Zeitung Heute : Herz sticht

Sie teilt sich mit ihrer Schwester ein Reihenhaus, spricht Öscher Platt und hat mal als Lehrerin für lernbehinderte Kinder angefangen. Jetzt ist Ulla Schmidt als Gesundheitsministerin Herrin über 300 Milliarden Euro. Und des Kanzlers Spezialistin für sozialdemokratische Klimafragen.

Cordula Eubel

Sie knipst ihr warmes Lächeln an. Zupft kurz am schwarzen Jackett und gibt ihre Wir-wollen-doch-die-Solidarität-erhalten-Textbausteine von sich. Ulla Schmidt strengt sich an. Denn der Kanzler braucht sie jetzt. Weniger für die Inhalte, hauptsächlich fürs Herz.

Es war keine einfache Aufgabe, der SPD-Fraktion vergangenen Dienstag die bevorstehende Gesundheitsreform einzutrichtern. Die Linie hatte Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung vorgegeben: Arbeitnehmer sollen das Krankengeld in Zukunft allein finanzieren. Echte Sozialpolitiker bekommen da Bauchschmerzen. Darum muss Ulla Schmidt sich jetzt so anstrengen. „Sie hat Brücken geschlagen“, sagt ein Teilnehmer der Fraktionssitzung. Das weiß der Kanzler zu schätzen.

Das war nicht immer so. Der Abend des 16.Oktober 2002. Draußen gab es ungewohnt frühlingshafte Temperaturen, drinnen Herbstliches: Wild und Spätburgunder. Gerhard Schröder hatte seine Ministerinnen und Minister ins Kanzleramt eingeladen, um sich für die letzten vier Jahre zu bedanken. Und um sich von einigen zu verabschieden. Am Morgen danach wollte er vor die Presse treten und sein neues Kabinett vorstellen. Ulla Schmidt wusste noch nicht, ob sie dazugehören würde. Seit Tagen spekulierten Medien und Parteikollegen darüber, dass die Gesundheitsministerin abgelöst werde. Schröder hatte nicht widersprochen, sondern die Gerüchte laufen lassen. Da kamen sogar der immer fröhlichen Rheinländerin Zweifel. „Die Ulla war auf 180“, erinnert sich ein Kabinettskollege an das Mahl im Kanzleramt.

„Ich war nie eine Wackelkandidatin“, beteuerte Ulla Schmidt später vor den Fernsehkameras, als sie deutlich gestärkt aus dem Postenpoker hervorging. Sie behielt nicht nur ihr Gesundheitsressort, sondern bekam noch das halbe Riester-Ministerium obendrauf. Ein Ergebnis, das viele verblüffte, aber keineswegs von ungefähr kam: Sie versteht es, Strippen zu ziehen. Und – wichtiger noch – sie kommt aus der Mitte der SPD. Parteikollegen mögen „die Ulla“, weil sie so herzlich ist – und sozialdemokratische Werte verteidigt. Wie die Solidarität.

Seit Oktober 2002 ist die 53-Jährige also Herrin über den großen Topf der Sozialversicherungen: Gesundheit, Rente, Pflege. Mehr als 300 Milliarden Euro – mehr als jeder andere Minister verwaltet. Sie habe den schwierigsten Job im Kabinett, findet Ulla Schmidt. Ihre Gesundheitsreform ist das Projekt des Jahres, vielleicht sogar der Legislaturperiode.

Ulla Schmidt ist nicht vom Fach. Psychologie- und Lehramtsstudium, Lehrerin für lernbehinderte Schüler in Stolberg, eine Bimmelbahn-Haltestelle von Aachen entfernt. In der Nähe wohnt sie noch heute mit ihrer Schwester Brigitte. In einem weißen Einfamilienhaus mit Vorgarten. „Die Menschen sind da alle ein bisschen wie ich“, sagt Schmidt. Hier muss sie nicht über Politik diskutieren, wenn sie in die Kneipe geht. Seit 1990 vertritt sie den Wahlkreis Aachen im Bundestag. Setzte 1997 fraktionsübergreifend die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe durch. Verdrängte nach der Wahl ’98 den alterfahrenen Sozialpolitiker Rudolf Dreßler als Fraktionsvize. Parteifreunde hatten ihr geraten, von den „weichen“ Themen wegzukommen.

Also hat sie gelernt, Wörter wie „morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich“ fehlerfrei aussprechen. Hat sich in die Tücken der Arzneimittelpreisspannenverordnung eingearbeitet. Aber was hilft es ihr? „Der theoretische Überbau fehlt“, lästern Wissenschaftler hinter vorgehaltener Hand. „Weiß die, wovon sie redet? Versteht die das?“ Den Vorbehalt erlebt die Ministerin immer wieder. „Das fragt bei einem Mann keiner“, schimpft Ulla Schmidt. In kaum einem Ressort tummeln sich so viele Sachverständige. Wie Bert Rürup, der Chef der Reformkommission für die Sozialsysteme.

