Namen: Peter. Der jüngere, Uwe, ist wie sein Vater Chemiker geworden.

Die Frage ist, ob der Vater davon erfahren wird. Denn die ermutigenden Nachrichten sind das eine. Aber Nordkorea hat sich nach dem Zusammenbruch verbündeter kommunistischer Staaten noch stärker abgeschottet.

Doch im vergangenen Jahr hat Renate Hong noch einmal versucht, Ok-geun aufzuspüren. Auf einer Geburtstagsfeier hatte sie einen südkoreanischen Doktoranden kennengelernt. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, er stellte sie ins Internet. Ein Journalist aus Südkorea erfuhr davon, er machte den Fall bekannt und riet Renate Hong, sich an das Auswärtige Amt zu wenden. Zwei Monate später kam die überraschende Nachricht. Der internationale Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hatte herausbekommen, dass Ok-geun noch lebt. DRK und das Auswärtige Amt bieten weiter ihre Hilfe an. Renate Hong könnte demnach versuchen, eine Rot-Kreuz-Nachricht an ihn zu senden, einen Brief, der nicht verschlossen werden und keine politischen Inhalte enthalten darf. Das DRK würden den Brief übergeben. Nur, ob er Herrn Hong erreicht, weiß niemand.

Und was, wenn es so kommt. Wenn aber Herr Hong nichts mehr von seinem früheren Leben wissen will?

Das kann sich Renate Hong nicht vorstellen. Sie weiß, es ist unwahrscheinlich, dass sie ihn noch einmal sehen wird. Aber eben nicht ausgeschlossen. Sie weiß, dass Ok-geun in Nordkorea wohl nicht alleine geblieben ist und eine neue Familie hat. Sie würde das verstehen.

Aber schön wäre doch, wenn sich die Söhne und der Vater kennenlernten. Der Vater, glaubt Renate Hong, wäre stolz auf die Jungs.

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