Es sprach Bände, wie er die Ministerin bei der ersten Sitzung des Gremiums anlächelte. Leicht süffisant und von oben herab. Als ob er denken würde: „Na, Kleine, das mit den Krankenkassen werde ich schon regeln.“ Während Schmidt in ihren einleitenden Worten die Kommission lobte, guckte Rürup gequält auf die Uhr. „Das war ja eine sehr schöne Rede“, würgt sie der Professor ab, „aber ich denke, der eine oder andere hat noch ein paar Fragen.“ Ein Seitenhieb, live auf Phoenix. Da ist es dann aus mit der Herzlichkeit. In solchen Momenten gefriert Ulla Schmidts Lächeln zu einer Maske. Auch wenn sie es nicht gerne zeigt: Wenn ein Gesprächspartner sie nicht ernst nimmt, ist Schmidt dünnhäutig.

Ganz anders dagegen reagiert sie, wenn ihr CSU-Vorgänger Horst Seehofer sie im Bundestag als „unfähig“ attackiert. Dann rollt sie hinter dem Rednerpult im Reichstag ihr Manuskript zusammen und haut auf die Opposition ein. Mit bösen Worten und mit zackigen Papierrollen-Schlägen in der Luft. „Das lässt mich innerlich ruhig werden“, sagt Schmidt. Irgendjemand regt sich schließlich immer über die Gesundheitspolitik auf.

Wie kürzlich in Marburg. Eigentlich wollte Schmidt auf Einladung der hessischen SPD in Ruhe mit Vertretern von Selbsthilfegruppen diskutieren. Aber vor dem Saal im Nieselregen warten schon die Apotheker. Ein kleines Grüppchen, geschützt vom gläsernen Vordach. „Grün-Rot macht Apotheken tot“, steht auf Transparenten. Ulla Schmidt steigt aus dem silbernen Audi. Schwarzer Anzug, flache Schuhe, Perlenkette. Sie blickt auf die Transparente. Atmet kurz durch. Und geht nicht an den Demonstranten vorbei.

„Um die Ecke gibt es bestimmt fünf Apotheken, aber keinen einzigen Brötchenladen. Das ist das Problem“, wird sie später genervt sagen. Aber erst, als sie im Foyer mit dem jungen SPD-Kollegen spricht.

Den Lobbys traut sie nicht. Das haben die Ärzte der Ministerin beigebracht. Bei Champagner und Krabben im Glaskuppel-Restaurant des KaDeWe über den Dächern Berlins. „Wo drückt der Schuh?“, wollte die gerade ernannte Ministerin Anfang 2001 beim Neujahrsempfang der Ärzteschaft wissen. Mit denen hatte sich ihre grüne Vorgängerin Andrea Fischer gewaltig verkracht. „Ich habe gehört, er drückt gewaltig“, probierte Schmidt es mit rheinischem Charme. Statt Buhrufen erntete die bekennende Karnevalistin vereinzelte Alaafs. Beifall provozierte ihre erste Amtshandlung: Schmidt hob das Arzneimittelbudget auf und damit das wichtigste Instrument, die Mediziner zur Sparsamkeit beim Verschreiben zu zwingen. Das Ergebnis: Trotz aller Versprechungen, den Rezeptblock nicht zu ausgiebig für Verschreibungen zu nutzen, stiegen die Arzneimittelausgaben ungebremst. Ulla Schmidt hatte ihre Lektion gelernt.

Ihr uneingeschränktes Vertrauen hat nur einer erworben: der Kölner Gesundheitsökonom Karl Lauterbach, der in jedem ihrer Beratergremien mitmischt. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden die gleiche Sprache sprechen – das „Öscher Platt“, die Aachener Variante des rheinischen Dialekts. Vielleicht liegt es auch daran, dass der schmale Wissenschaftler (Markenzeichen: ewig strenger Seitenscheitel und Fliege) seine Ministerin hofiert. Wenn sie gemeinsam auf einer Pressekonferenz auftreten, schiebt er ihr eilfertig den Stuhl hin. Er erfüllt mit Sicherheit die Forderung von Schmidt: „Ich muss mich auf meine Leute ganz verlassen können.“ Der umtriebige Lauterbach sagt: „Wir glauben an die Zukunft dieses Systems und lehnen einen Systemwechsel ab.“ Er liefert die Gutachten, die in Ulla Schmidts gesundheitspolitisches Weltbild passen. Damit will die machtbewusste Aachenerin die Reformbewegung nach ihren Idealen führen. Oberstes Credo: „Die Solidarität muss erhalten bleiben.“ Wenn da nicht die mächtigen Kräfte wären, die sie vor sich hertreiben.

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